Kolumne von Rolf Dobelli – Die Kunst des guten Lebens: Innerer Erfolg
Was macht ein gutes Leben aus?
Foto: HandelsblattIn jedem Land gibt es diese Listen: In der Schweiz ist es die „Bilanz-300-Liste“, das sind die 300 reichsten Schweizer. In Deutschland gibt es die Liste der 500 reichsten Deutschen, die vom „Manager Magazin“ veröffentlicht wird. Das US-Magazin „Forbes“ stellt jedes Jahr die Liste aller Milliardäre zusammen. Der Eindruck ist immer derselbe: Dies also sind die erfolgreichsten Menschen der Welt, alles Unternehmer (oder deren Erben).
Ähnliche Rankings existieren für die mächtigsten CEOs, die meistzitierten Wissenschaftler, die höchstbezahlten Künstler und die meistverdienenden Schauspieler. Jede Branche hat ihre Erfolgsrankings. Doch wie erfolgreich sind diese Erfolgreichen wirklich? Das kommt sehr darauf an, was man unter Erfolg versteht.
Über die Art, wie sie Erfolg misst und Prestige verleiht, kann eine Gesellschaft steuern, wie die Menschen ihre Zeit investieren. „Es ist kein Zufall“, schreibt der Psychologieprofessor Roy Baumeister, „dass in kleinen, ums Überleben kämpfenden Gesellschaften, Prestige an jene verteilt wird, die am meisten Protein nach Hause bringen (Jäger) oder die am meisten Feinde töten (Kämpfer). Ebenso steigt und fällt das Prestige von Müttern je nachdem, ob eine Gesellschaft zusätzliche Bevölkerung braucht.“ Moderne Gesellschaften schwenken die „Forbes“-Listen (wie wir all diese Rankings zusammenfassend nennen wollen) wie leuchtende Fähnchen, um uns zu zeigen: Das ist der Weg!
Warum versuchen moderne Gesellschaften, ihre Schäfchen in Richtung materiellen Erfolgs zu steuern und nicht in Richtung zusätzliche Muße? Warum gibt es Listen der Reichsten, aber keine Listen der Zufriedensten? Ganz einfach, weil Wirtschaftswachstum eine Gesellschaft zusammenhält. Der frühere Gouverneur der US-Zentralbank Henry Wallich sagte: „Solange die Wirtschaft wächst, lebt die Hoffnung, und Hoffnung macht große Einkommensunterschiede erträglich.“ Um sich nicht verrückt machen zu lassen von den „Forbes“-Listen, müssen wir zwei Dinge verstehen.
Warren Buffett in der Steinzeit
Erstens: Erfolgsdefinitionen sind Produkte ihrer Zeit. Vor 1.000 Jahren war eine „Forbes“-Liste undenkbar. Ebenso undenkbar wird sie in 1.000 Jahren sein. Warren Buffett, der zusammen mit Bill Gates seit Jahren die „Forbes“-Liste anführt, gibt zu, dass er es niemals auf die „,Forbes‘-Liste der Steinzeit“ geschafft hätte: „Wenn ich vor Jahrtausenden zur Welt gekommen wäre, wäre ich der perfekte Snack für irgendein Tier gewesen.“ Je nach Jahrhundert, in das Sie hineingeboren sind, schwenkt die Gesellschaft andere Erfolgsfähnchen – immer mit der Absicht, Sie von ihrer Erfolgsdefinition zu überzeugen. Laufen Sie den Fähnchen nicht blindlings nach.
Zweitens: Materieller Erfolg ist zu hundert Prozent eine Frage des Zufalls. Ihre Gene, die Postleitzahl, in die Sie geboren sind, Ihre Intelligenz, Ihre Willenskraft – für all das können Sie im Grunde nichts. Selbstverständlich, die erfolgreichen Unternehmer arbeiteten hart und trafen intelligente Entscheidungen. Doch sind dies wiederum die Ergebnisse ihrer Gene, ihrer Herkunft und ihres Biotops. Betrachten Sie die „Forbes“-Listen deshalb als Zufallslisten. Und hören Sie auf, diese Leute anzuhimmeln.
Lassen Sie mich Ihnen eine komplett andere Definition von Erfolg ans Herz legen, eine, die mindestens 2.000 Jahre alt ist. Erfolg hängt nach dieser Definition weder davon ab, wie eine Gesellschaft Prestige verteilt, noch eignet sie sich für vulgäre Rankings. Hier ist sie: Wahrer Erfolg ist innerer Erfolg. Voilà.
Das hat nichts mit Räucherstäbchen, Selbstversenkung oder Yoga zu tun. Das Streben nach innerem Erfolg ist eine der vernünftigsten Haltungen überhaupt – und gleichzeitig Wurzel des westlichen Denkens. Die griechischen und römischen Philosophen nannten diese Art von Erfolg Ataraxie. Wer Ataraxie erreicht hat – auf Deutsch gibt es dafür das schöne Wort Seelenruhe –, behält die Fassung, wenn das Schicksal zuschlägt. Erfolgreich ist, wer sich nicht aus der Ruhe bringen lässt.
Wie werden wir innerlich erfolgreich? Indem wir uns ausschließlich auf Dinge konzentrieren, die wir beeinflussen können. Input statt Output. Unseren Input können wir kontrollieren, den Output nicht, weil der Zufall stets hineinregiert. Geld, Macht und Popularität sind Dinge, über die Sie nur beschränkt Kontrolle haben. Der Verlust dieser Dinge wird Sie ins Unglück stürzen, falls Sie sich darauf konzentrieren. Haben Sie sich hingegen Gleichmut, Unerschütterlichkeit und Seelenruhe antrainiert, werden Sie meist glücklich sein, egal, was das Schicksal Ihnen vor die Füße wirft. Kurzum: Innerer Erfolg ist stabiler als äußerer.
Tägliche Manöverkritik
Absolvieren Sie am Ende jedes Tages eine Manöverkritik mit sich selbst: Wo sind Sie heute durchgefallen? Wo haben Sie sich den Tag von toxischen Emotionen vergiften lassen? Von welchen Schlägen, die jenseits Ihrer Kontrolle liegen, haben Sie sich erschüttern lassen? Und welche mentalen Werkzeuge müssen Sie hervorholen, um sich zu verbessern? Innerer Erfolg ist nie komplett erreichbar, sondern etwas, wofür wir ein Leben lang üben. Niemand wird das für Sie erledigen.
In Wahrheit zielen Menschen, die nach äußerem Erfolg streben – nach Reichtum, CEO-Positionen, Goldmedaillen oder Ehrungen – ebenfalls nach innerem Erfolg, nur ist es ihnen nicht bewusst. Mit dem Bonus kauft sich der CEO für 200.000 Euro eine IWC Grande Complication – vielleicht, weil ihn der Blick aufs Handgelenk freut, vielleicht noch mehr, weil er darum beneidet wird. So oder so, er leistet sich die IWC, um sich gut zu fühlen. Sonst würde er sie ja nicht kaufen.
Sie können es drehen und wenden, wie Sie es wollen: Menschen wollen äußerlich gewinnen, um innerlich zu gewinnen. Die Frage, die sich stellt, ist offensichtlich: Warum den Umweg über den äußeren Erfolg machen? Schlagen Sie den direkten Weg ein.