Kunstmuseen: Ziele für das ganze Jahr – Neun vielversprechende Ausstellungen im Jahr 2025
Düsseldorf. Chemnitz ist eine der Kulturhauptstädte Europas 2025. Die über 1000 Aktivitäten der Stadt, die in der DDR Karl-Marx-Stadt hieß, strahlen weit aus ins Erzgebirge, nach Mittelsachsen und ins Zwickauer Land. 38 Kommunen in der Kulturhauptstadtregion wollen Übersehenes oder Vergessenes sichtbar machen unter dem Motto „C the Unseen“. Denn die Menschen hier haben viel Erfahrung mit Wandel, Widerstandsfähigkeit und Neuerfindung.
Alles kommt vom Berg, lernen die Besuchenden. Seit dem Mittelalter wurden hier Silber, Zinn, Kobalt, Eisen, Kaolin und Uran abgebaut. Neben dem Bergbau hat auch das Kunsthandwerk bis heute eine große Tradition. Beide Pole spiegelt und verbindet der neu geschaffene „Purple Path“, der sich netzartig rund um Chemnitz legt. Der Berliner Galerist Alexander Ochs hat dafür internationale Kunstschaffende wie Tony Cragg oder Nevin Aladag gemeinsam mit sächsischen Künstlern gewonnen.
Der humorvolle Maler und Objektkünstler Osmar Osten wurde in Karl-Marx-Stadt geboren. Seine Skulpturen-Stele „Oben-Mit“ setzt die weltberühmten, in Handarbeit aus Holz geschnitzten und bemalten Nussknacker, Räuchermännchen und Bergleute augenzwinkernd in Szene. Und verwehrt sich gegen Billigimitate.
Kunstfreunde kennen die Kunstsammlungen Chemnitz, nicht zuletzt weil sie 2007 die Stiftung des Münchener Galeristen Alfred Gunzenhauser mit dessen weit verzweigter Sammlung aufnahmen. In den Sommermonaten widmet sich das renommierte Museum ab August dem großen Vorläufer des Expressionismus, Edvard Munch, mit der Sonderausstellung „Angst“. Munch wurde schon zu Lebzeiten berühmt, weil er in seinen Bildern starken Gefühlen Ausdruck zu geben vermag: stille Schreie, Angst, Einsamkeit, Verlassensein und Verletzlichkeit.
Der auf Porträtaufträge angewiesene Maler Munch hielt sich 1905 in Chemnitz auf, um Bildnisse der Familie des vermögenden Strumpffabrikanten Herbert Eugen Esche zu schaffen. Diese Porträts befinden sich heute im Kunsthaus Zürich. Esche interessierte sich für zeitgenössische Kunst und Design, seine Villa hatte er von Henry van de Velde bauen und ausstatten lassen. Sie war der erste Bau der Moderne in Deutschland. Heute ist die Jugendstilvilla Esche mit ihrer Design-Sammlung eine Außenstelle der Kunstsammlungen Chemnitz. Sie wird auch für Konzerte und Artists in Residence genutzt.
Kunst- und Skulpturenweg PURPLE PATH in Chemnitz und Umgebung;
„Edvard Munch. Angst.“ Kunstsammlungen am Theaterplatz Chemnitz, 10.8. bis 2.11.2025
Synthese der Künste in Krefeld
Der französischen Architektin und Designerin Charlotte Perriand widmen die Kunstmuseen Krefeld die erste Retrospektive im deutschsprachigen Raum. Perriand erlebt derzeit eine Wiederentdeckung und hat sich auch auf dem Kunstmarkt gut entwickelt. Unter dem Titel „L’Art d’habiter. Die Kunst zu Wohnen“ wird ihr Schaffen in seiner ganzen Breite präsentiert.
Die Designerin gehörte zu den einflussreichsten Persönlichkeiten, die aus dem Studio von Le Corbusier hervorgingen. Ihre innovativen Gestaltungsansätze sind bis heute aktuell. Mit Originalmöbeln, Fotografien und großen Raumrekonstruktionen wird ihr Designprozess erlebbar.
Die Ausstellung bespielt sowohl das Kaiser Wilhelm Museum als auch die beiden von Ludwig Mies van der Rohe entworfenen Stadtvillen Haus Lange und Haus Esters. In Haus Lange lässt sich das Konzept der Synthese der Künste mit den ab 1942 nach ihrem Japanaufenthalt entstandenen Interieurs erfahren.
„L’Art d’habiter. Die Kunst zu Wohnen“ Kunstmuseen Krefeld, 2.11.2025 bis 15.3.2026
Radikale Frauen in Saarbrücken und Wien
Die Beziehung zwischen Gender, Kunst und Moderne untersucht die länderübergreifende Ausstellung „Radikal! Künstlerinnen* und Moderne 1910 – 1950“. Sie ist bereits im niederländischen Museum Arnhem zu sehen, zieht weiter ins Saarlandmuseum in Saarbrücken und schließlich ins Wiener Belvedere.
Mehr als 70 Künstlerinnen aus über 20 Ländern bringt die Ausstellung jenseits von stilgeschichtlichen Zuordnungen in einen Dialog und stellt den Begriff der Moderne als hauptsächlich von Männern getragene Entwicklung infrage. Die Künstlerinnen eint die Suche nach neuen Bildsprachen und Repräsentationsformen; die gezeigten Werke dokumentieren eindrucksvoll die Vehemenz der Reaktionen der Künstlerinnen auf die Herausforderungen der von historischen Umbrüchen geprägten Zeit.
Neben bisher nahezu vergessenen Künstlerinnen sind Werke von Sonia Delaunay, Hannah Höch, Käthe Kollwitz, Lotte Laserstein, Tamara de Lempicka, Alice Lex-Nerlinger, Jeanne Mammen, und Sophie Taeuber-Arp zu sehen.
„Radikal! Künstlerinnen* und Moderne 1910-1950“, Museum Arnhem bis 5.1.2025, Saarlandmuseum Saarbrücken 8.2. bis 18.5.2025, Belvedere Wien 18.6. bis 12.10.2025
Zeitgenosse der Bürgerrechtsbewegung in London
Den 70. Geburtstag des US-amerikanischen Künstlers Kerry James Marshall feiert eine große Einzelausstellung in London. Zu sehen sind rund 70 Werke, darunter eine neue Serie von Gemälden, die speziell für die Londoner Schau entstehen. Außerdem seine Installation „Wake (2003 – ongoing)“, die sich mit dem kollektiven Trauma der Sklaverei beschäftigt und für jede neue Ausstellung weiterentwickelt wird.
Marshall, der 1955 in Birmingham, Alabama, USA geboren wurde, wuchs in Los Angeles auf. Er erlebte in den 1960er-Jahren hautnah historische Momente der schwarzen Bürgerrechtsbewegung mit, die sein Werk stark beeinflussten. Das Problem des latenten Rassismus in den USA ist das Thema vieler seiner Arbeiten.
Marshalls Malereien, Collagen, Skulpturen, Installationen und Videos bewegen sich souverän zwischen Realismus, Abstraktion und der Bildsprache der Popkultur. Seine figürlichen Gemälde beruhen auf den Prinzipien der westlichen Bildtradition; in seinen oft großformatigen Bildern rückt er Schwarze Körper in den Mittelpunkt. Marshall kommentiert die Vergangenheit, feiert aber auch das alltägliche Leben mit unbeschwerten Darstellungen aus der Black Community.
„Kerry James Marshall”, Royal Academy of Arts London, 20.9.2025 bis 18.1.2026
Des Bankiers glühende Leidenschaft in Riehen bei Basel
Aus solchen Lebensläufen werden Legenden gestrickt. Claude Hersaint, 1904 in São Paulo geboren und 1993 in der Schweiz gestorben, wuchs in Brasilien auf, bevor er mit seiner Familie nach Paris zog. Der Kunstfreund war erst 17 Jahre alt, als er sein erstes Gemälde von Max Ernst kaufte. Das war die Initialzündung für eine lebenslange Leidenschaft für den Surrealismus und insbesondere für Max Ernst.
Zu dem aus Brühl bei Bonn stammenden Ernst baute Hersaint eine der bedeutendsten Privatsammlungen auf. Der Bankier konnte dank seiner persönlichen Beziehungen zum Kreis um André Breton früh kapitale Werke von Salvador Dalí, René Magritte, Joan Miró, Pablo Picasso, Man Ray und Victor Brauner erwerben.
Claude Hersaint ist der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Vom 16. Februar bis 4. Mai 2025 zeigt die Fondation Beyeler in Basel-Riehen erstmals seine Meisterwerke in einer großen Überblicksschau. Das passt gut, schließlich waren Hersaint und seine 2023 verstorbene Frau Françoise mit dem Galeristenpaar und Museumsgründern Hildy und Ernst Beyeler befreundet. Man teilte die Begeisterung für die gleichen Künstler.
Rund 50 Werke aus der Sammlung Hersaint sollen im Dialog mit Kunst aus der Fondation Beyeler in dem prachtvollen Museumsbau von Renzo Piano präsentiert werden. Darunter aus Hersaints Besitz jenes bekannte Bild von Max Ernst, das in keiner Ausstellung zum Surrealismus fehlen darf: der bunt gefederte „Hausengel“, der wie ein Berseker aufstampft und sich gegen Zumutungen zu wehren scheint.
Es ist der Untertitel des 1937 gemalten Bildes, der bei der Interpretation weiterhilft: „Der Triumph des Surrealismus“. Das Bild lässt sich lesen als energischer Protest gegen die faschistische Gesinnung, die auch die Freiheitsliebe des Surrealismus einzuschränken sucht. Eine Botschaft von bleibender Aktualität.
Wie hochkarätig die Sammlung Hersaint ist, verrät ein Blick in Christie’s Londoner Auktionskatalog von März 2021. Da wurden René Magrittes rätselhaftes Fensterbild „Mois des vendanges“ und Juan Miros „Peinture“ jeweils zu zehn Millionen Pfund versteigert. Wer weiß, vielleicht erscheinen auch einzelne Exponate der Riehener Schau etwas später als Topangebot in einem Versteigerungshaus.
Der Schlüssel der Träume. Surrealistische Meisterwerke der Sammlung Hersaint, Fondation Beyeler, Riehen bei Basel, 16.2. bis 4.5.2025
Bären aus Wachs in Bregenz
Die Künstlerin Malgorzata Mirga-Tas wurde in einer Roma-Siedlung in Czarna Gora im südöstlichen Polen geboren, wo sie heute noch lebt und arbeitet. 2022 wurde sie durch ihren Beitrag im Polnischen Pavillon der 59. Biennale in Venedig einem größeren Publikum bekannt. Sie war die erste Roma-Künstlerin, die ein Land vertrat.
Im gleichen Jahr hatte sie auch auf der umstrittenen Documenta einen großen Auftritt. Die Wände des Pavillons in Venedig waren mit handgenähten Textilcollagen verhüllt, die Mirga-Tas gemeinsam mit Verwandten angefertigt hatte. Die Arbeit „Re-enchanting the World“ repräsentierte die Marginalisierung der Roma und Sinti, einer Volksgruppe, die insbesondere während des Holocausts grausam verfolgt wurde und bis in die Gegenwart mit Vorurteilen zu kämpfen hat.
Die Patchwork-Technik, der Gebrauch von Stoffen aus zweiter Hand und die „Schwesternschaft“ (Mirga-Tas) der Frauen bei der Kreation sind Ausdruck transkultureller Verflechtungen und wechselnder Inspirationen innerhalb der europäischen Roma und Sinti. Mit ihren Arbeiten, die mit Nadel, Faden und Stoff entstehen, und in denen sie die kulturellen Erzählungen der Roma und Sinti darstellt, versucht Malgorzata Mirga-Tas, gesellschaftliche Stereotype, Konflikte, Missverständnisse und Vorurteile zu überschreiben, die gegenüber dieser Minderheit nach wie vor präsent sind.
Mirga-Tas’ Textilarbeiten versöhnen den Kunstkanon mit seinen volkstümlichen Quellen und laden ein, sich mit den eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen. Für das Kunsthaus Bregenz plant Mirga-Tas neben Textilarbeiten eine Serie neu entwickelter, aufwendig produzierter Skulpturen aus Wachs. Dabei sollen neben männlichen lebensgroßen Figuren Tiere entstehen: etwa Bären, die in der Heimat der Künstlerin in der dicht bewaldeten Tatra im Süden Polens leben.
„Malgorzata Mirga-Tas“, Kunsthaus Bregenz, 7.6. bis 28.9.2025
Mit einem Lächeln in Köln
Dass früher alles besser war, wird immer wieder gern behauptet. Wenn man aber alte Fotografien betrachtet, scheinen die Mienen der Porträtierten wenig Glück auszudrücken, denn sie blicken beinahe ausnahmslos ernst oder sogar grimmig die Betrachtenden an. Kaum ein fröhliches Lachen oder wenigstens ein freundliches Lächeln findet man auf alten Fotos, zudem wirken die Körper steif und die Blicke starr, wie versteinert. Selbst auf Hochzeitsfotos möchte man Braut und Bräutigam eher bemitleiden als beglückwünschen.
Sollten die ernst verschlossenen Lippen damals mangelnde Zahnhygiene verdecken? Oder galt es als unschicklich zu lächeln? Oder aber lag es an der langen Belichtungszeit in den Kindertagen der Fotografie, die mehrere Minuten dauern konnte? Für ein Lächeln im Gesicht hätte man daher sehr gut trainierte Muskeln gebraucht.
Heutzutage ist das Lächeln aus der Fotografie jedoch kaum wegzudenken. Wie ist es zu diesem Wandel gekommen? Liegt es nur an der besseren Zahnpflege? Oder spielt die Werbung mit ihren Glücksversprechen vielleicht eine Rolle? Diesen Fragen will die Kölner Präsentation rückblickend nachgehen, um zu verstehen, weshalb unsere „Fotografiegesichter“ sich im Laufe der Zeit verändert haben.
„Smile! Wie das Lächeln in die Fotografie kam“, Museum Ludwig Köln, 1.11.2025 bis 22.3. 2026
Den Betrachter an der Kunst beteiligen in Berlin
Brasilianische Kunst ist hierzulande einem breiteren Kreis von Ausstellungsbesuchern wenig bekannt. Ein erster Ansatz das zu ändern, war 2018 das „Museum Global“-Projekt. Das ließ in Düsseldorf, Frankfurt, Berlin und München anschaulich werden, dass sich die Moderne auch außerhalb von Europa rasant entwickelte.
Ein zweiter Schritt ist die große Schau, die die Neue Nationalgalerie in Berlin Lygia Clark (1920 – 1988), der vielleicht wichtigsten Avantgardistin aus Lateinamerika, einrichtet. Obwohl die Neue Nationalgalerie selbst noch kein Werk von Lygia Clark besitzt, ist diese Schau eminent wichtig. „Wir treten sehr für die Diversifizierung unserer Sammlung und einen erweiterten Blick auf die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ein“, schreibt Kuratorin Maike Steinkamp dem Handelsblatt. Clark sei für so viele Künstlerinnen und Künstler auch hier in Europa eine Inspiration gewesen. „Sie hat den Begriff von Kunst und deren Wahrnehmung maßgeblich geprägt, insbesondere auch durch ihren partizipativen Ansatz.“
Die Mutter von drei Kindern, die sich erst 1947 entschied, Künstlerin zu werden, hat damit den Kunstbegriff radikal erneuert. Was heute selbstverständlich ist in fortschrittlichen Museen, die Interaktion von Betrachtern und Werken, hat Clark mitbegründet.
Lygia Clark hatte in Rio und in Paris studiert. In ihren frühen Werken beschäftigte sie sich mit streng geometrischen Metallskulpturen und Fragen der Räumlichkeit. Als Hauptvertreterin des 1959 gegründeten Stils „Neoconcretismo“ forderte sie eine körperbezogene Kunsterfahrung, die Menschen in das Werk einbezieht und diese selbst Teil der Arbeit werden lässt.
Mit begeh- und berührbaren Installationen stellte Clark das gängige Verständnis von Skulpturen komplett auf den Kopf. Später befreite Clark die Kunst von der Beschränkung auf das Sehen. Im Museum darf der Gast nun auch körperliche Erfahrungen machen, er soll hören, riechen und die Kunst mit den Händen erspüren.
„Lygia Clark. Retrospektive“: Neue Nationalgalerie in Berlin, 23.5. bis 12.10.2025. Im Kunsthaus Zürich vom 14.11.2025 bis 8.3.2026.