Boehringer-Chef Hubertus von Baumbach: Der stille Radikale baut Deutschlands zweitgrößten Pharmakonzern um
Leitet als erstes Familienmitglied seit einem Vierteljahrhundert das Unternehmen.
Foto: dpaIngelheim. Von seinem Büro auf der siebten Etage der Firmenzentrale genießt Hubertus von Baumbach, der Chef von Boehringer Ingelheim, einen fabelhaften Ausblick. Rechts die Stadt Ingelheim und die rheinhessische Hügellandschaft, links das Boehringer-Werk und die Weinberge des Rheingaus.
Der Weitblick des gelernten Juristen und Bankers indessen ist in diesen Tagen an ganz anderer Stelle gefragt: in Sachen Strategie und Organisation. Denn Boehringer Ingelheim, mit 18 Milliarden Euro Umsatz die Nummer zwei der deutschen Arzneimittelindustrie, muss sich rüsten für den Umbruch in der globalen Pharmawelt und vollzieht derzeit den größten Umbau seit Jahrzehnten.
Schon das erste Jahr an der Firmenspitze war daher turbulent für den Urenkel von Firmengründer Albert Boehringer. Der 50-jährige Hubertus von Baumbach hat eine Banklehre absolviert und Jura studiert. Am Massachusetts Institute of Technology setzte er einen MBA-Abschluss drauf. Vor seinem Aufstieg in die Boehringer-Führung als Finanzchef 2008 sammelte er etwa beim Pharmakonzern Roche Erfahrung in der Branche.
Von Baumbach, ein vornehmer Mann und eher zurückhaltender Typ, hatte Mitte 2016 die Führung des Konzerns übernommen, als erstes Familienmitglied seit einem Vierteljahrhundert.
Ein halbes Jahr später vollzog das Familienunternehmen die größte Transaktion seiner 133-jährigen Geschichte und erwarb in einem komplizierten Tauschgeschäft für 11,4 Milliarden Euro die Tierarzneisparte Merial von Sanofi. Im Gegenzug gab man das eigene Geschäft mit rezeptfreien Arzneien (Selbstmedikation) an den französischen Pharmariesen ab, samt 4,7 Milliarden Euro Ausgleichszahlung für die unterschiedliche Größe der Geschäfte.
Ende des Jahres trennte sich der Konzern nach internen Differenzen nach nur 15 Monaten von Finanzchefin Simone Menne. Von Baumbach holt stattdessen den IT-Experten Michael Schmelmer in die Geschäftsleitung, der neben dem Finanzressort weiterhin auch die digitale Transformation des Konzerns verantwortet.
Parallel zur Integration von Merial läuft die Umstellung von einer funktionalen Organisation auf eine divisionale Struktur mit dezidierten Geschäftseinheiten. „Es ist im Grunde kein Stein auf dem anderen geblieben“, so von Baumbach.
Aber nicht nur der Umbau, auch neue Innovationsstrategien sollen den Konzern für die Zukunft rüsten. Die Initiative „Research Beyond Borders“ etwa soll Boehringer stärker öffnen für externe Forschungsallianzen, das Digital-Labor „BI X“ neue Ideen entwickeln, wie die Digitalisierung die Produktentwicklung und Geschäftsprozesse beschleunigen kann.
Der Jahresabschluss, den der Boehringer-Chef am Mittwoch präsentierte, zeigt den Ingelheimer Konzern in einer starken Verfassung – auch wenn nach dem Vorjahresgewinn von 1,8 Milliarden Euro unter dem Strich erstmals seit mehr als drei Jahrzehnten ein Nettoverlust von 223 Millionen Euro erscheint. Doch der ist ausschließlich steuerlichen Sondereffekten geschuldet.
Der Konzernumsatz des Familienunternehmens legte 2017 um 14 Prozent auf 18 Milliarden Euro zu, wovon etwa die Hälfte auf organischem Wachstum beruhte. Der Betriebsgewinn verbesserte sich um gut ein Fünftel auf den Rekordwert von 3,49 Milliarden Euro.
Wachstum in allen Sparten
Dass im Abschluss trotzdem rote Zahlen auftauchen, ist im Wesentlichen dem Asset-Swap mit Sanofi geschuldet. Auf den erzielten Veräußerungsgewinn für die Selbstmedikationssparte fallen für Boehringer rund 1,3 Milliarden Euro an Steuern an, während der beträchtliche Buchgewinn aus dem Deal dank der Bilanzierung nach HGB in der Bilanz außen vor bleibt.
Zusätzliche Steuerlasten von knapp 600 Millionen Euro resultierten aus der US-Steuerreform. Alles in allem stieg dadurch die ausgewiesene Steuerlast auf 3,1 Milliarden Euro. „Wir zahlen so viel Steuern wie noch nie, die meisten davon in Deutschland“, sagt Boehringer-Chef Hubertus von Baumbach. Insgesamt dürfte das Ingelheimer Familienunternehmen 2017 damit der zweitgrößte deutsche Steuerzahler nach Daimler sein.
Mit dem operativen Geschäftsverlauf dagegen zeigt sich der Boehringer-Chef hochzufrieden. Denn alle drei verbliebenen Sparten sind organisch gewachsen, darunter auch die von Integrationsarbeit belastete Tiermedizinsparte. Besonders erfreulich lief es für Boehringer im Pharmageschäft, dem nach wie vor wichtigsten Geschäftsfeld.
Weitere Akquisitionen, versichert von Baumbach, seien kein Thema. Boehringer setze weiter auf organisches Wachstum. „Die Zukunft können wir uns nicht kaufen. Und zum Tauschen haben wir nichts mehr.“
Finanziell wären größere Akquisitionen dabei kein Problem. Boehringer arbeitet mit einer schuldenfreien Bilanz und hat selbst nach der Sanofi-Transaktion noch acht Milliarden Euro in der Kasse. Das ist die größte Netto-Cash-Position der globalen Pharmabranche.
Für 2018 stellt von Baumbach leichtes Wachstum in Aussicht. Mittelfristig sind die Ziele durchaus ambitionierter. Vor wenigen Wochen präsentierte der Boehringer-Chef im internen Kreis seine „Ambition 2025“. Bis dahin, so der Plan, könnte das Familienunternehmen 25 Milliarden Euro Umsatz erreichen. Das entspricht etwa fünf Prozent Umsatzwachstum pro Jahr.
Und gleich dreifach will man bis dahin zur Nummer eins werden: in der Tiermedizin, als biopharmazeutischer Auftragsfertiger und in den für die Pharmasparte relevanten Therapiegebieten. Damit soll der Groß-Umbau glücken.