Boehringer: Endspiel in der Tiermedizin
Das Geschäft mit Tiermedikamenten gilt unter den Pharmafirmen als hochattraktiv.
Foto: Imago/Westend61Frankfurt. Der Pharmakonzern Boehringer setzt sich hohe Ziele in seinem jüngst verstärkten Tierarzneigeschäft. Das Familienunternehmen hat vor wenigen Tagen von den Kartellbehörden die Freigabe zur Übernahme des Konkurrenten Merial erhalten. Mit der bisherigen Tochter des französischen Arzneiherstellers Sanofi steigt Boehringer zur Nummer zwei der Branche auf. Damit aber nicht genug: Weiteres Wachstum ist angesagt: „Unser Anspruch ist es, um die Marktführerschaft zu kämpfen“, sagte Joachim Hasenmaier, der Chef der Boehringer-Tierarzneisparte, dem Handelsblatt.
Boehringer nimmt damit den amerikanischen Branchenführer Zoetis ins Visier. Er ist vor drei Jahren durch Ausgliederung aus dem Pharmariesen Pfizer entstanden und hat beim Umsatz noch etwa zehn Prozent Vorsprung vor dem neuen Branchenzweiten. Merial und Boehringer erzielten in den ersten neun Monaten 2016 einen kombinierten Umsatz von schätzungsweise 3,1 Milliarden Euro, etwa sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Beide Firmen legten damit deutlich stärker zu als der Markt.
Beide Unternehmen hatten die Übernahme vor rund einem Jahr angekündigt, aber erst Ende 2016 kam die kartellrechtliche Zustimmung der US-Behörden. Boehringer und Merial mussten einige kleinere Geschäftseinheiten mit zusammen knapp sechs Prozent des Umsatzes an die Konkurrenten Lilly, Bayer und Ceva abgeben. Bereinigt dürfte Boehringer im Gesamtjahr 2016 einen Pro-forma-Umsatz in der Tiermedizin (inklusive Merial) von etwa vier Milliarden Euro erzielt haben. Das ist in etwa ein Viertel des Gesamtumsatzes von Deutschlands zweitgrößtem Pharmahersteller. Auch beim Gewinn wird die Tiermedizin künftig einiges Gewicht im Unternehmen haben. Gemessen an den bisherigen Daten von Merial, wird die Sparte immerhin etwa 25 Prozent operative Rendite erzielen – zehn Punkte mehr, als Boehringer zuletzt insgesamt erzielte.
Für das Familienunternehmen ist es mit einem Volumen von 11,4 Milliarden Euro der größte Zukauf in der Firmengeschichte. Bestritten wird der Deal zum großen Teil durch ein Tauschgeschäft: Boehringer gibt an Sanofi seine Sparte mit rezeptfreien Arzneien (Selbstmedikation) im Wert von 6,7 Milliarden Euro ab.
Hasenmaier, der auch der Geschäftsleitung von Boehringer angehört, beschreibt die Transaktion als einen von langer Hand geplanten Strategieschritt. „Merial war eigentlich die einzige Firma, die kritische Größe hatte und zu uns passte“, sagt er. Wachstumschancen sieht er vor allem bei Impfstoffen sowie mit neuen Medikamenten gegen Parasitenbefall bei Kleintieren – beides Segmente, in denen Boehringer und Merial bereits Führungspositionen halten.
Antibiotika sind verpönt
Jeweils etwa 50 Prozent des Geschäfts entfallen auf Haustiere (Hunde, Katzen, Pferde) und auf Nutztiere (Schweine, Rinder, Geflügel). Besonders der Kleintiermarkt bietet aus Sicht des Boehringer-Managers Potenzial. „Das Kleintier ist heute ein Familienmitglied, um das sich extrem gekümmert wird.“ Bei Nutztieren setzt Boehringer auf den Trend zur Krankheitsprävention und damit auf Impfstoffe.
Lange Zeit dominierte in der Landwirtschaft der Einsatz von Antibiotika, etwa bei erkrankten Rindern. Dagegen laufen Verbraucherschützer seit langem Sturm. „Es wird inzwischen immer mehr klar, dass der Konsument die Verwendung großer Mengen an Antibiotika nicht mehr akzeptiert“, sagt Hasenmaier. Die Tatsache, dass Boehringer auch nach der Merial-Übernahme im Antibiotikageschäft kaum eine Rolle spielt, ist daher aus seiner Sicht kein Problem, sondern eher eine Stärke für das Unternehmen. In dieses Geschäft wolle man bewusst nicht einsteigen.
Welche Kostenersparnis die Übernahme von Merial bringt, dazu macht Hasenmaier keine Angaben. Natürlich werde man die Aktivitäten voll integrieren und zum Beispiel den Vertrieb bündeln. Der Fokus werde aber klar darauf liegen, die Geschäfte mit starkem Wachstum voranzutreiben. „Wenn das gelingt, mache ich mir keine großen Sorgen über Kostensynergien und darüber, dass wir Wert generieren mit der Übernahme.“ Insgesamt übernimmt Boehringer rund 7000 Mitarbeiter, während durch den Verkauf der Selbstmedikation 2 500 Beschäftigte von Boehringer zu Sanofi wechseln.
Das Geschäft mit Tiermedikamenten gilt als hochattraktiv. Der Markt ist mit einem Volumen von etwa 30 Milliarden Dollar zwar weitaus kleiner als der mehr als 800 Milliarden Dollar große Humanpharma-Bereich. Er ist jedoch weniger abhängig von staatlichen Kostenträgern, bietet relativ stetiges Wachstum von vier bis sechs Prozent und zudem ansehnliche Margen. Der Branchenführer Zoetis etwa hatte für 2015 ein bereinigtes operatives Ergebnis von gut 1,3 Milliarden Dollar ausgewiesen, was einer operativen Marge von fast 28 Prozent entspricht. Bayer und Sanofi wiesen zuletzt Renditen von rund 25 Prozent vor Zinsen und Steuern aus.
Entsprechend ansehnlich sind die Bewertungen bei Transaktionen. Boehringer zahlte de facto rund das Viereinhalbfache des Umsatzes für Merial. Die Sanofi-Tochter wurde damit gut 50 Prozent höher bewertet als 2011, als Sanofi und Merck & Co. ihre Tiermedizin-Sparten fusionieren wollten. Für diesen Deal, der aufgrund von Kartellproblemen wieder abgesagt werden musste, hatte man damals einen Wert von acht Milliarden Dollar für Merial angesetzt. Zoetis wird derzeit sogar mit fast 27 Milliarden Dollar bewertet, das entspricht dem fünfeinhalbfachen Umsatz und gut dem 30-Fachen des Gewinns.
Was wird aus Bayers Tierarznei?
Mit der Merial-Übernahme hat Boehringer die Endphase in der Konsolidierung der weltweiten Tiermedizin eingeleitet. Mehr als die Hälfte des Marktes wird von einem Firmenquartett bestritten: Zoetis, Boehringer, Merck & Co. und Eli Lilly. Die Konzentration ist damit bereits deutlich höher als im klassischen Pharmabereich, wo selbst die zehn größten Hersteller auf weniger als 50 Prozent Marktanteil kommen.
Weitere Fusionen werden damit aus kartellrechtlichen Gründen schwierig. Als denkbare Übernahmeobjekte werden in der Branche kleinere Akteure wie die französischen Firmen Virbac und Ceva oder die US-Firma Phibro gehandelt. Deren Produktsortiment ist allerdings weniger interessant für die Großkonzerne.
Als einzig größere Transaktion in der Tiermedizin erscheint Branchenexperten allenfalls noch ein Zusammenschluss der Tierarzneisparten von Merck & Co. und Bayer denkbar. Bayer hatte in den vergangenen Jahren auch immer wieder Interesse an einem Ausbau des Tierarznei-Geschäfts signalisiert und bei verschiedenen Gelegenheiten mitgeboten. Nachdem der Leverkusener Konzern inzwischen aber zu der riesigen, rund 66 Milliarden Dollar teuren Akquisition des Saatgutherstellers Monsanto angesetzt hat, erscheint der finanzielle Spielraum für größere Schritte begrenzt.
Logischer wäre für den Konzern eher ein Verkauf des Geschäfts, das derzeit als eigenständiger Teilbereich in der Agrarchemiedivision geführt wird. Als potenzielle Interessenten für die Bayer-Sparte kämen neben Merck & Co. auch Finanzinvestoren in Betracht. „Bayer hätte sicher kein Problem, sich von dem Geschäft zu trennen“, sagt ein Kenner des Marktes.
Orientiert man sich an den Übernahme-Relationen bei Merial, käme Bayers Tiermedizinsparte, die rund 1,5 Milliarden Euro Umsatz erzielt, auf einen Wert von sechs bis acht Milliarden Euro. Dieses Geld könnte der Konzern gut gebrauchen, um den Monsanto-Deal zu stemmen und die damit verbundene hohe Verschuldung zu senken.
Bayer-Chef Werner Baumann hat zwar mehrfach betont, dass zur Finanzierung der Monsanto-Übernahme keine Verkäufe von Teilbereichen vorgesehen seien. Allerdings hält er sich die Tür für routinemäßige Bereinigungen des Konzernportfolios stets offen.
Seine Maßgabe lautet: Jedes Bayer-Geschäft muss eine führende Position auf dem Weltmarkt haben oder erreichen können. Wenn dies nicht gelänge, müsse man sich fragen, ob es bei Bayer noch am besten aufgehoben sei. Dieser Punkt, so scheint es, ist mit den jüngsten Veränderungen bei Bayer und in der Tiermedizin-Branche zumindest ein Stück näher gerückt.