„Elphi“-Orgelbauer Philipp Klais: Pfeifen für die Demokratie
Stolz auf die Fertigungstiefe.
Foto: Heiko Specht/laifBonn. Verzögerungen und Kostenexplosionen bei Großprojekten sorgen bundesweit für Aufregung. Das gilt auch für Hamburgs neues Wahrzeichen, die Elbphilharmonie. Mit einer Ausnahme: „Für uns waren die Bauverzögerungen sogar vorteilhaft“, sagt Philipp Klais. „Wir konnten die lange Planungsphase dazu nutzen, unsere Orgel in enger Zusammenarbeit mit den Architekten, dem Akustiker und dem Bauherrn detailliert abzustimmen und so optimal in das komplexe Bauwerk zu integrieren.“
Die 15 Meter hohe und 15 Meter breite Klais-Orgel wird beim Eröffnungskonzert an diesem Mittwoch zum ersten Mal vor gut 2.000 Gästen im Großen Konzertsaal zu hören sein – spätestens dann dürften auch die Klagelieder über das „Milliardengrab“ verstummen. Im Laufe der Jahre haben sich die Kosten für die Steuerzahler von 78 Millionen Euro auf nun 789 Millionen verzehnfacht. Der Preis der Klais-Orgel hingegen stieg nur von 1,65 auf zwei Millionen Euro – „hauptsächlich wegen der höheren Lohnkosten“, erklärt Klais.
Der 49-Jährige leitet Orgelbau Johannes Klais Bonn, 1882 gegründet, in vierter Generation. Wer vor der unscheinbaren Backsteinfassade steht, vermutet kaum, dass hier eine weltweit tätige Firma arbeitet. Klais-Orgeln schmücken auch das chinesische Nationaltheater in Peking oder die Twintowers in Kuala Lumpur. „Wer Großprojekte plant, holt weltweit Angebote von fünf bis sechs Orgelbauern ein. Wir gehören glücklicherweise von Zeit zu Zeit zu diesem Kreis“, sagt Klais.
Den Wettbewerb für die Elbphilharmonie-Orgel gewann er 2007, im Jahr darauf wurde der Vertrag unterzeichnet – dann begann die ungewöhnlich lange Planungsphase. 2015 wurde die Orgel in der Bonner Werkstatt gebaut, anschließend in Einzelteile zerlegt und zwischen Januar und Juli 2016 von zehn Orgelbauern in Hamburg wieder aufgebaut. Sie ist 25 Tonnen schwer, von den 4.765 Pfeifen sind 380 aus Holz, die übrigen aus Zinn. Die längste misst zehn Meter, die kürzeste elf Millimeter.
Die Elbphilharmonie soll allen Menschen offen stehen, mit günstigen Tickets allen Bürgern Zugang zur klassischen Musik ermöglichen. Von diesem Ziel habe man sich auch beim Bau der Orgel leiten lassen, sagt Klais: So thront das Instrument nicht wie oft autokratisch auf einer Empore über dem Publikum, Orgel und Konzertsaalbereich gehen vielmehr ineinander über. Gäste können am Instrument entlanggehen, einige speziell beschichtete Pfeifen anfassen und in das Innere der Orgel blicken. So sollen Prinzipien der Transparenz und Demokratie zum Ausdruck kommen, sagt Klais.
Klais ist davon überzeugt, dass auch die altehrwürdige Kunst des Orgelbaus sich dem veränderten Zeitgeist stellen muss. Das gelte allerdings nicht fürs Outsourcen von Arbeitsprozessen. Klais ist stolz auf die Fertigungstiefe seines Betriebs. „Es ist für uns wichtig und unverzichtbar, die Kompetenz nicht zu verlieren, alle Teile der Orgel selber produzieren zu können.“ Vier Orgelprojekte im Jahr nimmt er an, dazu kommen Pflege und Restaurierung des Bestands. „Damit erzielen wir seit langem einen stabilen Umsatz von 6,5 bis sieben Millionen Euro.“ Zum Gewinn äußert er sich nicht. Klais räumt aber ein, dass an der Ertragssituation gearbeitet werden müsse – nicht zuletzt, um die Arbeitsplätze der 64 Mitarbeiter langfristig zu sichern.
Da kommen auch seine Kinder ins Spiel. Ob sie sich dem Orgelbau verschreiben werden, sei offen. „Entweder sie machen es aus Leidenschaft, oder sie lassen es bleiben“, sagt Klais. Reich werde man damit nicht. Das sei ihm auch nicht wichtig. Er betrachtet es als persönliches Privileg, sich in den schönsten Kirchen und Konzertsälen der Welt aufhalten zu können.