Türkei und Russland bauen Einfluss aus: Wem gehört der Balkan?
Heimat vieler Muslime.
Foto: Oliver Tjaden/laifMoskau, Istanbul, Wien. Die nächste Krise Europas könnte sich auf dem Balkan anbahnen. Während die EU und die Nato versuchen, Staaten wie Montenegro oder Serbien stärker an sich zu binden, ist ein Kampf um die Vorherrschaft in Südosteuropa entstanden. Die weiteren Akteure: neben den USA vor allem Russland und die Türkei, aber auch Saudi-Arabien.
So warnt Österreichs Außenminister Sebastian Kurz im Gespräch mit dem Handelsblatt vor zunehmendem Einfluss der Türkei und Saudi-Arabiens. „In Sarajevo oder Pristina werden zum Beispiel Frauen dafür bezahlt, voll verschleiert auf die Straße zu gehen, um das Straßenbild zu ändern“, meint der konservative Politiker. „Hier dürfen wir nicht tatenlos zusehen.“
Kurz fordert vor diesem Hintergrund eine Beschleunigung des Annäherungsprozesses an die EU, um die Türkei und Russland in Schach zu halten. „Die EU wird derzeit zwar durch Herausforderungen wie den Brexit, die Migrationskrise oder islamistischen Terror erschüttert, doch dürfen wir den Westbalkan nicht aus den Augen verlieren.“ Es handele sich um eine Region mit jungen Staaten, in denen Spannungen untereinander oder zwischen verschiedenen Ethnien zuletzt wieder zugenommen hätten. „Wir müssen daher weiterhin eine aktive Rolle in dieser für die EU so wichtigen Region spielen, Reformen und den Kampf gegen Radikalisierung unterstützen sowie eine glaubhafte EU-Perspektive bieten“, forderte Kurz.
Der Balkan war schon oft Spielball von Regionalmächten. Habsburger gegen Osmanen, der Westen gegen das kommunistische Russland und immer mittendrin die internen Spannungen der verschiedenen Ethnien, die dort leben.
Für die Türkei ist der Balkan vor allem eine emotionale Angelegenheit. Im 15. Jahrhundert brachte das Osmanische Reich den Islam auf die Halbinsel. In vielen Staaten in der Region gibt es immer noch muslimische Minderheiten. Die staatliche türkische Entwicklungsorganisation Tika restauriert derzeit 14 Bauwerke auf dem Balkan, die in der Zeit des Osmanischen Reiches entstanden sind – auf eigene Kosten.
Hinzu kommt das wirtschaftliche Potenzial der Region, das die Türkei ausschöpfen möchte. Ein türkisches Bergbauunternehmen gab im April bekannt, 40 Millionen Euro in den Kosovo zu investieren – eine seltene Nachricht in dem politisch instabilen Land. Turkish Airlines hilft Albanien dabei, eine eigene nationale Fluggesellschaft aufzubauen. Und türkische Firmen sind am Bau eines neuen Flughafens in dem Land beteiligt. Die Türkei und Bosnien einigten sich im Mai auf eine Vertiefung ihres Freihandelsabkommens. Sie versprechen sich davon eine Verdreifachung des bilateralen Handelsvolumens auf zwei Milliarden US-Dollar.
Regionale Entwicklungen seien nicht auf den Balkan übergeschwappt, weil die Türkei den Strom an Flüchtlingen gestoppt habe, bemerkte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim kürzlich. „Die Türkei wird auch weiterhin das Symbol für Stabilität in der Region bleiben“, fügte er hinzu – diese Rolle wird allerdings gleichzeitig auch von der EU beansprucht.
Der österreichische Minister sieht den EU-Einfluss auf den Balkan schwinden.
Foto: dpaAuch Russland erweitert aktiv seinen Einfluss in der Region. Ein verbindendes Element ist die slawische und zugleich orthodoxe Bevölkerung. Serbien ist dabei nicht nur traditioneller Verbündeter, sondern nach wie vor ein Vorposten Russlands. Umfragen zeigen, dass die Serben mehrheitlich prorussisch eingestellt sind, während sie die Nato, die das Land 1998 während der Kosovo-Krise bombardierte, ablehnen. Serbien „wird niemals der EU beitreten“, erklärte der russische Vizepremier Dmitri Rogosin kurz nach der Amtseinführung des serbischen Präsidenten Alexandar Vucic, der er beiwohnte. Mit einer „strategischen“ und militärischen Partnerschaft versucht der Kreml, die Serben im Orbit zu halten.
Gibt es für Belgrad vorwiegend Zuckerbrot, so klagen andere Balkanrepubliken über die Moskauer Peitsche: In Montenegro wurden vor einigen Monaten 21 vermeintliche Verschwörer einer prorussischen Gruppierung verhaftet. Der Vorwurf: Sie sollen einen Staatsstreich geplant und versucht haben, den langjährigen Premier Milo Dukanovic zu ermorden. Moskau weist diese Beschuldigungen als „absurd“ zurück.
Nicht nur in Podgorica wirft man Moskau Intrigen vor: „Uns sind Versuche Russlands bekannt, Einfluss auf Schlüsselsphären in Politik und Sicherheit zu erlangen. Wir sind sehr beunruhigt darüber“, erklärte die mazedonische Verteidigungsministerin Radmila Sekerinska. Mazedonien strebe den Nato-Beitritt an, um sich vor einer solchen Einmischung zu schützen, sagte sie, was wiederum in Moskau als Russophobie abgetan wurde.
Dass sich die beiden Mächte Türkei und Russland auf dem Balkan schon bald in die Quere kommen können, zeigt sich in Bulgarien. Für die Belange ethnischer Türken gab es lange eine eigene Partei, die DPS. Da deren Chef als russlandfreundlich galt, half Ankara bei der Gründung einer neuen türkenfreundlichen Partei namens „Dost“ (türkisch: „guter Freund“). Deren Vorsitzender Lütfi Mestan traf sich in der Vergangenheit mehrfach mit Spitzenfunktionären der türkischen Regierungspartei AKP und auch mit Staatschef Erdogan persönlich.
Die Türkei werde „probieren, ihre Interessen über Dost zu stärken und Einfluss auf die bulgarische Regierung zu entwickeln“, glaubt Angel Petrov, Chefredakteur einer bulgarischen Nachrichtenagentur. Bei der Parlamentswahl im März blieb das Wahlergebnis mit 2,84 Prozent zwar hinter den Erwartungen. Aber man kann es auch so sehen: Wenn Erdogan der EU mal wieder droht, die Schleusen für Flüchtlinge zu öffnen, dann droht er damit auch Bulgarien.