Provenienzforschung: Erfolgreiche Detektivarbeit
Berlin. Irgendwann in den frühen 1940er-Jahren steht der französische Maler André Masson in New York vor seinem eigenen Ölbild „Massaker“. Er hatte es zehn Jahre zuvor in Paris gemalt und seither nicht mehr gesehen. 6000 Kilometer vom ursprünglichen Atelier entfernt kommt es zu dieser Wiederbegegnung, in der sich die ganze fürchterliche Geschichte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt.
Das großformatige Bild, das in abstrahierter, farbintensiver Weise die Schrecken des Ersten Weltkriegs darstellt, hatte Masson 1931 in der Pariser Galerie Paul Rosenberg gezeigt. Während der Ausstellung hat der jüdische Kunsthändler und Sammler das Bild höchstwahrscheinlich selbst erworben. Jedenfalls befand es sich in dem Teil seiner Sammlung, den Rosenberg ab 1939 nach New York verschickte. Ihm war klar geworden, welche Gefahr ihm drohte – Rosenberg gehörte schnell zu den Opfern des breitflächigen NS-Kunstraubs nach der deutschen Besatzung Frankreichs. Mit Not konnte Rosenberg sich und seine Familie 1940 über Lissabon nach New York in Sicherheit bringen. Dort eröffnete er bald eine neue Galerie. Und da auch André Masson 1942 in die USA emigrieren musste, kam es dann auf der Upper East Side zum Wiedersehen mit seinen früheren Bildern.
Seit 1999 zählt das Bild zur Sammlung von Ulla und Heiner Pietzsch. Diese Kollektion umfasst Werke des Surrealismus und des US-amerikanischen abstrakten Expressionismus, die das Paar seit Mitte der 1970er-Jahre auf dem internationalen Kunstmarkt zusammengetragen und 2010 dem Land Berlin vermacht hat. Zu sehen ist das Bild jetzt in der Ausstellung „Max Ernst bis Dorothea Tanning – Netzwerke des Surrealismus“ in der Neuen Nationalgalerie, die zeitgleich mit dem Richtfest des benachbarten neuen Museums „Berlin Modern“ eröffnet wurde. In diesem Neubau, der der Kunst des 20. Jahrhunderts gewidmet sein soll, wird – so die aktuelle Prognose – ab 2029 auch die Sammlung Pietzsch zu sehen sein. Ein Ereignis, das Heiner Pietzsch nicht mehr miterleben wird, denn er verstarb vor vier Jahren.
Hintergrund der neuen Kabinettausstellung ist eine gründliche Erforschung der Provenienzen in der Sammlung durch die Staatlichen Museen zu Berlin. Ausgeschlossen werden sollte, dass irgendwelche der rund 160 Werke als NS-Raubgut eingestuft werden müssen und früheren Besitzern widerrechtlich entzogen wurden. Die rund 100 Werke aus der Sammlung, die vor 1945 entstanden, wurden geprüft und für unbedenklich befunden. 26 davon sind in der Ausstellung zu sehen. Ihre jeweiligen Besitzerfolgen werden nachgezeichnet, soweit sie sich rekonstruieren lassen.
Anstatt sich jedoch in die einzelnen Schritte der oft verwirrenden Provenienzketten zu vertiefen, rückt die Ausstellung die zeithistorischen Kontexte in den Blick, in die die einzelnen Bilder eingebunden sind. Dabei geht es weniger um die Motive der Arbeiten als um die Wege, die die Bilder nach ihrer Entstehung genommen haben. Anhand der Besitzgeschichten werden die freundschaftlichen und kollegialen Netzwerke der Surrealisten aufgezeigt, die seit Beginn der 1920er-Jahre vor allem in Paris entstanden. Die Bilder zeugen aber auch von Flucht, Vertreibung und Exil nach der Besatzung Frankreichs durch NS-Deutschland 1940.
Zum Beispiel das Ölbild „Zwei nackte Mädchen“ von Max Ernst, das – so viel Surrealismus muss sein – zwei mit Tüchern bedeckte Mädchen zeigt. Das Bild, das Ernst 1925 als Mitglied der surrealistischen Bewegung in Paris malte, gelangte bald in den Besitz des Künstlerkollegen Tristan Tzara, ob als Geschenk oder Erwerb ist unbekannt. Nach der Besetzung von Paris trafen sich die beiden Freunde 1940 in Marseille wieder, wo sie ihre Emigration in die USA planten. Während Ernst dies 1941 gelang, hoffte der jüdische Kommunist Tzara vergeblich auf ein Ausreisevisum. Tzara musste untertauchen und schloss sich der Résistance an. Wo seine Bilder und die seiner Künstlerfreunde während der Kriegsjahre eingelagert waren, ist unbekannt. „Zwei nackte Mädchen“ verblieb bis zu Tzaras Tod 1963 in dessen Besitz und wurde erst in den 1990er-Jahren aus dem Nachlass verkauft. 2002 erwarb es das Ehepaar Pietzsch.
Solche Geschichten zu rekonstruieren, erfordert Detektivarbeit. Stempel, Etiketten und Beschriftungen auf den Rückseiten der Werke bieten wichtige Anhaltspunkte, wie in der Ausstellung an anschaulichen Beispielen gezeigt wird. Sie zeugen von früheren Eigentümern, Ausstellungsbeteiligungen und manchmal auch von Beschlagnahmen. Nur selten sind Unterlagen für einzelne Erwerbungen von Sammlern, Kunsthändlern oder – noch unwahrscheinlicher – Künstlerkollegen zu finden. Werkverzeichnisse und Auktionskataloge geben bei einzelnen Werken zusätzliche Hinweise, um Stationen für die Provenienz der Werke zu bestimmen.
So haben die Untersuchungen auch ergeben, dass es zumindest ein Werk in der Sammlung Pietzsch gibt, das tatsächlich unter die Walzen der NS-Kunstpolitik geraten ist. Das Hochformat „Der Jäger“ von André Masson – 1927 in Sand und Öl auf Leinwand ausgeführt –, war Teil der Sammlung des jüdischen Bankierssohns Alphonse Kann. 1940 raubten die Nazis diese Sammlung und damit auch das Masson-Bild, was aus einer penibel geführten Beschlagnahmungsliste hervorgeht. Die dort aufgeführte Inventarnummer findet sich mit grober Schrift auf der Rückseite des Bildes. Es sollte wohl vernichtet werden, wie aus der Inventarliste hervorgeht. Dazu ist es aber nicht gekommen. 1947 erhielt Kann, der rechtzeitig nach London emigriert war, rund die Hälfte der 1400 Werke seiner Sammlung zurück, darunter auch den „Jäger“. 1982 erwarben Ulla und Heiner Pietzsch das Bild vermutlich von der Galerie Rudolf Zwirner in Berlin. Weil es nach Kriegsende an den ursprünglichen Besitzer restituiert worden war, gilt es heute als unproblematisches Kunstwerk.
„Max Ernst bis Dorothea Tanning. Netzwerke des Surrealismus.
Provenienzen der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch“, Neue Nationalgalerie, Berlin, bis 1. März 2026.