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KonsumkulturKarl Ernst Osthaus: Der frühe Influencer

Der Sammler und Mäzen Karl Ernst Osthaus stellte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die wohl erste zeitgenössische Designsammlung zusammen. 1923 kam sie nach Krefeld, wo sie in einer ambitionierten Ausstellung zu entdecken ist.Christiane Fricke 31.01.2024 - 18:29 Uhr
Radikal, knapp und sachlich wie diese 1911 entworfene Opel-Werbung sollte die neue Reklame sein. Foto: Dirk Rose; Kunstmuseen Krefeld

Krefeld. „Du sollst nicht pimpeln!“ So steht es im sechsten Gebot zur Wohnungseinrichtung in der Zeitschrift „Der Kunstwart“. „Lass die überflüssigen Zierätchen und Ornamentchen weg.“ Damit durfte sich um 1900 ein breites Bürgertum angesprochen fühlen, Adressat einer rasant fortschreitenden industriellen Massenproduktion. Ästhetisch wurde deutschen Erzeugnissen auf den Weltausstellungen jedoch ein verheerend schlechtes Zeugnis ausgestellt. „Made in Germany“ war ein Schimpfwort. Künstler, Kulturvermittler und Fabrikanten waren sich einig: Dagegen musste etwas getan werden.

Wie gründlich, ja grundsätzlich man in Deutschland den Weg für eine neue Formensprache bahnte und welche tragende Rolle den besten Künstlern jener Ära zufiel, zeigt eine große Ausstellung im Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld. In ihrem Zentrum steht der Mäzen und Sammler Karl Ernst Osthaus (1874-1921) mit dem von ihm 1909 als mobile Bildungseinrichtung gegründeten „Deutschen Museum für Kunst in Handel und Gewerbe“.

Über 4000 Objekte hatte Osthaus für seine nomadische Bildungseinrichtung zur Geschmacksbildung des Handels zusammengetragen. Ein Schwindel erregend umfassender Bestand, der sich aus Objekten, Gebrauchsgrafik, Plakaten, Geschäftspapieren, Zeitungsinseraten und frühen Beispielen der Corporate Identity zusammensetzte.

Vor 100 Jahren kam das Konvolut nach dem frühen Tod des Mäzens ins damals noch junge Kaiser Wilhelm Museum. So wurde aus einer Kollektion, aus der Osthaus immer wieder neue, bis nach Amerika tourende Wanderausstellungen zusammenstellte, eine stationär gebunkerte Sammlung innerhalb eines Kunstmuseums.

Die aktuelle Ausstellung, kuratiert von der freien Ausstellungsmacherin Ina Ewers-Schultz und der Krefelder Sammlungsleiterin Magdalena Holzhey, ist ein großer Wurf. Sie brachten die enzyklopädische Materialfülle in eine schöne, abwechslungsreich arrangierte Ordnung. Zehn Säle gibt es zu begutachten, darunter sechs Räume zu einzelnen Abteilungen des historischen Deutschen Museums. Das macht es etwas kompliziert, da dieses Konzept die Ausstellung in ein komplexes Konstrukt aus historischer und gegenwärtiger Didaktik verwandelt. Jeder Raum hat sein eigenes Thema, das in ausführlichen Wandtexten nachzulesen ist. Ein Kurzführer aber fehlt.

Die beiden ersten Räume führen in die Welt der neuen Gestaltung vor 1914 im Außen- und Innenraum ein. Ein überdekoriertes Plakat konterkariert demonstrativ die extrem reduzierte moderne Bildsprache moderner Plakatwerbung, die Osthaus beinahe druckfrisch als Belegexemplare für seine Museumssammlung angefragt hatte. Ein interaktives Display zaubert neben Henry van der Veldes Entwurf für eine Corporate Identity für das Nahrungsergänzungsmittel Tropon eine KI-generierte Variante der Tropon-Werbung.

Es gibt weitere interaktive Elemente, die das Publikum direkt ansprechen oder zum Mitmachen auffordern. Dazu gehören streng genommen auch provozierende Fragen an der Wand wie „Brauche ich das? Was macht mich glücklich?“

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In Raum 8 wird der missionarische Eifer zur Debatte gestellt, mit dem Osthaus sein Museumsprojekt vorantrieb. Seine Vermittlungs-, Auskunfts- und „Reklame-Prüfungs-Stelle“ sprach Empfehlungen für Produzenten und Künstler aus oder ließ sich fertige Produkte zur Beurteilung vorlegen. Darauf bezieht sich ein mit Beamer ausgestatteter Desk, an dem Ausstellungsbesucher dazu auffordert werden, eine Plakatgestaltung zum Beispiel als „sexistisch“ oder „innovativ“ zu bewerten und gegebenenfalls – je nach prozentualem Zuspruch – auszujurieren. Ein Schelm, wer an die ausufernde „Cancel Culture“ von heute denkt.

Sprachlos macht, wie umfassend Osthaus seine Qualitätsoffensive vorantrieb. Sechs Ausstellungsräume thematisieren die „Organe“ bzw. Abteilungen, mit denen Osthaus seinem Museum Struktur gab. Dazu gehörte die „Ausstellungszentrale“, von der aus die Wanderausstellungen nach Themen zusammengestellt und auf Reisen geschickt wurden. Bei der „Photographien- und Diapositiv-Zentrale“ handelte es sich um eine Art frühe Bildagentur, die Fotografien von vorbildlichen Industriebauten vorhielt. Drei Wanderausstellungen stellte Osthaus daraus zusammen, eine davon kuratiert von dem Architekten Walter Gropius.

Display für eine digitale Bewertung von historischen Plakatdarstellungen durch Museumsbesucher. Im abgebildeten Fall sprach sich eine Mehrheit für eine Bewertung als "sexistische" Darstellung aus. Foto: Christiane Fricke

Die Abteilung „Verlagsanstalt“ gründete Osthaus für den Druck der Ausstellungsflyer und für Reklame-Monografien, die der Mäzen für die Künstler seiner Sammlung herausgab und von ihnen selbst gestalten ließ.

Ein Hingucker ist der schwarzweiß gestreifte Saal für das „Staatliche Handfertigkeitsseminar“, gestaltet frei im Stil des holländischen Künstlers und Seminarleiters J.M.L. Lauweriks. Im Zentrum steht eine Vitrine mit Holzarbeiten, die in seinem Kurs entstanden. An der Wand die „DIY“-Hocker, die Museumsbesucher nach einem Entwurf des Künstlers mit eigenen verfügbaren Materialien bauten: ein Exemplar mit Frotteebezug, ein anderes aus Legosteinen.

Blick in die Ausstellung „Die große Verführung“- mit Hockern, die Museumsbesucher nach einem Entwurf von J.M.L. Lauweriks mit eigenen verfügbaren Materialien gebaut haben. Foto: Christiane Fricke

Ihre geschmacksbildende Funktion für Handel und Gewerbe hat die Krefelder Sammlung, die entscheidende Grundlagen für das Bauhaus legte, längst eingebüßt. Sie ist musealisiert, spielte für die Stadt längere Zeit keine Identität stiftende Rolle. Im Gegenteil. Das Kaiser Wilhelm Museum profilierte sich – geprägt durch seinen ehemaligen Direktor Paul Wember – vor allem als Hort der Avantgarde.

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Die seit 2016 amtierende Katia Baudin begreift die Sammlung Osthaus jedoch als die „DNA der Krefelder Museen“. So wird das Museum – wie zu Gründungszeiten – wieder zu einem „stilbildenden Knotenpunkt“ zwischen bildender und angewandter Kunst, Gewerbe und Bürgern.

„Die große Verführung. Karl Ernst Osthaus und die Anfänge der Konsumkultur“, Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld, bis 28.4.2024, Katalog Wienand Verlag 36 Euro
Rainer Stamm, Gloria Köpnick: Karl Ernst und Gertrud Osthaus. Die Gründer des Folkwang-Museums und ihre Welt, Beck Verlag, München 2022

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