Gründungsunternehmer des Jahres – Rolf Schrömges: Wider die reine Lehre
Rolf Schrömges ist bis heute leitend im Unternehmen tätig. Titel und Hierarchien haben bei Trivago bis heute wenig Bedeutung.
Foto: Pressefoto TrivagoDie Start-up-Welt in Deutschland spielt sich hauptsächlich in Berlin ab – sagt man so. Nur in Berlin? Nein, in Düsseldorf-Pempelfort befindet sich das neben Zalando wahrscheinlich erfolgreichste Unternehmen der neueren deutschen Start-up-Generation: die globale Hotelbuchungsplattform Trivago. Und nicht nur bei der Ortswahl ging Trivago, mittlerweile Weltmarktführer in seinem Segment, immer schon seinen eigenen Weg.
Gegründet wurde Trivago 2005 von Rolf Schrömgens, Peter Vinnemeier und Stephan Stubner, kurz darauf stieß Malte Siewert dazu, während Stubner nach einem Ausflug in die unternehmerische Welt seine akademische Karriere wiederaufnahm.
Wie bei vielen sehr erfolgreichen Unternehmen zu beobachten, führen Schrömgens, Siewert und Vinnemeier das Unternehmen bis heute. Alle Gründer haben sich im Studium an der Handelshochschule Leipzig (HHL), Deutschlands ältester Business School, kennen gelernt. Vinnemeier, Schrömgens und Stubner waren Teil der ersten Gründerwelle in Deutschland, mit respektablem, aber nicht übermäßigem Erfolg: Ihr Start-up Amiro brachten sie als Juniorpartner in das Unternehmen Ciao AG ein, mittlerweile eines der relevanteren Shoppingportale in Deutschland, welches 2008, als die Gründer längst ausgeschieden waren, von Microsoft übernommen wurde.
Florian Heinemann ist Geschäftsführer der Wagniskapitalfirma Project A Ventures. Zuvor war der Vater von vier Kindern Geschäftsführer von Rocket Internet. Bei Trivago war der 40-Jährige einst als Business Angel engagiert. Sein Schwerpunkt ist Onlinemarketing.
Foto: Marc-Steffen UngerDas Start-up fand rasch Investoren – und übertraf die Erwartungen weit
Nach dem Ausstieg bei Ciao starteten Schrömgens, Siewert und Vinnemeier eine Community für Reisende, die eher an Tripadvisor erinnerte. Alle drei verfügen für studierte Betriebswirte über beachtliche IT-Kenntnisse. Die ersten Websites programmierten sie in Eigenregie, und Vinnemeier ist bis heute der Technologiechef (CTO) von Trivago. Das Start-up Trivago fand rasch Investoren. Es beteiligten sich Investoren wie die Samwer-Brüder, Oliver Jung und Lukasz Gadowski. Die Gründerszene und Business-Angel-Szene waren damals noch sehr überschaubar – man kannte sich. So durfte auch ich mit einem kleinen Business-Angel-Ticket dabei sein, wobei der Erfolg des Geschäftsmodells selbst bei einem hohen Maß an visionärer Kraft damals nicht in dieser Form absehbar war. Und deshalb freut es mich besonders, mich heute in dieser Weise lobend äußern zu dürfen.
Zwei Gründergenerationen später ist Trivago eines der Unternehmen, an denen sich neue Gründer in vielfacher Hinsicht ein Beispiel nehmen können: am Erfolg sowieso, aber auch an der Art und Weise, wie versucht wird, eine innovative, arbeitnehmerfreundliche und kreative Arbeitsatmosphäre und -kultur zu schaffen, in die die Gründer bis heute eng verwoben sind. Und nicht zuletzt ist die fast schon erschreckende Bodenständigkeit des Gründerteams hervorzuheben, gerade wenn man es mit den zum Teil altertümlich erscheinenden Riten in größeren Unternehmen vergleicht. Sich selbst nicht zu ernst nehmen – auch das ist ein Erfolgsfaktor von Trivago. Zudem keine festen Arbeitszeiten, keine Jobtitel oder Hierarchien, Urlaub mit dem gesamten Team: sie schaffen es konsequent, ihre Unternehmenskultur auch in einem schnell und stark gewachsenen, dynamischen Umfeld zu halten und stets anzupassen.
Doch auch außerhalb des Unternehmens sind die Gründer aktiv. So engagiert sich Schrömgens sehr stark für die Förderung des Unternehmertums in Deutschland, bei Projekten wie der Code Academy, einer Hochschule für Programmierer, der Entrepreneurs’ Organization (EO) oder als Dozent für Entrepreneurial Marketing an seiner früheren Hochschule. Ein sehr nahbares Vorbild für Entrepreneure, die selbst groß denken möchten und sich von erfolgreichen Beispielen motivieren lassen, die zeigen, dass es funktionieren kann.
Für mich persönlich und auch die anderen Investoren der ersten Stunde endete der gemeinsame Weg bei einer bemerkenswerten Bewertung in Höhe von über 700 Millionen Euro, eine für Deutschland damals schon sehr beeindruckende Größenordnung. Die Gründer aber blieben mit einem relevanten Teil ihrer Anteile weiterhin engagiert. Für sie war es nur eine Zwischenetappe, und auch das zeichnet die Gründer bei all ihrer Bodenständigkeit aus: Sie denken groß.
Die vorläufige Krönung der unternehmerischen Karriere war der Börsengang an der Nasdaq in New York. Gemessen am Wert zur Zeit des Teilexits im Jahr 2012 an Expedia wird das Unternehmen derzeit mit mehr als dem Zehnfachen bewertet. Expedia ist einer der relevantesten globalen Spieler im Reisemarkt.
Trivago bricht aber auch an anderen Stellen mit der gängigen Managementlehre: Ein Großteil der Mitarbeiter betreibt über 50 Länderplattformen weltweit von Düsseldorf aus, etwa auch für große Märkte wie die USA oder China. Man arbeitet professionell mit Muttersprachlern von einem Headquarter aus, wahlweise auch vom Nebenstandort Mallorca. Ein weiteres Anzeichen für die moderne und konsequente Nutzung der digitalen Möglichkeiten.
In Düsseldorf entsteht der neue Firmensitz – für 1.800 Mitarbeiter
Und das Trivago-Team hört nicht auf, groß zu denken. Im Jahr 2018 soll eines der größten Bürogebäude Düsseldorfs in prominenter Lage am Medienhafen als neuer Firmensitz fertiggestellt werden: ein Campus, der Platz für über 1.800 Mitarbeiter aus 63 Nationen bietet.
Seit 2012 ist das Team um 222 Prozent gewachsen – eine beachtliche Zahl. Nun benötigt das Team aus 950 Mitarbeitern mehr Platz, um weiter zu wachsen. Bereits die bisherige Bürofläche ist ein lebendiger Ausdruck der Unternehmenskultur und des Kerngeschäfts. Im Gebäude kann man schnell mal eine Weltreise machen und sich in fremde Welten träumen. Für den neuen Komplex im Düsseldorfer Medienhafen sind neben den Büroflächen sportliche Aktivitäten von Fitnesskursen über Bouldern und Yoga bis Fußball geplant, dazu Parkanlagen, ergonomische Schreibtischstühle und Bio-Obst. Bisher war Zalando das Paradebeispiel für eines der wenigen deutschen Unternehmen, denen es gelungen ist, den Spirit à la Facebook, Google, Apple & Co. umzusetzen und zu leben. Trivago ist ihnen hier sehr dicht auf den Fersen.
Die Auszeichnung „Gründerunternehmer des Jahres“ hat sich das Team mehr als verdient, schließlich ist Trivago einer der deutschen „Hidden Champions“, von denen es bald heißen wird: „Und wir haben sie doch, die digitalen Erfolgsgeschichten.“ Trivago ist ein tolles Beispiel dafür, dass Unternehmen durchaus auch abseits des vielzitierten Nabels der deutschen Start-up-Szene entstehen, groß werden und ein überaus attraktiver Arbeitgeber werden können – selbst oder gerade in Pempelfort.
Foto: Pressefoto
Torsten Toeller
David Schneider, Robert Gentz (v.li.)
Foto: Pressefoto ZalandoUnter den Gründern ist Torsten Toeller eigentlich der Aussteiger des Jahres. Denn der 50-Jährige hat etwas geschafft, an dem viele Selbstständige scheitern: Er hat sich auf dem Höhepunkt des Erfolgs aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und sein Unternehmen Fressnapf an einen Nachfolger übergeben. Richtig loslassen kann der Überzeugungstäter natürlich nicht. „Ich werde künftig weniger im, sondern vielmehr am Unternehmen und seiner gesamtstrategischen Ausrichtung arbeiten“, sagte er. Zum Glück arbeitet sein Nachfolger als CEO, Alfred Glander, schon seit fünf Jahren bei dem Händler für Tierbedarf und weiß mit den kreativen Ideen seines Chefs umzugehen. Genauso akribisch wie seine Nachfolge hat Toeller auch seinen Erfolg geplant. Fast die Hälfte des Umsatzes von zuletzt 1,8 Milliarden Euro macht er mit Eigenmarken, die deutlich profitabler sind als Produkte anderer Hersteller – und mit denen er sich online dem Preiskampf entziehen kann. Sein Ziel: die Zahl der Filialen in den kommenden Jahren um rund 50 Prozent auf mehr als 2.100 aufzustocken. Und an diesem Ziel wird er auch als Verwaltungsratsvorsitzender weiter mit aller Kraft arbeiten. Florian Kolf
Robert Gentz, David Schneider
Zalando ist schon ein kleiner Konzern. Das Berliner Unternehmen beschäftigt mehr als zehntausend Mitarbeiter und notiert im MDax. Zalando schreibt schwarze Zahlen bei hohen Wachstumsraten. Dass sich der Modekonzern kontinuierlich wandelt, Geschäftsmodelle infrage stellt und neue auflegt, ist aber immer noch das Verdienst seiner Gründer, Robert Gentz und David Schneider. Acht Jahre nach der Gründung sind beide noch an Bord. Jetzt, wo sie der Welt bewiesen haben, dass der Klamottenhandel online funktioniert, wollen sie die nächste Stufe erklimmen: Zalando soll eine Techplattform für Mode werden, ein Imperium aus Apps und Shops, in denen kommuniziert und inspiriert, geworben und natürlich verkauft wird. Wenn ihnen das gelingt, können sich beide Seiten, die Start-up-Szene und die alte Welt, ein Beispiel daran nehmen. Miriam Schröder