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Compugroup-Gründer Frank GotthardtMehr Bytes für den Doktor

Gründer Frank Gotthardt will die umstrittene digitale Patientenakte zum Erfolg machen. Doch immer wieder gibt es Rückschläge. Jetzt plant er den Durchbruch – und positioniert sich als Monopolist.Diana Fröhlich 16.01.2018 - 16:56 Uhr Artikel anhören

Sein Sohn folgt ihm nicht auf den Chefposten der Compugroup.

Foto: Rudolf Wichert für Handelsblatt

Koblenz. Um Frank Gotthardt, 67, zu verstehen, muss man ein paar Jahre zurückblicken. 2009 setzte sich der Gründer und Vorstandschef der Compugroup aus Koblenz und längst einer der reichsten Menschen der Republik an den Schreibtisch. Sein Ziel: endlich die Diplomarbeit im Fach Informatik schreiben. Das hatte er schon viele Jahre aufgeschoben. Wenige Monate später konnte er ausgelassen feiern. Es war die beste Party seines Lebens, erinnert sich Gotthardt.

Dabei hätte er das Abschlusszeugnis eigentlich kaum gebraucht. Ihn hatte nicht ein später Ehrgeiz gepackt. Es war eher eine Schuld, die er seinem Vater gegenüber noch fühlte. Zwar hatten die beiden kein inniges Verhältnis, wie es Gotthardt beschreibt. Aber die Lebensweisheiten seines Vaters hätten ihn dennoch geprägt. Und dazu gehörte die Maxime: Was man angefangen hat, müsse man auch zu Ende bringen.

So ist Gotthardt. Pflichtbewusst, unnachgiebig, ausgestattet mit einem langen Atem. Kritiker ignoriert er – oder er lädt sie zu sich ein und versucht, sie mit seinen Argumenten vom Gegenteil zu überzeugen. Schon als Student weiß er, dass er später einmal Unternehmer sein möchte. Im dritten Semester lernt er das Programmieren – und ist überrascht, welchen Wert die Fähigkeit damals schon hat. Von Firmenchefs wird er hofiert. Und das, obwohl er seine Diplomarbeit noch gar nicht geschrieben hat. Eher per Zufall landet er Ende der 1980er-Jahre im Gesundheitswesen. Heute beschäftigt seine auf E-Health-Lösungen spezialisierte Compugroup rund 4.500 Menschen in 20 Ländern, macht über 550 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Seit 2007 ist das Softwareunternehmen an der Börse, seit 2013 im TecDax gelistet. Knapp die Hälfte der ausgegebenen Aktien gehört der Familie des Gründers und Vorstandschefs.

Das Geschäftsmodell der Compugroup ist nicht das einfachste: Das Unternehmen ist auf Software spezialisiert, die Arztpraxen, Apotheken und Krankenhäusern bei der Organisation, der Diagnose und der Therapie hilft. Die bekanntesten Großprojekte sind die elektronische Gesundheitskarte und die digitale Patientenakte, das Ziel ist immer das gleiche: das Gesundheitswesen zu digitalisieren.

Keine leichte Aufgabe. Überall wird noch viel zu viel auf Papier gesetzt, meint Gotthardt. Seine Vision ist ein voll vernetzter Gesundheitssektor. Der könnte vermeiden, dass aufwendige Untersuchungen mehrfach gemacht werden. Und es verschaffe im Notfall einen schnellen Überblick über alle Daten eines Patienten. „Medizinische Abläufe werden insgesamt wirtschaftlicher“, sagt Gotthardt. Dem Argument folgen auch immer mehr Ärzte. Nach Studien der kassenärztlichen Bundesvereinigung sind schon heute rund 40 Prozent aller Arztpraxen Kunden der Compugroup.

Angst vor dem gläsernen Patienten

Doch viele Patienten, aber auch Ärzte, sind skeptisch. Sie wollen nicht zu viele Daten preisgeben. Der gläserne Patient ist für sie kein Heilsversprechen, sondern ein Angstszenario. Sie befürchten, dass intime Informationen in falsche Hände geraten. Dass Arbeitgeber, Versicherungen, Banken und Pharmakonzerne zu viel wissen könnten.
Der Compugroup wird häufig vorgeworfen, dass sie im Zuge der Digitalisierung Patientendaten ungefragt weitergeben könne. „Wir setzen uns seit Jahren dafür ein, dass Patienten die alleinige Verfügungsgewalt über ihre Daten bekommen, und haben das für sie sichergestellt. Sie alleine entscheiden, wer zu welchem Zeitpunkt Zugriff auf die Daten in ihrer elektronischen Akte nehmen kann“, kontert Gotthardt. Und: Nur der Patient kenne den Schlüssel zum Lesen und Versenden seiner Daten, er sei nicht zentral gespeichert und auch für Gotthardts Mitarbeiter nicht lesbar.

Es passt zu Gotthardt, der sich stets kämpferisch gibt und der das schnelle Spiel liebt, dass er 2010 mit seinem Geld einen renommierten Eishockey-Klub vor der Insolvenz rettete. Bis heute ist der Unternehmer Hauptgesellschafter der Kölner Haie – und versucht, zwei von drei Heimspielen live im Stadion zu verfolgen. Die Haie seien zwar mehr als ein Hobby für ihn, eine Leidenschaft, doch sein Leben ist seine Firma, sagt er.

Der E-Health-Markt ist hierzulande noch nicht besonders weit entwickelt, der Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung immens. Nicht nur in Deutschland. Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft Roland Berger wird sich das weltweite Marktvolumen des digitalen Gesundheitsmarkts von derzeit rund 80 Milliarden US-Dollar auf über 200 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2020 mehr als verdoppeln – ein durchschnittliches Wachstum von jährlich 21 Prozent.

Ende November 2017 beispielsweise hat in Deutschland nach jahrelanger Vorbereitung der Anschluss der Ärzte an die Telematikinfrastruktur (TI) begonnen. Die TI, die sogenannte „Datenautobahn für das Gesundheitswesen“ soll auf Basis des E-Health‧-Gesetzes dafür sorgen, dass Ärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser, Apotheken und Krankenkassen künftig nur noch darüber miteinander kommunizieren. Die ersten Geräte, die Konnektoren, die dafür nötig sind, kommen von der Compugroup und wurden in deutschen Arztpraxen installiert. Uwe Schupp, Analyst bei der Deutschen Bank, sieht für das Unternehmen da in Zukunft „eine einzigartige Umsatzchance“. Vor allem weil es derzeit keine Konkurrenz fürchten müsse. Noch attraktiver sei jedoch das schiere Verkaufspotenzial für Produkte, die auf der Infrastruktur aufsetzen. Er erwartet einen Marktanteil von 55 Prozent.

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Unklare Nachfolge

Doch große Chancen bringen häufig auch Gefahren mit sich: Weil sich die Einführung der Telematik-Infrastruktur immer wieder verzögerte – in den vergangenen Jahren wurde der Start vom Gesetzgeber gleich mehrfach verschoben – musste die Compugroup Ende 2017 ihre Umsatz- und Ergebnisprognose für das laufende Geschäftsjahr kappen. Aufträge, die eigentlich 2017 abgeschlossen sein sollten, werden im Geschäftsjahr 2018 abgearbeitet, erklärt das Unternehmen. Und doch könnte 2018 dank des riesigen TI-Projekts und mangelnder Konkurrenz Gotthardts entscheidendes Jahr werden – wenn er es schafft, die Praxen rechtzeitig zu beliefern, und seine Monopolstellung ausnutzt.

Gotthardt ist das älteste von drei Kindern, der Vater war Geologe, die Mutter ist früh gestorben. Der Erstgeborene musste schon früh Entscheidungen treffen. Sein eigener Sohn Daniel ist heute 44 Jahre alt, ein Mediziner, der im Aufsichtsrat der Compugroup sitzt. Längst hat auch er eine eigene Firma gegründet. Dass er seinem Vater nicht auf den Vorstandsposten folgen wird, ist bereits seit vielen Jahren klar.

Damit steht Gotthardt vor einem Problem, das viele Familienunternehmen betrifft: Die Nachfolge ist unklar. Und deshalb schaut sich Frank Gotthardt immer mal wieder nach passenden Nachfolgern um, den richtigen zu finden, sei allerdings schwer. Schließlich müsse der dem Unternehmen gewachsen sein. Und seinem Gründer.

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