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Weniger Innovationen, schwächeres WachstumSchwere Zeiten für Big Pharma

Den großen Pharmakonzernen gehen die Innovationen aus, das Wachstum schwächt sich ab. Auch der Trick, mit Preiserhöhungen den Umsatz zu steigern, versagt zunehmend – weil selbst in den USA der Widerstand zunimmt.Siegfried Hofmann 04.01.2017 - 06:10 Uhr Artikel anhören

Die Perspektiven für die Medikamentenhersteller haben sich eingetrübt.

Foto: dpa

Frankfurt. Die Erleichterung bei Pharmainvestoren war groß, als Anfang November Donald Trump überraschend zum neuen Präsidenten der USA gewählt wurde und zugleich in Kalifornien ein Volksentscheid zugunsten stärkerer Preisrestriktionen scheiterte. Trump gilt als weniger gefährlich für die Branche als seine Kontrahentin Hillary Clinton, die im Wahlkampf heftig gegen die aggressive Preispolitik etlicher Hersteller gewettert hatte. Pharmawerte legten kräftig zu am Tag nach der Wahl.

Doch inzwischen wird mehr und mehr deutlich, dass Trumps Wahlerfolg vielleicht Schlimmeres verhindert, die Branche aber nicht vor grundlegenden Herausforderungen bewahrt. Ungeachtet der US-Wahl haben sich die Perspektiven für die Medikamentenhersteller 2016 eher eingetrübt. Entsprechend verhalten fällt der Ausblick für viele große Pharmahersteller aus.

So rechnen Analysten nach Daten von Bloomberg für die zehn führenden Pharmakonzerne für 2016 und 2017 mit einem Umsatzwachstum von im Schnitt nur rund zwei Prozent auf Dollar-Basis. Dabei erreichen manche Unternehmen sogar einen höheren Umsatz nur durch Zukäufe. Pfizer etwa hat 2016 noch von der Übernahme von Hospira profitiert und wird 2017 vom Kauf des Krebsspezialisten Medivation zehren. Dem israelischen Teva-Konzern kommt die Übernahme der Generikasparte von Allergan zugute.

Etwas stärker dürfte die Dynamik in der zweiten Reihe ausfallen. Für die Pharmahersteller auf den Positionen zehn bis zwanzig unterstellen Analysten immerhin etwa 4,5 Prozent Wachstum im kommenden Jahr, nach plus drei Prozent im Jahr 2016. Hier wird unter anderem für Abbvie und Bayer noch überdurchschnittliches Wachstum erwartet. Alles in allem dürfte die Branche aber die bisherigen, noch optimistischeren Langfristprognosen im Jahr 2017 verfehlen. Die britische Analysefirma Evaluate Pharma hatte zuletzt ein Wachstum der Welt-Pharmaindustrie um durchschnittlich mehr als sechs Prozent bis zum Jahr 2022 unterstellt.

Vor allem zwei Faktoren sorgen für Unsicherheit: Zum einen die relativ schwache Innovationsbilanz des vergangenen Jahres, zum anderen die Furcht vor einem wachsenden Preisdruck auf dem wichtigen US-Markt.

Was die Markteinführung von neuen Medikamenten angeht, ist der deutliche Aufwärtstrend der Vorjahre 2016 jäh unterbrochen worden. Wurden 2015 noch fast vier Dutzend völlig neue Substanzen auf dem US-Markt zugelassen, erhielten dort im vergangenen Jahr laut jüngsten Daten der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA nur noch 22 neue Arzneien die Erstzulassung. In Deutschland sank die Zahl der Neuzulassungen um knapp ein Fünftel auf 30 neue Produkte. Sie lag damit rund 40 Prozent unter dem Rekordwert von 2014.

Das ist schmerzlich für die Branche, die ihre globalen Forschungsausgaben weiter gesteigert haben dürfte, auf zusammen mehr als 150 Milliarden Dollar. Mehrere prominente Entwicklungsprojekte floppten: Der US-Konzern Bristol-Myers Squibb (BMS) etwa scheiterte mit seinem Krebsimmunmedikament Opdivo in einer wichtigen Studie gegen Lungenkrebs. Eli Lilly meldete jüngst enttäuschende Daten für seinen potenziellen Alzheimer-Wirkstoff Solanezumab. Zudem zeigte sich, dass etliche Neuentwicklungen der Vorjahre, so etwa das Herzmittel Entresto von Novartis oder die neuartigen Cholesterinsenker von Sanofi und Amgen deutlich weniger Umsatz erzielen als einst erhofft.

Einer Studie des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte zufolge sind die erwarteten Renditen aus den Forschungsinvestitionen bei den führenden Konzernen dadurch weiter gesunken, auf nur noch 3,7 Prozent gegenüber zehn Prozent im Jahr 2010. Die Experten von Deloitte stellen dabei die erwarteten Erträge von neuen Medikamenten den Gesamtkosten für die Entwicklung und Markteinführung dieser Produkte gegenüber. Die Industrie müsse einen Weg finden, um die strukturellen Produktivitätsschwächen in der Forschung zu überwinden, schreiben die Studienautoren Colin Terry und Neil Lesser. „Die nötigen Verbesserungen sind erheblich und nur sehr schwer zu erzielen.“

Innovationen in der Pharmabranche
Während sich die Erstzulassungen von neuen Wirkstoffen auf dem wichtigen US-Markt 2016 auf nur noch 22 Produkte halbierten, fällt der Rückgang in Deutschland mit 30 neuen Arzneien, gegenüber 39 im Vorjahr weniger gravierend aus.
Unterschiede ergeben sich vor allem daraus, dass Pharmafirmen ihre neuen Produkte nicht in allen Ländern gleichzeitig einreichen und die Zulassungsverfahren unterschiedlich lange dauern. Etliche Neuentwicklungen wurden daher in den vergangenen Jahren erst mit gewisser Verzögerung in Europa eingeführt.
Schwerpunkt der Pharmaforschung bleibt weiterhin die Krebstherapie, auf die 2016 etwa ein Drittel der Neuzulassungen in Deutschland und ein Viertel der US-Zulassungen entfällt. So kamen unter anderem neue Mittel gegen Brust- und Lungenkrebs sowie gegen Leukämien auf den Markt. Zu den interessanten Neueinführungen gehören ferner weitere Medikamente gegen Hepatitis C sowie neue Wirkstoffe gegen Epilepsie und Infektionen.

Belastet wird die Rentabilität der F+E-Ausgaben dabei aus Sicht von Deloitte weniger von der wieder gesunkenen Zahl an Neueinführungen, sondern vor allem dadurch, dass die erwarteten Spitzenumsätze von neuen Medikamenten nicht mehr so hoch ausfallen wie in der Vergangenheit.

Das Ende der hohen Preise?

Diese Diagnose erscheint auf den ersten Blick paradox angesichts der zum Teil extrem hohen Preise, mit denen Pharmafirmen ihre Neuentwicklungen auf den Markt bringen. Vor zwei Jahren etwa sorgte der US-Biotechkonzern Gilead mit seinen neuen Hepatitismitteln für Aufsehen und heftige Debatten. Sie kamen zu einem Listenpreis von mehr als 80.000 Dollar für eine dreimonatige Behandlung auf den Markt. Bei etlichen Krebsmitteln addieren sich die Jahrestherapiekosten auf mehr als 100.000 Dollar. Und noch heftiger schlägt jetzt die Biotechfirma Biogen mit ihrem, vor wenigen Tagen zugelassenen Medikament Spinraza zu. Das Mittel gegen die spinale Muskelatrophie, eine erblich bedingte Form von Muskelzerfall, soll 750.000 Dollar im ersten und 375.000 Dollar ab dem zweiten Jahr der Behandlung kosten. Trotz einer relativ niedrigen Zahl an Patienten – in Europa und den USA sind schätzungsweise 20.000 Menschen von dem Leiden betroffen – könnte das Mittel damit Milliardenumsätze für Biogen einfahren.

Doch gemessen am Gesamtvolumen des globalen Pharmamarkts von etwa 800 Milliarden Dollar ist die Zahl solcher Spezialprodukte noch zu gering, um das Wachstum generell zu beschleunigen. Zudem regt sich zunehmend Widerstand gegen die Hochpreisstrategien der Pharmahersteller – und dies nicht nur in Europa. Auch in den USA entfalten Versicherer und ihre Abrechnungs-Dienstleister, die sogenannten Pharmacy Benefit Manager (PBM) stärkeren Druck auf die Preispolitik der Hersteller – vor allem im Bereich etablierter, aber noch patentgeschützter Produkte. 

Bisher konnten Pharmahersteller auf dem US-Markt stets regelmäßige Preiserhöhungen für ihre etablierten Produkte durchsetzen und auf diese Weise Wachstum auch bei stagnierendem Absatz erzielen. Zumindest in Teilen des Marktes wird das offenbar zusehends schwieriger. 

Indem sie drohen, Produkte von den Erstattungslisten zu nehmen, ringen die PBMs den Herstellern vermehrt Zugeständnisse in Form von Rabatten ab, insbesondere in Bereichen wie Diabetes- oder Atemwegsmedikamenten, wo jeweils mehrere, relativ vergleichbare Mittel zur Verfügung stehen. Deutlich gebremst wurden davon in den vergangenen Jahren bereits Firmen wie Glaxo-Smithkline, Sanofi und Boehringer. Der erfolgsverwöhnte dänische Insulinspezialist Novo Nordisk musste im Oktober seine längerfristige Wachstumsprognose von zehn auf fünf Prozent halbieren. Der US-Hersteller Eli Lilly kündigte jüngst Preissenkungen von 40 Prozent bei bestimmten Insulinen an. Und als der Pharmagroßhändler McKesson im Oktober seine Gewinnprognose für das Geschäftsjahr 2017 kappte, begründete das Firmenchef John Hammergren mit dem Hinweis auf einen „Preistrend, der deutlich hinter den bisherigen Erwartungen und der Entwicklung im Jahr 2016“ zurückbleibe.

Ähnlich sieht es die Ratingagentur Moody’s, die zwar von weiteren Preissteigerungen in den USA ausgeht, „aber mit einem geringeren Tempo als bisher“. Stephen McGarry, Pharmaanalyst der britischen Großbank HSBC, warnt vor dem Hintergrund vor einer nachhaltigen Veränderung im Preisumfeld auf dem US-Pharmamarkt. „Dieser Strukturwandel ist vom Ausgang der US-Wahl letztlich unberührt und wird sich weiter beschleunigen.“
Fachleute schätzen, dass neben Diabetes und Asthma weitere Segmente von diesem Trend erfasst werden könnten, so zum Beispiel die Medikamente gegen Multiple Sklerose oder die Gruppe der Anti-TNF-Wirkstoffe wie Humira, Enbrel und Remicade, die riesige Umsätze in der Rheumatherapie erzielen. Auch im Marktsegment der neuen Gerinnungshemmer, wo Bayer mit Xarelto eine Führungsposition hält, erscheint eine solche Entwicklung nicht undenkbar. Bei den neuen Hepatitis-Mitteln sorgt die Strategie der Versicherer schon jetzt für Preiswettbewerb. Für den Marktführer Gilead zeichnen sich damit nach dem großen Umsatzsprung in den beiden Vorjahren nun rückläufige Umsätze für 2016 und 2017 ab.

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Alles in allem dürfte es damit für viele der großen Pharmakonzerne schwierig bleiben, starkes organisches Wachstum zu generieren, zumal weitere wichtige Patente auslaufen. Vor allem bei etlichen Biotech-Medikamenten werden Nachahmerprodukte, sogenannte Biosimilars, wohl für zusätzlichen Preiswettbewerb sorgen.

Der Anreiz, externes Wachstum über Akquisitionen zu suchen, bleibt daher hoch. Ein zusätzlicher Anreiz dazu könnte aus der von Trump angekündigten Steuerreform in den USA resultieren, die es US-Konzernen ermöglichen würde, große Summen aus Auslandserträgen in die USA zurückzuholen. Dass weitere Deals in der Luft liegen, zeigt nicht zuletzt das Interesse von Johnson & Johnson an der Schweizer Actelion, das zu einer mehr als 20 Milliarden Dollar schweren Transaktion führen könnte. Wenn sich das bestätige, heißt es im jüngsten Branchenausblick der Analysefirma Evaluate Pharma, könnte sich 2017 als Jahr entpuppen, „in dem alles möglich ist in Sachen M&A“.

Allerdings ist auch auf diesem Feld keineswegs klar, ob sich alles, was möglich ist, am Ende auch rechnet. Denn die Preise für interessante Akquisitionsobjekte erreichen zum Teil exorbitante Höhen, wie sich etwa im Falle Medivation zeigte, für die Pfizer rund das 15-Fache des Umsatzes zahlt. Die Pharmariesen laufen damit Gefahr, dass die Renditen solcher Akquisitionen noch schlechter ausfallen als die der eigenen Forschung.

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