Wenn Hacker die Barbie kapern: Agentin im Kinderzimmer
Großer Lauschangriff auf junge Konsumenten?
Foto: dpaMünchen/Düsseldorf. Der Verkäufer in der Spielwarenabteilung stutzt. Danach hat heute wohl noch keiner gefragt. Doch er marschiert strammen Schrittes los, vorbei an den Brio-Holzeisenbahnen zu einem Regal mit Puppen. „Mit der kann man sprechen“, sagt er mit einem Fingerzeig und eilt wieder zurück in den vorweihnachtlichen Trubel.
Gemeint ist Cayla. Mit blonden Haaren, rosa Jacke und riesigen Augen ähnelt sie den vielen Mädchenträumen drum herum. Doch in einem unterscheidet sich die Puppe: Sie kann ins Internet gehen – und dann soll sie Fragen zu Mathe oder Rechtschreibung beantworten, sich mit Kindern über Familie, Schule und Hobbys unterhalten und Tic-Tac-Toe spielen. „Sie hat MILLIONEN Dinge zu erzählen!“, prangt auf der Verpackung. Und: „Ich weiß so viel über dich.“
Ein Verkaufsschlager scheint die Puppe mit Internetanschluss nicht zu sein. In dieser Düsseldorfer Karstadt-Filiale drängen sich die Kunden zwischen den Regalen mit Lego, Playmobil und Steiff, traditionellem Spielzeug also. Doch sie ist ein Zeichen dafür, dass das Internet die Kinderzimmer erreicht. Just zur Weihnachtszeit zeigen zwei Vorfälle, welche Gefahren damit verbunden sind: Eine vernetzte Barbie wurde mit Sicherheitslücken auffällig, beim Lernspielzeughersteller VTech konnten Hacker gar die Daten von Millionen Nutzern erbeuten. Was Fachleute nicht überrascht, versetzt Eltern in Sorge.
Alexander Geschonneck würde kein vernetztes Spielzeug kaufen, aus Prinzip: „Ich bin berufsparanoid“, betont der Experte für IT-Forensik von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Dass Hacker Sicherheitslücken in solchen Spielzeugen entdecken, überrascht ihn nicht. „Jede Branche macht schmerzhafte Erfahrungen damit, was es bedeutet, sich zu digitalisieren.“ Ähnlich wie bei Herstellern von vernetzten Autos oder Geräten zur Hausautomatisierung fehle anfangs oft das Bewusstsein für die IT-Sicherheit. Wenn auch mit eklatanten Auswirkungen.
Für die meisten Hersteller ist es eine gänzlich neue Erfahrung, ins Visier der Hacker zu geraten. Vernetztes Spielzeug sei noch ein recht kleiner Bereich des Sortiments, unterstreicht Ulrich Brobeil, Geschäftsführer des Deutschen Verbands der Spielwarenindustrie. Gleichwohl sei schon seit einiger Zeit zu erkennen, dass immer mehr Puppen, Autos oder Lerncomputer mit dem Internet verbunden seien. Das sei auch nicht weiter überraschend, meint Brobeil: „Unsere Branche bildet das Große im Kleinen ab.“ Seit Jahren gebe es einen Beirat für Spielzeugsicherheit in dem Verband. Doch das reiche wohl nicht mehr aus, meint Brobeil. Schließlich ging es da bisher vor allem um Materialien, um mechanische Sicherheit. Daher will der Manager nun eine Expertengruppe zu IT-Sicherheit einrichten.
Das scheint dringend nötig. Bei VTech drangen Hacker in die Datenbank des Unternehmens ein. Darin waren die Profildaten von Millionen Kindern und Eltern gespeichert, in vielen Fällen inklusive Porträtbildern. Hierzulande waren eine halbe Million Kinderprofile sowie 400.000 dazugehörige Elternkonten betroffen. Die Firma aus Hongkong entschuldigte sich inzwischen für den Vorfall und kündigte an, die Systeme sicherer zu machen.
Die deutsche Zapf Creation AG aus dem oberfränkischen Rödental ist nach eigenen Angaben Europas größter Puppenhersteller und vertreibt Marken wie die „Baby Born“. 2014 machte das Unternehmen einen Umsatz von 58,9 Millionen Euro.
Quelle: Unternehmensangaben
Foto: dpaAuch Bruder hat sich spezialisiert: Das Fürther Familienunternehmen bietet Spielfahrzeuge im einzigartigen Maßstab 1:16 an. Das Unternehmen ist auch international tätig und unterhält für den nordamerikanischen Markt ein Lager in den USA. 2014 wurde ein Umsatz von 75 Millionen Euro erwirtschaftet.
Foto: dpa/picture-allianceDer 1877 von Margarete Steiff gegründete Plüschtierhersteller erlebte 2014 eine herbe Niederlage: Der Europäische Gerichtshof entschied, dass der Hersteller keinen Schutz des europaweit bekannten Markenzeichens „Knopf im Ohr“ mehr beanspruchen kann. Einem Knopf im Ohr fehle es schlicht an Unterscheidungskraft. Umsatzwerte von Steiff liegen nur für 2013 vor, in diesem Jahr erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 93,27 Millionen Euro.
Foto: dpaDas international tätige Unternehmen Schleich aus Schwäbisch Gmünd produziert handbemalte, möglichst originaltreue Hartgummifiguren. 2014 wurde Schleich, das 1986 in Konkurs gegangen war, durch den französischen Investor Ardian für 220 Millionen Euro gekauft. 2013 betrug der Umsatz 106 Millionen Euro.
Foto: dpaDie international tätige Unternehmensgruppe mit Hauptsitz in, nun ja, Ravensburg, ist auch heute noch weltweit vor allem durch die Herstellung von Gesellschaftsspielen und Puzzles bekannt. Der Umsatz 2014 betrug 373,2 Millionen Euro.
Foto: dpaDer Systemspielzeughersteller der zur Geobra Brandstätter Stiftung mit Sitz im fränkischen Zirndorf gehört, produziert seit 1974 seine nach dem Kindchen-Schema konstruierten Figuren. Mit seinen ursprünglich „Klickies“ genannten Figuren erwirtschaftete Playmobil 2014 einen Umsatz von 535 Millionen Euro.
Foto: dpaDie Simba-Dickie-Group tätigte 2013 einen prominenten Zukauf: Der Spielwarenhersteller, der sich einst durch einen Zusammenschluss der Unternehmen Simba Toys und Dickie Toys gegründet hatte, kaufte den insolventen Modelleisenbahnhersteller Märklin. 2014 betrug der Umsatz der Unternehmensgruppe 602 Millionen Euro.
Foto: dpaDer Name des Unternehmens leitet sich vom dänischen „leg godt“, zu deutsch: „spiel gut“ ab. Der Kult um Legosteine lässt das Unternehmen weltweit Milliarden verdienen – trotzdem ist der Konzern, 2014 nach eigenen Angaben noch Nummer Eins der Branche, mit einem Umsatz von umgerechnet 3,8 Milliarden Euro nur noch die Nummer drei der Spielzeughersteller.
Foto: apZu dem US-Konzern Hasbro – zusammengesetzt aus den Worten Hassenfeld Brothers – gehören Marken wie die mittlerweile auch auf der Kinoleinwand vertretenen „Transformers“-Spielzeugfiguren, das Rollenspiel Dungeons & Dragons und das Brettspiel Monopoly. Mit diesem breiten Angebot erwirtschaftete der Konzern 2014 einen Umsatz von rund vier Milliarden Dollar.
Foto: ReutersDer Branchenprimus Mattel steht immer wieder in der Kritik – mal wegen den Bedingungen in Fertigungsstätten in China, mal wegen einer Multimedia-Barbie, die Eltern hilft, ihre Kinder zu belauschen. Dennoch machte der Konzern, der auch die Hauptlizenzen für Batman- und Harry-Potter-Spielzeuge besitzt, 2014 einen Umsatz von rund 6,2 Milliarden Euro. Das ist der Spitzenwert im Spielzeuggeschäft.
Foto: apBei „Hello Barbie“ haben Experten mehrere Sicherheitslücken entdeckt, die gewieften Angreifern einen weitreichenden Datenzugang gewährt hätten. Brisant ist das nicht zuletzt, weil die Firma Gespräche der Kinder bis zu zwei Jahre auf seinen Servern speichert. Die Puppe des US-Konzerns Mattel wird in Deutschland jedoch nicht verkauft.
Wie IT-Sicherheit mitgedacht werden kann, zeigt die Firma Elemental Path, die mit einem schlauen Dinosaurier Schlagzeilen gemacht hat – er beantwortet Spracheingaben mit Hilfe von Watson, also künstlicher Intelligenz von IBM. „Wir wussten, dass wir sensible Informationen speichern müssen, um ein personalisiertes Spielzeug anbieten zu können“, erklärt Gründer JP Benini. Sein Team habe daher vom ersten Tag an auf IT-Sicherheit und Datenschutz Wert gelegt.
So werde jede Datenübertragung anonymisiert und mit Industriestandards verschlüsselt – im schlimmsten Fall soll nur eine begrenzte Menge Daten nach außen dringen. Das Start-up aus New York verspricht außerdem, Lücken schnell zu schließen und die Sicherheit der Plattform regelmäßig zu überprüfen.
„Und um Eltern letztlich die Kontrolle über die Daten ihrer Kinder zu geben, bieten wir einen ,Kill Switch’ an“, sagt Benini. Heißt: Mit einem Klick lassen sich alle personenbezogenen Daten löschen. Bei Elemental Patch gilt allerdings wie bei allen anderen: Man muss darauf vertrauen, dass die Firma es richtig macht.
Dass die Sicherheitslücken ausgerechnet jetzt publik werden, ist für die Spielwarenhändler ungünstig, könnten die Meldungen doch die Kunden verunsichern. In den Wochen vor Weihnachten erwirtschaften die Geschäfte hierzulande rund 40 Prozent des Jahresumsatzes. Bei Deutschlands größtem Händlerverbund, der Nürnberger Vedes, steht das Thema IT-Sicherheit daher inzwischen ganz oben auf der Agenda.
Die Genossenschaft reagiere bei Gefahr sofort, erklärt Marketingchef Stephan Bercher: „Wir als Verbundgruppenzentrale weisen unsere Händler unverzüglich per Blitzinfo auf uns bekannt gewordene Missstände hin, leiten Informationen des Herstellers weiter und geben gegebenenfalls Hilfestellung, wie Fragen von Endverbrauchern beantwortet werden sollen.“ Doch Bercher warnt: Natürlich sei auch jeder Nutzer von vernetzten Angeboten gefordert, den Umgang mit den eigenen Daten selbstkritisch zu überwachen.
Kurzfristige Besserung ist kaum in Sicht – IT-Sicherheit lässt sich nicht verordnen, dafür braucht es Fachleute und Prozesse. „Ich kann Eltern nur empfehlen, sich genau anzuschauen, welche Gadgets sie in den privaten Lebensraum lassen“, empfiehlt KPMG-Berater Geschonneck. Bei einem Tablet lässt sich über die Konfiguration des Geräts häufig einstellen, was Kinder dürfen und was nicht, etwa in abgesicherten Bereichen. Bei Puppen ist das nicht der Fall. Immerhin: Spielen kann man mit Cayla & Co. auch ohne Internetverbindung.