Sportbusiness: Geldmaschine Premier League hängt europäische Fußball-Ligen ab
London. Ist er ein Mittelfeld-Magier oder ein Fehleinkauf? Über keinen Deutschen wird im Moment in Großbritannien mehr diskutiert als über Florian Wirtz. Seit der 22-jährige Fußballprofi im Sommer für umgerechnet mehr als 130 Millionen Euro von Bayer Leverkusen zum englischen Meister FC Liverpool gewechselt ist, spielt er auf der fußballverrückten Insel unter dem Mikroskop der Experten.
Wenn es an diesem Samstag zum Topspiel zwischen Chelsea und Liverpool an der Londoner Stamford Bridge kommt, müssen Wirtz und Liverpool nach zwei Niederlagen hintereinander beweisen, dass sich der Großeinkauf gelohnt hat.
Rund 480 Millionen Euro hat der amtierende Champion der Premier League (PL) in der Sommerpause insgesamt für neue Spieler ausgegeben. „Liverpool spielt nicht wie ein Top-Team“, konstatiert der Sportanalyst Jamie Carragher und fordert, den bislang strauchelnden Wirtz auf die Ersatzbank zu setzen.
Bayern München schaut sauer nach England
Wirtz wurde auch von Bayern München umworben. Die Münchener zogen aber gegen Liverpool den Kürzeren. Es war nicht die einzige bittere Niederlage des deutschen Meisters gegen einen Premier-League-Club: Auch der deutsche Nationalspieler Nick Woltemade landete nicht wie erhofft in München, sondern für umgerechnet 75 Millionen Euro bei Newcastle United.
Bayern-Grande Karl-Heinz Rummenigge gratulierte hinterher säuerlich dem VfB Stuttgart dafür, dass der ehemalige Woltemade-Club „einen Idioten“ gefunden habe, der bereit gewesen sei, so viel Geld für den noch jungen Torjäger zu bezahlen. Mit anderen Worten: Bayern bleibe vernünftig und mache den Transfer-Wahnsinn der Premier League nicht mit.
Die Zahlen scheinen Rummenigge auf den ersten Blick recht zu geben: Die 20 Clubs der englischen Top-Liga haben im Sommer rund 3,5 Milliarden Euro für neue Spieler ausgegeben.
Das war nicht nur ein neuer Rekord, sondern auch 200 Millionen Euro mehr als alle Spitzenclubs in Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich zusammen. Bayern-Ehrenpräsident Uli Hoeneß bezeichnete die Transfersummen als „völlig gaga“ und forderte von den Bundesliga-Vereinen mit Blick auf die englische Konkurrenz: „Wir müssen Stärke zeigen und nicht das Geld der Araber und der amerikanischen Hedgefonds nehmen.”
Anders als in Deutschland, wo die sogenannte „50+1“-Regel der Deutschen Fußball Liga (DFL) den Vereinen und damit mittelbar den Fans eine Mehrheit sichert und somit eine Übernahme der Clubs durch finanzkräftige Investoren verhindert, sind viele der traditionsreichen englischen Fußballclubs längst in der Hand von reichen Ausländern.
Das gilt auch für den FC Liverpool, der bereits seit 2010 zur amerikanischen Fenway Sports Group (FSG) gehört. Gegner Chelsea wurde vor drei Jahren für mehr als vier Milliarden Pfund von einem US-Konsortium unter der Führung des Privatinvestors Todd Boehly und der Private-Equity-Gruppe Clearlake Capital übernommen. Und Newcastle United befindet sich zu 85 Prozent im Besitz des saudischen Staatsfonds PIF, der gerade noch einmal knapp 112 Millionen Pfund in den Club investiert hat.
Fair-Play-Regeln sollen Exzesse vermeiden
Dass beim Fußball-Monopoly der Superreichen fair gespielt wird, dafür sollen in England die sogenannten „Profit and Sustainability“-Regeln der Liga sorgen, wonach die Clubs in drei aufeinanderfolgenden Spielzeiten keinen Verlust von mehr als 105 Millionen Pfund ausweisen dürfen.
Obwohl es zahlreiche Ausnahmen gibt, haben die Regeln bereits zu Sanktionen geführt: So wurden dem FC Everton in der vorvergangenen Saison sechs Punkte wegen Verstößen gegen das Financial-Fair-Play abgezogen.
Gespannt wartet die Liga auf das Urteil gegen den Spitzenclub Manchester City, dem insgesamt 115 finanzielle Vergehen vorgeworfen werden. Darunter auch verdeckte Zuschüsse durch den arabischen Mehrheitseigner Scheich Mansour bin Zayed aus Abu Dhabi. Obwohl die Ermittlungen der PL bereits seit 2019 laufen, gibt es immer noch kein Urteil. Im schlimmsten Fall könnte dem vom Erfolgstrainer Pep Guardiola gemanagten Club ein Zwangsabstieg aus der Premier League drohen.
Außerdem hat die britische Regierung im Sommer mit dem „Independent Football Regulator“ eine neue Aufsichtsbehörde ins Leben gerufen, die nicht nur darauf achten soll, dass die Finanzregeln von den Clubs auch eingehalten werden. Investoren und Geschäftsführer werden einem gesonderten Eignungstest unterzogen.
Grund für das Einschreiten ist, dass englische Fußballfans immer wieder gegen hohe Ticketpreise und den Ausverkauf ihres Lieblingssports protestieren. Viele haben dabei das Schicksal von Leeds United vor Augen, einem Club, der Anfang der Jahrtausendwende unter einem Schuldenberg finanziell kollabierte.
„Die verschärfte Kontrolle der Behörden und die Sanktionen bei Verstößen auf nationaler und europäischer Ebene scheinen einige Vereine zum Umdenken bewegt und generell zu einem besseren Gleichgewicht zwischen Kosten und Einnahmen geführt zu haben“, schreiben Timothy Bridge und Jennifer Haskel von der Wirtschaftsberatung Deloitte in einer Analyse, in der sie die Finanzlage der PL-Clubs unter die Lupe nehmen.
Sie verweisen darauf, dass sich die operativen Erträge der Vereine seit der Saison 2018/19 sukzessive verbessert haben. Was auch daran lag, dass der sportliche und finanzielle Erfolg oft Hand in Hand geht. Clubs mit Verlusten stiegen aus der PL ab, wohingegen die Aufsteiger auch finanziell gesünder dastehen.
Sportlich ist die Erfolgsbilanz der rasanten Kommerzialisierung des englischen Fußballs ohnehin unbestritten. Sechs Spitzenteams aus England spielen in der Champions League – das sind mehr als aus jeder anderen europäischen Liga.
Die Premier League ist zudem zu einem globalen Zuschauermagneten geworden, rund 3,5 Milliarden Pfund wird die Liga nach Schätzungen der Wirtschaftsberatung Deloitte in der laufenden Saison allein durch den weltweiten Verkauf von Übertragungsrechten einnehmen. Dazu kommen weitere 2,4 Milliarden Pfund durch kommerzielle Aktivitäten wie das Merchandising.
England ist ein Magnet für Top-Talente
Ihre Anziehungskraft verdankt die Premier-League auch ihrem intensiven Wettbewerb, bei dem meist sechs Clubs um die Meisterschaft kämpfen. In Deutschland dominiert dagegen seit Jahren der FC Bayern die Konkurrenz. In Frankreich ist es Paris Saint-Germain und in Spanien wechseln sich meist Real Madrid und der FC Barcelona im Titelrennen ab.
Das sportliche Niveau hat offenbar auch Wirtz und Woltemade auf die Insel gelockt. Zumindest für den Ex-Stuttgarter und seinen neuen Verein Newcastle war der Wechsel keine Dummheit: Woltemade hat schon zwei Mal in der Premier League getroffen.