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Staatskonzern RosAtom expandiertAtomkraft? Ja bitte!

Der Atomausstieg ist in zahlreichen Staaten beschlossene Sache. Anders in Russland: Der Staatskonzern RosAtom expandiert – und stößt auch in Lücken vor, die Deutschland hinterlassen hat. Brisant ist das Iran-Geschäft.André Ballin 21.08.2017 - 17:15 Uhr Artikel anhören

Russland setzt auf Atomkraft.

Foto: picture alliance/dpa

Moskau. Die Kernkraft hat in Deutschland spätestens seit dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima keine Chance mehr: Der Ausstieg ist beschlossene Sache, im Jahr 2022 soll der letzte Meiler vom Netz gehen. Deutsche Konzerne wie Siemens haben sich aus der Atomwirtschaft zurückgezogen. Auch andernorts stiegen die Bedenken: Wenn schon die technikaffinen Japaner das Risiko nicht beherrschen konnten, wer dann? Vielerorts wurde und wird über einen Rückzug aus der Kernenergie nachgedacht.

Nicht so in Moskau: Präsident Wladimir Putin erklärte unmittelbar nach der Katastrophe in Japan, Russlands Kraftwerke seien sicher und das Land bleibe bei seinem Atomprogramm. Weniger als eine Woche nach Fukushima vereinbarte er den Bau eines neuen Kraftwerks im benachbarten Weißrussland – eigentlich schwer Tschernobyl-geschädigt – mit russischen Krediten. Bisher ist die Rechnung aufgegangen: Seit 2012 steigt der globale Verbrauch von Kernenergie langsam wieder an. 2016 habe die errichtete Atomstromkapazität mit 392 Gigawatt ein neues Allzeithoch erreicht, teilte die Internationale Atombehörde IAEA jüngst mit.

Die Prognosen der Agentur sind zwiespältig: Im für die Branche optimistischen Szenario steigen die Kapazitäten bis 2030 um 42 Prozent und bis 2050 gar um 123 Prozent an. Im schlechtesten Fall gibt es bis zum Jahr 2030 einen Einbruch von zwölf Prozent, und erst 2050 wird das heutige Niveau wieder erreicht. Allerdings könnte laut IAEA gerade das Pariser Klimaabkommen eine Schlüsselrolle für den Bau neuer Meiler spielen, die zunehmend fossile Brennstoffe ersetzen müssen.

Größter Profiteur der Atomkraft-Wiedergeburt ist der russische Staatskonzern RosAtom. Die 35 Reaktoren im Land produzieren 18,3 Prozent der Gesamtstrommenge Russlands, und der Anteil soll weiter steigen. Putin hat vor Jahren schon das Ziel von 20 bis 30 Prozent vorgegeben. Dazu wird kräftig investiert. Acht Reaktoren sind im Bau, elf in Planung.

Selbst ein schwimmendes Atomkraftwerk wird derzeit konzipiert. Für die Ostseeanrainer ebenso spannend ist die Zukunft des AKW in Kaliningrad. Aus dem Baltikum gibt es Widerstand gegen den Bau, doch Moskau setzt auf Stromexporte von dort. Diese könnten nicht nur nach Estland, Lettland und Litauen, sondern auch nach Polen und Deutschland gehen, heißt es. Artur Boroz, Direktor der RosAtom-Vertriebstochter Atomenergosbyt, nennt das AKW eine Kompromisslösung für die gesamte Region, die „Systemstabilität und Funktionssicherheit des Energiesystems garantiert, ohne die Verbraucher in der EU zusätzlich finanziell zu belasten“. 

In Moskau hat der Atommonopolist volle Rückendeckung, der langjährige Konzernchef Sergej Kirijenko ist erst kürzlich zum Leiter der Kreml-Verwaltung aufgestiegen. Die nutzt RosAtom auch zur Expansion im Ausland. Dabei stößt der Konzern in Lücken vor, die Deutschland hinterlassen hat.

So wie in Nordfinnland: Dort soll 2018 der Bau des 1.200 Megawatt starken Reaktors Hanhiviki beginnen. Als das Projekt vor zehn Jahren angeleiert wurde, war zunächst auch Eon mit von der Partie. Doch der deutsche Energieversorger stieg aus, RosAtom übernahm den Part. Die Kosten des Atomkraftwerks werden auf sieben Milliarden Euro geschätzt. 400 bis 500 Millionen Euro sind bereits vor Baubeginn fällig. Da die Russen inzwischen 34 Prozent der Projektgesellschaft Fennovoima übernommen haben, werden sie sich auch anteilig an den Baukosten beteiligen.

Für RosAtom sind die Investitionen kein Problem: Die freien Betriebsmittel lagen 2016 bei umgerechnet 4,4 Milliarden Dollar. Der Konzern ist der größte Exporteur von Kernkraftwerken weltweit. Im Jahr 2016 konnte die staatliche Holding ihr Auftragsvolumen im Ausland um 20,9 Prozent auf 133,4 Milliarden Dollar steigern. Im Juni beim Petersburger Wirtschaftsforum gab es einen weiteren Auftrag. Indien bestellte in Moskau zwei weitere Blöcke für das Kernkraftwerk Kudankulam (bisher vier). Damit erhöht sich die Gesamtzahl der Auslandsbestellungen auf 36 Reaktoren. Zum Vergleich: Der größte Konkurrent, die amerikanische Westinghouse, hat sieben Auslandsaufträge in den Büchern, die französische Areva fünf.

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Asien ist ein wichtiger Markt

Kudankulam ist der größte Kraftwerksbau für RosAtom. Sind 2025 alle Blöcke wie geplant am Netz, ist es mit einer Kapazität von 6.000 Megawatt das größte Kernkraftwerk Südostasiens. Obwohl das AKW nahe der Südküste Indiens liegt, haben die Betreiber keine Sicherheitsbedenken: „Das ist das sicherste Kraftwerk Indiens“, sagte Kirijenko. Asien ist wegen des wachsenden Energiebedarfs wichtigster Markt für RosAtom. Mit dem „Russisch-chinesischen Investitionsfonds für Regionalentwicklung“ hat RosAtom Anfang August einen finanzkräftigen Partner aus China gewonnen. Beide unterzeichneten ein Abkommen zur Finanzierung von RosAtom-Projekten im Ausland.

Am brisantesten ist das Iran-Geschäft. Die USA haben wegen des dortigen Atomprogramms jüngst die Sanktionen gegen Teheran verschärft. Russland, selbst unter Sanktionsdruck, lässt sich davon kaum beeindrucken. Nach dem AKW Bushehr sollen mindestens zwei weitere Reaktoren folgen. Konsequenzen muss RosAtom nicht befürchten. Im Gegenteil: Theoretisch könnte Russland sogar Gegensanktionen lancieren. Dabei geht es um die Lieferung von angereichertem Uran. Immerhin hängt ein Drittel der US-Atomkraftwerke daran. Es wäre ein empfindlicher Nadelstich, würde aber auch RosAtom lukrative Verträge kosten. Bisher wird die Möglichkeit von Moskau daher nur angedeutet.

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