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Alpen ohne SchneeFrau Holle streikt in Ischgl

In den Skigebieten sollen bald die Lifte öffnen. Doch in den Alpen liegt kaum Schnee. Im Tiroler Ischgl lassen sich Bahnbetreiber und Hoteliers davon nicht beeindrucken – sie wollen in Kürze in die Saison starten.Andreas Dörnfelder, Franz Hubik 16.11.2015 - 10:23 Uhr Artikel anhören

Ischgl.

Serafin Siegele ist eigentlich übermächtig. Er kann auf Knopfdruck dafür sorgen, dass es schneit. Siegele ist Pistenchef in einem der größten und bekanntesten Skigebiete der Alpen: Ischgl. Damit ist er Herr über 1000 Schneekanonen. Innerhalb von drei Tagen kann Siegele zwei Drittel seiner insgesamt 238 Kilometer Pisten in eine Winterlandschaft verwandeln. Es gibt nur ein Problem: Damit die Schneekanonen funktionieren, braucht es Frost. Doch davon ist selbst auf 2.300 Metern Höhe im österreichischen Tirol noch keine Spur.

Meteorologen melden den wärmsten November seit dem 18. Jahrhundert. Auf der Ischgler Idalpe, von der aus die meisten Lifte in alle Winkel der riesigen „Silvretta Arena“ starten, herrschen derzeit Temperaturen von zehn Grad plus und mehr. Größere Schneereste liegen nur noch in einigen schattigen Seitentälern des Skigebiets. Nicht nur in Österreich ist es ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit. Eine regelrechte Hitzewelle hat auch die Südseite der Alpen erfasst.

Die Lieblingsziele der Deutschen in Österreich
Burgenland - 0,8 Prozent(Gemessen an der Zahl der Übernachtungen 2014)
Niederösterreich - 1,7 Prozent
Oberösterreich - 3,1 Prozent
Steiermark - 4,6 Prozent
Wien - 5,4 Prozent
Kärnten - 8,6 Prozent
Vorarlberg - 9,8 Prozent
Salzburg - 20,4 Prozent
Tirol - 45,6 ProzentQuelle: Österreich Werbung

Für Serafin Siegele und sein Team dürfte es damit eng werden: Am 28. November will Ischgl in die neue Saison starten. Die meisten der 12.000 Gästebetten im Ort sind schon längst gebucht. Zur Eröffnung sollen die „Beach Boys“ singen. Seit Gründung der Seilbahngesellschaft 1962 wurde der „Tag X“ immer gehalten. Mehr noch: Allen Theorien vom Klimawandel zum Trotz verlegten die Ischgler ihren Start immer weiter nach vorne. War es im nahen St. Anton noch grün, wichen die Gäste ins höher gelegene Ischgl aus. Die Saisoneröffnung zu verschieben, wäre eine kleine Katastrophe für Liftbetreiber und Hoteliers.

Doch, dass die Pisten grün bleiben, wird zunehmend wahrscheinlich: Prognosen zeigten, dass es bis in den Dezember hinein überdurchschnittlich warm bleibe, sagt Stefanie Gruber von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Innsbruck. Wegen der frühlingshaften Temperaturen habe sich in den Alpen noch keine Schneedecke gebildet, erklärt Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst. Ein Wintereinbruch sei auch in dieser Woche nicht sicher absehbar. Immerhin: In den letzten Novembertagen bestünde Hoffnung auf Temperaturen unter null Grad, sagt Friedrich. Den Frost brauchen die Schneekanonen, um die Pisten beschneien zu können.

Darauf setzen auch die Ischgler Gastwirte. Alfons Parth ist Obmann des Tourismusverbands Paznaun Ischgl. In seinem Büro hängen Plakate von Superstars, die in den vergangenen Jahren im Skigebiet aufgetreten sind: Elton John, Pink, Robbie Williams, Rihanna. Die Botschaft: Wenn die Ischgler etwas wollen, dann schaffen sie es auch. Die Frage nach einem Plan B für den Fall, dass die Hänge und Wiesen zur Eröffnung grün sind, beantwortet Parth erst gar nicht: „Bei uns wird man Ende November Ski fahren. Das Opening ist ein Fix-Date und wir verschieben das nicht.“

Auch Anna Lenz lässt sich nicht beirren. Die Seniorchefin der Frühstückspension „Waldrast“ steht auf ihrem Balkon und schaut hinab auf das sonnendurchflutete Ortszentrum. „In 14 Tagen kann viel passieren“, sagt Lenz, die 16 Betten hat. „Über Nacht kann ein halber Meter Schnee fallen.“ Und wenn nicht? Lassen sich die Zimmer dann kostenlos stornieren? Lenz schüttelt den Kopf. „Darüber mache ich mir überhaupt keine Gedanken.“ In mehr als 60 Jahren sei die Eröffnung nie verschoben worden. „Das wird nicht eintreffen.“

Massentourismus in den Bergen

Die Alpen werden zum Freizeitpark

Etwas vorsichtiger klingt Hannes Parth, Vorstandschef der Silvrettaseilbahn AG. „Den Beach Boys ist es egal, ob hier Schnee liegt oder nicht.“ Die Band sei für die Eröffnungsfeier fest gebucht. Wenn dann aber kein einziger Lift laufe, sei das schon ein Problem. Unten schlängeln sich Lastwagen durch Ischgls Gassen und liefern Bier, Wein und Sekt für die Après-Ski-Partys. Oben hat die tief stehende Sonne die dunkel verglaste Vorstandsetage der Talstation so stark aufgeheizt, dass es im Pullover kaum auszuhalten ist.

Der boomende Wintertourismus in Ischgl hat das Seilbahnunternehmen zu einem der reichsten der Region gemacht. Bei 70 Millionen Euro Umsatz erzielte die Bahn 2014 einen Gewinn von 14 Millionen Euro. Dazu weist sie eine Eigenkapitalquote von 90 Prozent aus, hat also fast keine Schulden. Bis heute hat die Seilbahn 230 Millionen Euro Eigenkapital angehäuft – eventuelle stille Reserven nicht eingerechnet.

Der Schnee lässt auf sich warten.

Foto: Franz Hubik

Vorstandschef Parth muss kämpfen, um das Geld im Unternehmen zu halten. Vor allem die an der Aktiengesellschaft beteiligten Nachbargemeinden hätten gern einen Teil des Gewinns. Doch Parth verweigert die Ausschüttung einer Dividende. Er investiert das Geld lieber in modernere Lifte und in noch modernere Beschneiungstechnik.

Etwa 50.000 Euro kostet eine der trommelförmigen Schneekanonen. Sie blasen unzählige zu Schnee gefrierende Wassertröpfchen auf die Piste. Aus einem Kubikmeter Wasser machen die Anlagen etwa 2,5 Kubikmeter Kunstschnee, die etwa zwölf Euro kosten. Die riesigen Wasserreservebecken in den Bergen sind da eingerechnet. Pro Saison gibt Ischgl rund zehn Millionen Euro für Kunstschnee aus.

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Was aber, wenn die Meteorologen recht haben und es langfristig tatsächlich immer wärmer wird? Haben Wintersport-Orte wie Ischgl dann überhaupt eine Zukunft? „Klar“, sagt der Hotelier Günther Aloys. Der 68-Jährige, den der „Spiegel“ einst den „Schneekönig“ von Ischgl nannte, hat sich einen Namen als Visionär für die Tourismuswirtschaft gemacht. „Ich lebe nicht in der Gegenwart, ich lebe in der Zukunft“, sagt Aloys.

Noch erscheinen manche seiner Ideen aber ziemlich ambitioniert. Um auf Dauer frostige Temperaturen am Berg zu garantieren, will er Kühlschlangen unter der Grasnarbe installieren. „Wie eine Bodenheizung, nur umgekehrt.“ Wenn das nicht reicht, soll ein gläsernes Dach über der Piste dafür sorgen, dass alle Welt auch im Sommer in Ischgl Skilaufen kann. Er meine das ernst, sagt Aloys. Finanzierbar sei das alles „locker“. Und technisch überhaupt gar kein Problem. „Wir fliegen schließlich auch auf den Mond.“

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