Dealmaker Vincent Bolloré: Vivendis Herrscher stößt an seine Grenzen
Ungeliebter Großaktionär bei Mediaset und Ubisoft.
Foto: Bloomberg/Getty ImagesParis. Für Vincent Bolloré tickt die Uhr: Am 17. Februar 2022, wenn sein Familienunternehmen, der Mischkonzern Bolloré, seinen 200. Geburtstag feiert, will sich der Milliardär aus der Führung zurückziehen. Er wird dann 69 Jahre alt sein. Auf seinem Smartphone läuft angeblich schon der Timer.
Derzeit deutet absolut nichts darauf hin, dass der Multi-Unternehmer die Lust an der Arbeit verloren hätte. Seit dem zarten Alter von 18 Jahren ist er aktiv. Doch er scheint an Grenzen zu stoßen, vielleicht zum ersten Mal in seinem an Konflikten nicht gerade armen Leben.
Ende vergangener Woche durchsuchten Fahnder die Zentrale von Vivendi, des Medienkonzerns, den der Bretone dank seines Anteils von gut 20 Prozent der Aktien leitet. Vivendi hält neben anderen Firmen Universal Music, den Bezahlsender Canal Plus, den Werbe- und PR-Riesen Havas und den Videospiele-Hersteller Gameloft.
Hinter der Aktion der Justiz steckt Silvio Berlusconi. Im vergangenen Jahr schienen die beiden noch ein Herz und eine Seele zu sein, schwärmten davon, dass sie ein Netflix für Südeuropa gründen würden. Doch dann wurden dem einstigen Bunga-Bunga-Premier die Expansionspläne des Bretonen unheimlich. Die Kooperation flog auseinander. Bolloré strebte aber weiter nach einem Teil von Berlusconis TV-Imperium. Daraufhin schickte der alternde Medienunternehmer Bolloré die italienische Börsenaufsicht Consob auf den Hals: Der Franzose habe schlechte Nachrichten über sein Unternehmen gestreut, um den Kurs zu manipulieren.
Ein Mann wie ein Rätsel
Vivendi hält 23,9 Prozent an Telecom Italia und 28,8 Prozent an Berlusconis Mediaset. Einen Teil der Mediaset-Aktien musste das Unternehmen bereits an einen Treuhänder abgeben, um Auflagen des italienischen Regulierers zu folgen. Consob könnte eine Millionenstrafe verhängen, weil Vivendi die Kontrolle von Telecom Italia verschwiegen habe. Und die Franzosen müssen möglicherweise 25 Milliarden Schulden konsolidieren.
Bolloré kommt auch in Frankreich nicht mehr so voran wie gewünscht. Groß geworden ist sein Unternehmen mit dem Papiergeschäft und dem Afrika-Handel. Dann diversifizierte er, zunächst durch den Kauf von Havas, dann von Vivendi. Im vergangenen Jahr übernahm er in einem Überraschungsangriff die Video-Schmiede Gameloft von ihren Gründern, den fünf Guillemot-Brüdern.
Doch sie halten noch die größere Ubisoft, bekannt durch das Spiel „Assassin‘s Creed“. Hier ist Bolloré auf rund ein Viertel der Anteile gekommen, beißt nun aber auf Granit. Weder die Guillemot-Brüder noch die angelsächsischen Investoren wollen verkaufen: Ubisoft entwickelt sich unter der Führung der Familie blendend.
Bei Vivendi/Bolloré dagegen fällt es schwer, die Strategie zu verstehen. Dem Bretonen kann niemand das Wasser reichen, wenn es um den gewinnbringenden Kauf und Verkauf von Unternehmen geht. Immer wieder hat er mit relativ kleinen Beteiligungen die Kontrolle erreicht oder schnell wieder mit hohem Gewinn verkauft. Was aber will er mit Vivendi?
Erst 2013 hat der Konzern Activision Blizzard verkauft, Weltmarktführer bei Videospielen. Nun aber will Bolloré Ubisoft kaufen. Den Mobilfunkanbieter SFR stieß Vivendi ab, weil er nicht zum Kerngeschäft passe, für Telecom Italia aber wurden Milliarden ausgegeben.
So bekannt Bolloré ist, so wenig weiß man über ihn. Der weltläufige Milliardär ist tief religiös, wie im vergangenen Jahr der „Canard Enchainé“ zum allgemeinen Erstaunen berichtete: Zweimal pro Woche beichte er bei einem Pater, dem er ein Apartment mit Blick auf Notre Dame und eine eigene Kapelle in Paris gekauft habe. Bolloré hat exzellente Beziehungen zum Konservativen Nicolas Sarkozy wie zur Linkssozialistin Anne Hidalgo, Pariser Bürgermeisterin. Der Privatmann Vincent Bolloré ist schon lange ein Rätsel. Für den Geschäftsmann gilt das inzwischen auch.