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Modeunternehmerin Roberta BentelerStyle statt Stahl

Roberta Benteler hätte die Nachfolge im familiären Milliardenunternehmen anstreben können. Doch die 33-Jährige gründete lieber einen Onlineshop für Luxusmode in London. Eins ihrer Schlüsselerlebnisse: die Finanzkrise.Kerstin Leitel 12.06.2017 - 17:34 Uhr Artikel anhören
Foto: Getty Images

London. Manchmal stößt selbst Roberta Benteler an ihre Grenzen. Vor einer Jacke mit extrem breiten Schultern und Puffärmeln des in Paris angesagten Jungdesigners Simon Porte Jacquemus musste sie kapitulieren: „Ich verstehe es zwar aus modischer Sicht“, erklärt die 33-Jährige. Aber auf die Straße habe sie sich nicht damit getraut.

Dabei ist Benteler keine, die vor Herausforderungen zurückschreckt. Vor knapp sechs Jahren, im Alter von gerade einmal 26 Jahren, gründete die gebürtige Ostwestfälin in London ihr eigenes Unternehmen: Avenue 32, einen Onlineshop für Mode. Benteler hätte auch einen anderen Weg einschlagen können. Mit dem Namen Benteler verbindet man in Deutschland einen globalen Anbieter von Autokomponenten und Stahlbauteilen mit 30.000 Mitarbeitern und mehr als sieben Milliarden Euro Umsatz. Gerade hat sich Familienoberhaupt Hubertus Benteler aus der Führung des Paderborner Familienunternehmens zurückgezogen. Er hält weiterhin 50 Prozent am Konzern, den Rest die Familie des verstorbenen Onkels Helmut. Tochter Roberta hatte – wie auch ihre Geschwister – bereits in den Schulferien im Unternehmen gejobbt. Kann sie sich vorstellen, ins Familienunternehmen zurückzukehren? Sie lacht wieder. Das sollte lieber jemand machen, der etwas von der Materie versteht, antwortet sie dann. Ihr 31-jähriger Bruder Casper etwa ist Ingenieur.

Roberta Benteler, die älteste der drei Geschwister, lebt schon lange in London. Aber das Verhältnis zu ihrem Vater ist eng. „Ich hole mir viel Rat bei meinem Vater, er hilft mir immer, und ich kann seine Ratschläge nachvollziehen“, sagt sie. Schon als Kind habe er sie und ihre Geschwister zu selbstständigem Handeln ermutigt. Noch heute telefoniert sie viel mit ihm, „und natürlich steht auch meine Schwester mit ihm Kontakt“. Die arbeitet mittlerweile auch bei Avenue 32, beide teilen sich ein Büro. „Sie ist vielleicht COO, und ich bin CEO“, erklärt sie und lächelt etwas verlegen, bevor die selbstbewusste, aber charmante Geschäftsfrau wieder durchkommt: „Zahlen geben wir nicht bekannt. Wir wachsen im hohen zweistelligen Bereich.“ Profitabel ist Avenue 32 noch nicht. Das sei nicht bedenklich, beteuert sie rasch. „Die Branche wächst schnell, wir müssen noch sehr viel in Wachstum investieren.“ Investoren hat sie noch keine, es sei „alles familienfinanziert“.

Wie Tipps der Freundin

Avenue32 stellt Nachwuchsdesigner in den Vordergrund. Kleidung von bekannten Designern wie Isabel Marant oder Victoria Beckham werden zwar ebenfalls angeboten, aber der Fokus liegt auf Newcomern wie dem Briten Eudon Choi aus dem Bereich „advanced contemporary“, also in einer Preisklasse von 500 bis 1.000 Pfund: ein knallrotes Kleid, eine Bluse mit übergroßem Rüschenkragen oder bronzefarbene Stiefeletten im Metall-Look. „Avenue 32 spiegelt nicht Trends wider, wir wollen etwas Neues, etwas anderes“, sagt Benteler. „Wir versuchen, die neuesten und spannendsten Labels zu zeigen und an den Markt zu bringen.“ Findet sie einen vielversprechenden Designer, präsentiert sie die Kleidungsstücke auf der Website, in Blogs und auf Instagram. Eine Investition, sagt sie: Es geht eben nicht nur darum, die Produkte in das Sortiment aufzunehmen, sondern sie auch zu vermarkten. „Nicht nur, indem ich es trage, sondern auch bei speziellen Veranstaltungen für Modeblogger und -journalisten“, erklärt sie. „Mit neuen Brands sind auch immer Kosten verbunden.“ Neue Designer sind wagemutiger, schließlich müssten sie ins Auge stechen. Das Konzept geht auf. Von den Lesern der britischen „Vogue“ wurde Avenue 32 zur Nummer zwei von 100 Online-Fashionshops gewählt, Benteler gilt als Trendsetterin. Das Angebot auf der Website, schwärmen Modeblogger, sei wie die Tipps der besten Freundin.

Als Nummer eins in dem Segment gilt das in Mailand börsennotierte Unternehmen Yoox net-a-porter, an dem der Schweizer Luxusgüterkonzern Richemont Aktien hält. Doch Experten sehen durchaus Platz für andere Player. „Onlineshops im Bereich Luxusmode haben auch weiterhin ein großes Wachstumspotenzial“, sagt Eva Stüber vom Kölner Handelsforschungsinstitut IFH. Dadurch, dass man nicht auf eine Region beschränken sei, könne man Kunden aus dieser speziellen Zielgruppe „in großer Zahl“ erreichen, sagt IFH-Expertin Stüber. Sie schätzt das Marktvolumen für Fashion & Accessoires im Onlinehandel in Deutschland auf rund 13 Milliarden Euro.

Von diesem Kuchen will auch Benteler ein größeres Stück abhaben. Derzeit macht sie den größten Teil ihrer Umsätze mit britischen Kunden. Doch Avenue 32 soll wachsen. Deswegen sucht Benteler nun nach Investoren. Ein neues Warenhaus, mehr Investitionen in Marketing, mehr Geld für den Einkauf.

Derzeit arbeiten am Firmensitz in einem unauffälligen Gebäude im Londoner Stadtteil South Kensington rund 45 Mitarbeiter im Einkauf, Marketing, Sale oder Controlling von Avenue 32. Die Büroräume sind schlicht, die meist weiblichen Mitarbeiterinnen sitzen still vor ihrem Computer. Kein Hauch von Fashion und Glamour weht durch den Flur – die Kleider, Blusen, Hosen und Schuhe sind in einem Lagerhaus im ländlichen Kent untergebracht. Dennoch herrscht Betrieb, alle paar Minuten öffnet sich die Tür des Aufzugs. Ein hübsches Mädchen nach dem anderen kommt herein, übergibt ihre Mappe zwei Mitarbeiterinnen. Ein kurzes Foto, ein kurzes Gespräch, dann verschwinden die Mädchen. „Wir shooten gerade“, erklärt Benteler, die Mädchen könnten Models für die Präsentation der nächsten Kollektionen werden.

Flucht aus der Finanzbranche

Mit dem eigenen Unternehmen in der Modebranche erfüllt sich für Benteler einen Traum. Schon als Kind wollte sie in der Modebranche arbeiten, doch als sie mit 17 Jahren den Abschluss ihres englischen Internats in der Tasche hatte, hörte sie auf den Rat ihres Vaters, flexibel zu bleiben, und verwarf die Idee, Modedesignerin zu werden. Sie studierte in London BWL und absolvierte dann einen Master im Bereich Finance. Ihre ersten Erfahrungen im Berufsleben sammelte sie in New York im Asset Management der Deutschen Bank und der Private-Equity-Sparte des Versicherungskonzerns Axa. Der harte Konkurrenzkampf in der Finanzbranche störte sie nicht. „Ich war schon immer sehr competitive“, erklärt Benteler dazu in einem Sprachkauderwelsch, wie es so viele sprechen, die seit Jahrzehnten in London leben oder in der Finanzbranche arbeiten. „Ich war im Fondsmonitoring, musste den ganzen Tag vor Excel-Tabellen sitzen, eine sehr spezialisierte und einsame Tätigkeit“, sagt sie. Dann brach die Finanzkrise los.

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Weltweit stürzten die Aktienmärkte ab, Lehman Brothers kollabierte, zahllose Banker verloren ihren Job und mussten in Pappkartons ihre Siebensachen aus der Firma tragen. „Es war so deprimierend“, sagt sie, „die Stimmung war schlecht. Und da habe ich mich gefragt: Will ich das wirklich weitermachen?“ Nein, wollte sie nicht. Ihr fehlte der Kontakt zu Menschen und vor allem ein kreatives Umfeld.

Letztlich, findet sie, ist ihre heutige Arbeit auch gar nicht so weit weg von der Finanzwelt, auch in der Mode gehe es um Risiko: Man müsse sich immer neu erfinden – manchmal auch, indem man über die Stränge schlage. „Man liebt nicht Mode, wenn man immer ein weißes T-Shirt und blaue Hosen anhat.“

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