Agrarmesse Grüne Woche: Die Russen kommen
Im vergangenen Jahr wurden in Russland rund 130 Millionen Tonnen Getreide geerntet, mehr als in den USA.
Foto: imago/Russian LookBerlin. Ist das Fisch?“, fragt Landwirtschaftsminister Christian Schmidt um kurz vor halb neun am hell erleuchteten Stand Russlands. Dorschleber und Krabben bekommt der CSU-Politiker daraufhin bei seinem Rundgang auf der Agrarmesse Grüne Woche in Berlin gereicht. So isst er, der Schmidt – möchte man fast sagen. Nachdem er sein einsames Durchdrücken des deutschen „Ja“ zur Verlängerung der Zulassung des Glyphosat-Unkrautvernichters in der EU mit den Worten kommentiert hatte: „So ist er, der Schmidt.“
Schmidt hat das Riesenreich nach zwei Jahren Pause wegen der Russland-Sanktionen aufgrund der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim wieder als Aussteller auf die Agrarmesse gelotst. Dazu hatte er im Rahmen der deutschen G20-Präsidentschaft voriges Jahr seinen russischen Amtskollegen Alexander Tkatschow nach Deutschland eingeladen – obwohl Brüssel gegen ihn ein Einreiseverbot verhängt hat. Bis 2015 war Russland das größte Ausstellerland auf dieser Berliner Messe, dann war zwei Jahre Funkstille.
Jetzt meldet sich Moskau mit großen Ambitionen zurück: „In den letzten Jahren hat sich die Landwirtschaft in Russland zu einer der erfolgreichsten Branchen der nationalen Wirtschaft entwickelt. Wir sind nun in der Lage, den Binnenmarkt mit unseren Produkten zu sättigen, und fangen an, Außenmärkte aktiv zu erobern“, sagte Russlands Agrarminister Tkatschow im Vorfeld der Grünen Woche. Russland hat seit Sommer 2014 ein Lebensmittel-Embargo gegen die Länder verhängt, die die Sanktionen gegen Russland mittragen. Nun wolle sein Land „viel mehr Lebensmittel exportieren“, kündigte Vize-Wirtschaftsminister Jewgeni Gromyko in Berlin an. „Wir exportieren bisher schon Getreide für über 20 Milliarden Dollar – mehr als wir an Waffen verkaufen“, sagte Gromyko auf der Grünen Woche. Russlands Rüstungsexporte lagen 2017 bei 16 Milliarden Dollar.
Getragen wird Russlands Ausfuhr-Ambition von einem Rekord: Im vorigen Herbst ernteten Russlands Bauern 130,5 Millionen Tonnen Getreide – 2,6 Prozent mehr als 1978, als die Sowjetunion ihren Ernterekord aufstellte. „Wir sind Getreide-Exportweltmeister. Das ist ein brillantes Resultat“, lobte Präsident Wladimir Putin seine Landwirte. Russland hat damit den Erzrivalen USA auf den Welt-Weizen-Märkten überrundet.
Und so titelte das zur Verbreitung von Pro-Kreml-Nachrichten gegründete Moskauer Onlineportal „Sputnik“ ganz wie zu Zeiten der Sowjetunion: „Autarkes Russland entwickelt sich zur Kornkammer der Welt.“ Autarkie und Selbstversorgung lauten Russlands Kampfbegriffe für den Kreml-Plan, die westlichen Sanktionen nicht nur auszusitzen, sondern gestärkt aus der Krise mit dem Westen hervorzugehen.
Tatsächlich hat es das Riesenreich bereits geschafft, nicht nur beim Weizenexport ganz vorn zu liegen, sondern auch mehr Schweine- und Geflügelfleisch zu produzieren, als zwischen Kaliningrad und Kamtschatka verzehrt wird. Und Agrarminister Tkatschow wünschte sich kürzlich gar, das Lebensmittelembargo „um zehn weitere Jahre zu verlängern, da dies der heimischen Landwirtschaft hilft“. Doch noch ist Russland von der Autarkie weit entfernt. Rindfleisch, Milch und Käse erzeugt das Land weniger, als es verbraucht. Auch Moskaus Pläne, gerade den wachsenden Bedarf an Bio-Nahrung in Deutschland zu decken, scheiterte bisher. „Wir haben kein Bio-Siegel“, räumte Gromyko ein.
Russlands größter Milchbauer ist ein Deutscher
Für die deutsche Wirtschaft bietet Russlands Agrarboom allerdings auch Chancen trotz des Embargos für die meisten europäischen Lebensmittel auf russischen Märkten. Stefan Dürr, Hauptgesellschafter und Geschäftsführer der Walldorfer Ekosem-Agrar GmbH, hat sich bereits mit inzwischen 340.000 Hektar Agrarland und 99.000 Rindern – davon 45.000 Milchkühe – zum größten russischen Milchproduzenten aufgeschwungen. „Die Rahmenbedingungen sind in Russland nicht schlechter als anderswo“, lobt Dürr. Er sieht ein „positives Marktumfeld durch öffentliche Investitionszuschüsse, zinsgünstige Bankkredite und einen guten Milchpreis“.
Russlands Agrarbranche ist längst zum Magneten für die bisher vor allem im Industriesektor tätigen Oligarchen geworden. Sie haben sich gewaltige Ländereien verschafft. Und Dürr sagt, wer noch in die russische Landwirtschaft investieren wolle, müsse es jetzt tun: „Denn die Landpreise steigen stark.“ Das hält Oligarch Wiktor Wekselberg, Boss des Konglomerats Renova, nicht ab, in diesem Jahr seine bereits 2017 um 50 Prozent gesteigerten Investitionen noch einmal zu verdoppeln: Umgerechnet 1,5 Milliarden Euro sollen nicht nur in Energie- und Infrastrukturprojekte fließen, sondern verstärkt auch in den Agrarsektor.
Russland sei aber nicht nur als Anbau- und Ernteland interessant, sagt Torsten Spill, Geschäftsführer des Hamburger Kartoffelsorten-Züchters Solana GmbH und Vorsitzender der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft: Vor allem die Bereiche Tiergenetik, Melktechnik und Landmaschinenbau „sind besonders interessant für deutsche Unternehmen“. Dazu zählen auch Firmen wie der Landmaschinenproduzent Claas aus Harsewinkel. Dessen Russland-Chef Ralf Bendisch lobt denn auch das „riesige Absatzpotenzial“ in Russland selbst sowie die durch die neue Eurasische Wirtschaftsunion möglichen zollfreien Exporte etwa nach Kasachstan. Russland hat daher vor allem auch Maschinenbauer ins Land gelockt. Doch während Russland seine „Importsubstituierungsstrategie“ als vollen Erfolg preist, meldet das renommierte Institute of International Finance (IIF) Zweifel an.
Zwar sei der Anteil der Importe im Lebensmittelsektor von 36 Prozent 2014 auf 21 Prozent 2017 gefallen. Dagegen sei Moskaus Strategie „weitgehend gescheitert – im Hinblick auf die Steigerung der heimischen Produktion von technologisch anspruchsvollen Produkten“, sagt IIF-Chefökonom Ondrej Schneider. „Russlands großes Importsubstitutionsmanöver hat vor allem Agrarproduktion mit geringem Zusatzmehrwert gefördert“, sagt er weiter, „was dem Land kaum mehr als ein bis zwei Prozent Wirtschaftswachstum bringt.“