Bilanzcheck: Warum SAP trotz der teuren Cloud-Offensive eine Geldmaschine ist
SAP investiert massiv in Zukunftsfelder.
Foto: dpaDüsseldorf. Als SAP im Januar die Geschäftszahlen für 2017 veröffentlichte, führte das Management des Softwarekonzerns einen rhetorischen Balanceakt auf. „Das Unternehmen hat wahrlich einen Lauf“, pries Vorstandssprecher Bill McDermott die positive Entwicklung seines Unternehmens. Finanzchef Luka Mucic kündigte etwas leiser eine Verbesserung der Marge an: Das abgelaufene Jahr sei der Tiefpunkt gewesen, jetzt gehe es wieder bergauf.
Wachstum und Profitabilität: beides ist wichtig. Einerseits, damit der teuerste Konzern im Dax seinen derzeitigen Wert von 119 Milliarden Euro in Zukunft verdreifachen kann, wie er sich selbstbewusst zum Ziel gesetzt hat. Andererseits, damit er den Aktionären weiter hohe Dividenden wie die aktuell vorgeschlagenen 1,40 Euro zahlen kann. Die Ausschüttungsquote soll dauerhaft bei 40 Prozent oder mehr liegen. Der Jahresbericht zeigt: Die Richtung stimmt.
2017 setzte SAP den Trend der vergangenen Jahre fort: Der Umsatz stieg um sechs Prozent auf 23,46 Milliarden Euro, und zwar ohne signifikante Übernahmen. Fast zwei Drittel (63 Prozent) davon machen planbare Erlöse aus, noch etwas mehr als im Vorjahr. Dazu gehören regelmäßige Einnahmen, etwa aus dem Support für Software und den Abogebühren fürs Cloud-Computing. All dies macht das Geschäft immer kalkulierbarer.
Der Umsatz mit Softwarelizenzen blieb mit 4,87 Milliarden Euro stabil, was angesichts der Veränderungen in der Branche als Erfolg zu werten ist. Dazu trägt maßgeblich das neue Programmpaket S/4 Hana für die Unternehmenssteuerung bei, für das – Stand April – 8.300 Firmen einen Vertrag unterschrieben haben.
SAP darf in den nächsten Jahren weiter auf ordentliche Geschäfte hoffen: Der Upgrade-Zyklus hat gerade erst angefangen, bislang nutzen nur rund 20 Prozent der Bestandskunden die neue Version. Zudem tauchen auf der Kundenliste viele neue Namen auf, ihr Anteil liegt je nach Quartal zwischen 30 und 40 Prozent. SAP festigt damit im Markt für Unternehmenssteuerung – Enterprise Resource Planning (ERP) – die Marktführerschaft.
Die Entwicklung gewährleistet stabile Erlöse aus dem obligatorischen mehrjährigen Support für Software. Sie stiegen 2017 um drei Prozent auf 10,9 Milliarden Euro. Hinzu kamen 3,9 Milliarden Euro für Services, zu denen Beratung, Schulungen und Zahlungsdienstleistungen zählen – ein deutliches Plus von acht Prozent.
So wichtig das Lizenzgeschäft ist, eine Wachstumsstory gibt es nicht her. Für die Zukunft von SAP ist das Cloud-Computing von zentraler Bedeutung. Die IT-Anwender nutzen immer häufiger Programme, Speicherplatz und Rechenleistung übers Internet, weil sie dafür keine eigene Infrastruktur aufbauen und pflegen müssen und die Kapazitäten schnell vergrößern können – IT-Dienste stehen auf Knopfdruck bereit.
SAP hat diesen Trend spät erkannt, aber mit einigen großen Übernahmen darauf reagiert. Mit Erfolg, wie die Zahlen zeigen. 2017 erwirtschaftete der Konzern mit dem Cloud-Geschäft 3,77 Milliarden Euro, 26 Prozent mehr als im Vorjahr.
Im gleichen Tempo wuchs der Bestand bereits geschlossener, aber noch nicht verbuchter Verträge, die der Konzern mit der Kennzahl „New Cloud Bookings“ darstellt, auf 1,45 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Beim Wettbewerber Salesforce, der praktisch nur Cloud-Dienste anbietet, wuchs das Geschäft um 25 Prozent, beim Rivalen Workday um 36 Prozent.
Bemerkenswert: Trotz dieser Transformation ist SAP eine Geldmaschine. Der Cashflow aus betrieblichen Tätigkeiten wuchs um neun Prozent auf fünf Milliarden Euro. Damit konnte SAP nicht nur bequem Schulden tilgen, es blieb noch Geld für eine Dividendenerhöhung und einen Aktienrückkauf. Die Eigenkapitalquote verharrte bei 60 Prozent.
SAP schlüsselt die Zahlen nach zwei Berichtssegmenten auf. Die Zukäufe Ariba, Fieldglass und Concur bilden zusammen die SAP-Geschäftsnetzwerke – über diese Cloud-Plattformen können Kunden Material, Arbeitskräfte und Reisen beschaffen. Mit einem Umsatz von 2,26 Milliarden Euro steuern sie aber nur knapp ein Zehntel zum Geschäft bei.
Der große Rest fließt in das Segment „Anwendungen, Technologie & Services“ (ATS) ein. Wie gut sich SAP gegen Salesforce beim Kundenmanagement (CRM) schlägt, können Aktionäre dem Geschäftsbericht freilich nicht direkt entnehmen. Auch nicht, wie schnell das Zukunftsgeschäft mit dem Internet der Dinge unter der Marke Leonardo wächst.
Zumindest lässt sich erahnen, dass einige Produkte, denen das Management strategische Bedeutung beimisst, bislang eher wenig zum Geschäft beitragen. Das Segment ATS verbuchte 1,93 Milliarden Euro Umsatz mit Cloud-Diensten, wovon grob die Hälfte auf die Tochter Success Factors mit Software fürs Personalmanagement entfallen dürfte.
Noch nicht einmal eine Milliarde bleiben somit für die Hoffnungsträger. Zu ihnen zählt SAP seine Cloud-Plattform, mit der Kunden SAP-Anwendungen erweitern können, das Programm S/4 Hana Cloud, eine wichtige Variante des Kernproduktes, sowie der Salesforce-Konkurrent Hybris.
Teure Transformation
Und das Wachstum bezahlt SAP teuer. Die operativen Aufwendungen stiegen um zehn Prozent auf 18,58 Milliarden Euro, das Betriebsergebnis sank somit um fünf Prozent auf 4,88 Milliarden Euro. „Unsere Kostenbasis war 2017 weiterhin durch unsere Transformation hin zu einem schnell wachsenden Cloud-Geschäft beeinflusst“, bilanziert der Konzern im Geschäftsbericht. Es handele sich aber um „Investitionen in die Zukunft, die helfen, unser Umsatzwachstum langfristig zu sichern“.
So zieht der Konzern in Walldorf und Colorado Springs Rechenzentren hoch, deren Gesamtkosten er über die gesamte Bauzeit auf 235 Millionen Euro schätzt. Auch etliche neue Bürogebäude für die vielen neuen Mitarbeiter entstehen, ein Großteil übrigens in Deutschland. Zudem bringen die Entwickler die zugekauften Tochterfirmen auf eine einheitliche technische Plattform – ein langwieriges und teures Vorhaben.
Nicht zuletzt wächst die Belegschaft weiter. Ende 2017 standen 88.500 Mitarbeiter in Diensten des Softwarekonzerns, gut 4.000 mehr als noch ein Jahr zuvor. Fast 25.000 von ihnen waren in Forschung und Entwicklung aktiv, gut 23.000 im Vertrieb.
Zusätzlich schlägt eine Umstrukturierung zu Buche. Im vergangenen Jahr organisierte SAP den Bereich Digital Business Services (DBS) neu. Er berät Kunden, setzt Projekte um und bietet Support. Nun richtete sich DBS stärker auf Trends wie das Cloud-Computing aus. Den maßgeblichen Teil der 182 Millionen Euro Restrukturierungskosten verursachte das Vorruhestands- und Abfindungsprogramm für Mitarbeiter.
Teuer ist auch ein traditionelles Motivationsinstrument von SAP. Wie viele amerikanische Konzerne bietet der Konzern den Mitarbeitern und Managern anteilsbasierte Vergütungen – bei Vorstandschef Bill McDermott machen variable Komponenten sogar 75 Prozent der Einkünfte in Höhe von 13,2 Millionen Euro aus. Da der Aktienkurs 2017 zwischenzeitlich auf ein Rekordhoch stieg und die Belegschaft weiter wuchs, stiegen die Kosten dafür um fast ein Drittel auf 1,12 Milliarden Euro.
Hohe Kosten werden zum Problem
Dagegen reizte SAP den selbst gesteckten Rahmen von einer Milliarde Euro für Übernahmen nicht aus. Für die Firmen Abakus und Gigya, die das Geschäft mit dem Kundenmanagement stärken sollen, weist der Jahresbericht in der Konzernflussrechnung 291 Millionen Euro aus – die Cash-Bestände der Unternehmen sind darin nicht enthalten, sie dürften aber bei den Start-ups nicht besonders hoch gewesen sein.
Unter den hohen Kosten leidet die Profitabilität. Die operative Marge sank 2017 auf 20,8 Prozent. Das war deutlich weniger als 2016 und nur wenig besser als 2015. Dieser Wert mag für viele Unternehmen traumhaft hoch erscheinen, Volkswagen kann beispielsweise schon mit sechs Prozent die Aktionäre begeistern. Für SAP ist das jedoch wenig. Allerdings ist Besserung in Sicht, bereits im ersten Quartal 2018 stieg die Marge überraschend, weitere Verbesserungen sind zu erwarten. Die massiven Investitionen ins Cloud-Geschäft machen sich bezahlt.
Obwohl das Betriebsergebnis deutlich niedriger ausfällt, bleibt ein höherer Gewinn nach Steuern. SAP profitiert von zwei Faktoren. Zum einen von der Steuerreform in den USA: Die effektive Steuerquote lag bei 19,3 Prozent und damit unter dem erwarteten Wert von 23 bis 24 Prozent – im Wesentlichen wegen der Gesetzesänderung der Trump-Regierung. Der Ertragsteueraufwand sank um 21 Prozent auf 970 Millionen Euro.
Zum anderen zahlt sich für SAP die Partnerschaft mit dem Risikokapitalgeber Sapphire Ventures aus. Die amerikanische Firma investiert in Start-ups, wobei SAP bislang der einzige Geldgeber ist. 2017 gelang dem Management, zwei Beteiligungen an die Börse zu bringen und drei zu verkaufen. Die Finanzierungserträge in Höhe von 382 Millionen Euro stammen größtenteils daraus.
Fazit: SAP ist finanziell gesund und strategisch exzellent aufgestellt. Nun muss der Softwarehersteller zeigen, dass er bald die Kosten wieder in den Griff bekommt – so wie versprochen.