Handelsblatt-Analyse: Wann bin ich reich?
- Geschätzt leben mehr als eine Million Reiche in Deutschland
- Die Vermögen sind extrem ungleich verteilt – auch im internationalen Vergleich
- Grafik: So viel verdienen die Deutschen
- Interview mit dem Vermögensexperten Markus Grabka: „Es ist typisch für Deutschland, dass sich fast jeder zur Mittelschicht zählt“
Düsseldorf. Wer als Politiker in Deutschland etwas Denkwürdiges oder auch nur denkwürdig Dummes gesagt hat, auf den wartet ein Ritterschlag: das eigene Kampagnenmotiv der Autovermietung Sixt. Am Montag war es auch für Friedrich Merz so weit. Die Sixt-Hausagentur Jung von Matt veralberte ihn mit einem Facebook-Post, auf dem unter einem Merz-Porträt steht: „Mit 1.000.000 Euro/Jahr noch Mittelklasse“. Daneben ein protziger Sixt-Mietwagen und der Satz: „Mit 99 Euro/Tag schon Oberklasse“.
Wo bitte fängt „oben“ an? Während sich diese Frage in der Kraftfahrzeugsnomenklatura relativ eindeutig anhand von Karosserielänge, Zylinderzahl und Hubraumgröße beantworten lässt, kann die Einschätzung der eigenen Schichtzugehörigkeit nicht nur Politiker wie Friedrich Merz ins Straucheln bringen
Der Wirtschaftsanwalt, Multiaufsichtsrat und Kandidat für den CDU-Parteivorsitz hatte sich in einer Leserrunde der „Bild“-Zeitung als Angehöriger der Mittelschicht bezeichnet – und später angegeben, rund eine Million Euro brutto pro Jahr zu verdienen.
Für diese Selbsteinstufung hat Merz reichlich Kritik und Spott geerntet. Mit seinem Einkommen ragt er tatsächlich weit aus der Mitte der deutschen Gesellschaft hinaus. Seine Bemerkung mag politisches Kalkül in sich getragen haben, in einer Hinsicht ist sie typisch für die Bundesrepublik: Nicht etwa der Wald, sondern die Mitte ist der Sehnsuchtsort der Deutschen.
Egal, wie viel oder wie wenig jemand verdient, die überwiegende Mehrheit der Deutschen bezeichnet sich als Teil der Mittelschicht. „In Deutschland hat die Bevölkerung eine hohe Affinität zu dieser Schicht“, sagt der Einkommens- und Vermögensforscher Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.
Die Grenze zwischen Mittel- und Oberschicht wird dabei durch weit mehr markiert als nur durch eine Einkommensgrenze. Es geht in der Oberschicht auch um Vermögen, materielles wie immaterielles. Um die richtige Lebenseinstellung und das richtige Auftreten.
Auch Merz begründet seine Selbsteinschätzung jenseits von ökonomischen Kenngrößen: „Ich habe von meinen Eltern die Werte mitbekommen, die die Mittelschicht prägen. Darunter Fleiß, Disziplin, Anstand, Respekt und das Wissen, dass man der Gesellschaft etwas zurückgibt, wenn man es sich leisten kann.“ Wenn Merz die Begriffe „Oberschicht“ oder „Oberklasse“ hört, denkt er „an Menschen, die viel Geld oder eine Firma geerbt haben und damit ihr Leben genießen“.
Höchste Zeit für ein Stück Aufklärung: Wo genau hört in Deutschland die Mittelschicht auf, wo fängt die Oberschicht an? Ab wann ist man reich? Und stimmt das Vorurteil des Wirtschaftsliberalen Merz, dass die da oben ihr Vermögen meist geerbt haben und damit ihr Leben genießen?
Eine Forschungsexpedition, die uns an den Rand unserer Gesellschaft führt – den oberen Rand. Er wird bevölkert von höchst widersprüchlichen Gestalten. Menschen wie Rainer Voss zum Beispiel. In dem preisgekrönten Dokumentarfilm „Master of the Universe“ ist Voss der einzige Darsteller.
In einem ausrangierten Frankfurter Bankenturm, den der frühere Investmentbanker mit Regisseur und Kameramann durchwandert, erzählt Voss in Spielfilmlänge über Milliardengeschäfte, die Bankenkrise und seinen Ausstieg aus dem Geschäft. In Spitzenzeiten kassierte er am Jahresende das Achtfache seines Jahresgehalts als Bonus.
Heute tritt der wohlhabende Mann ab und zu als Redner vor Studenten und Personalberatungen auf. In seinen Vorträgen spielt oft auch das Thema Geld eine Rolle. Voss besitzt genug davon – doch in den offiziellen Kategorien der Reichtumsdefinitionen denkt er nicht. „Die sind problematisch“, sagt Voss, „denn da werden immer Einkommen und Vermögen verwechselt.“ Friedrich Merz habe ja gesagt, dass er eine Million Euro verdiene, „und das ist eine völlig andere Nummer, als eine Million Euro zu besitzen“.
Dann aber bemüht Voss doch noch eine statistische Komponente des Reichtums: „Das Medianvermögen in Deutschland liegt so zwischen 50.000 und 60.000 Euro“, sagt der Ex-Banker, „und nach diesem Maßstab bin ich natürlich sehr, sehr reich.“
Medianvermögen, das bedeutet, dass genau die Hälfte der Deutschen mehr als diese Summe besitzt, die andere Hälfte weniger.
Doch bereits diese Messgröße ist problematisch, denn sie bezieht die Anwartschaften auf die gesetzliche Rentenversicherung nicht ein, die faktisch für die Deutschen in der unteren Hälfte der Vermögen einen Großteil ihrer finanziellen Vorsorge ausmachen. Umgekehrt werden Vermögen am oberen Rand systematisch unterschätzt: Da die Vermögensteuer in Deutschland ausgesetzt ist, gibt es keinerlei zentral geführte Statistik darüber, wie viel Vermögen jemand wirklich besitzt.
Die genaue Höhe seines Vermögens mag auch Voss nicht verraten. Darum gehe es ihm auch gar nicht mehr: „Das Geld verschafft mir das ultimativ gute Gefühl, frei zu sein.“ Er fühle sich reich, sagt Voss, „denn ich verspüre keinen Drang mehr, noch mehr haben zu müssen“. Wohingegen es zu seiner aktiven Zeit im Beruf fast nur darum ging, „die Position auf dem Pavianhügel zu markieren“.
Anders als im alten Leben, sagt Voss, spielten Statussymbole für ihn keine große Rolle mehr. „In meiner Garage steht kein Mercedes, es gibt ein einziges Auto für die ganze Familie, ich wohne in einem Reihenhaus, habe keine Jacht und keinen Picasso an der Wand. Das alles bedeutet mir nichts.“
Voss beobachtet bei vielen Menschen, die noch viel mehr Geld als er haben, wie sie sich den ganzen Tag „zerfressen, wie sie noch mehr davon bekommen können“. Voss beschreibt dieses Phänomen als „Armut im Reichtum“. „Das Gefühl, in ein Autogeschäft zu gehen und sich mit einem Federstrich einen Porsche kaufen zu können, ist genauso gut, wie den Porsche zu besitzen“, sagt Voss. „Warum sollte ich ihn dann kaufen?“
Immerhin gesteht Voss seinen Reichtum ein, vor sich selbst und auch in der Öffentlichkeit. Damit unterscheidet er sich von Hunderttausenden Deutschen, denen es ganz ähnlich geht wie Friedrich Merz – sie gehören zum oberen Rand der Gesellschaft, doch sie denken instinktiv: Oberschicht? Reich gar? Ich doch nicht!
Mit dem Reichtum ist es wie mit dem Ende des Regenbogens: Wo der auf die Erde trifft, soll ja angeblich ein Schatz vergraben sein. Doch je mehr man versucht, sich diesem Ende des Regenbogens zu nähern, desto weiter rückt es von einem fort. Je wohlhabender Menschen sind, desto höher setzen sie die Grenze zum Einkommensreichtum an.
Der Sozialstaatssurvey, eine repräsentative Befragung im Auftrag der Bundesregierung, hat vor einigen Jahren ergeben: Wer weniger als 1.190 Euro netto im Monat verdient, der setzt die Grenze zum Reichtum im Schnitt bei einem Einkommen von 7.669 Euro brutto pro Monat an. Wer zwischen 1.700 und 2.378 Euro verdient, für den liegt die Grenze bei 9.121 Euro. Und wer mehr als 2.840 Euro verdient, für den beginnt Reichtum erst bei 11.850 Euro brutto.
Und was sagt die Statistik? Auch die arbeitet mit verschiedenen Definitionen, oberhalb derer der Reichtum beginne. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung führt das Doppelte und das Dreifache des mittleren Einkommens als alternative Grenzwerte für Einkommensreichtum an. Für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren entspricht das einem Einkommen von 7.600 beziehungsweise 9.500 Euro netto Monat.
Oberhalb der Mittelschicht rangiert dieselbe Familie für DIW-Experte Grabka bereits ab einem Nettoeinkommen von 5.700 Euro pro Monat. Alle, die oberhalb dieser Grenze liegen, zählen zu den 20 Prozent aller Haushalte mit dem höchsten Einkommen und gelten damit als wohlhabend.
Das Leben gleicht auf diesem Niveau immer noch dem, was man sich gemeinhin unter Mittelschicht vorstellt, nur ein bisschen üppiger und im besten Fall auch sorgloser.
Es gibt meist ein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung, eine Doppel- oder Tiefgarage mit ein bis zwei Autos darin. Und wenn eines davon ersetzt werden muss, fällt nicht gleich die Urlaubsreise aus. Vielleicht reicht es sogar für eine Ferienwohnung, ein Segelboot oder ein Reitpferd. Beim Italiener kann man bestellen, ohne vorher auf die Preise in der Speisekarte zu schauen, und einmal pro Woche kommt jemand zum Putzen vorbei.
Für die vier Fünftel der Deutschen, die nicht so viel Geld haben, verkörpert diese relative materielle Sorglosigkeit bereits den Inbegriff von Wohlstand oder gar Reichtum. Doch wer erst einmal zu jenen oberen 20 Prozent der Deutschen gehört, die als vierköpfige Familie 5.700 Euro oder mehr zur Verfügung haben, für den fühlt sich dieser Lebensstil ganz normal an.
Allein schon, weil auch die Mehrzahl der Nachbarn, Freunde und Bekannten so lebt. Reich, das sind dann auf einmal die noch weiter oben: die mit der Haushälterin und dem Chauffeur, dem Haus auf Sylt oder am Tegernsee (wie Merz) und dem eigenen Flugzeug (wie Merz). Und selbst das Flugzeug als Reichtumssymbol ist umstritten.
Über den Wolken
Der Mittwoch ist verregnet und grau, die Wolken hängen tief. Richtig viel los ist an diesem Nachmittag nicht am Flugplatz von Mönchengladbach. Zumindest nicht für die Hobbypiloten, die meist nur auf Sicht fliegen. In einem zweigeschossigen Betonbau etwas abseits der Startbahn residiert die Flugschule „MG Flyers“.
Hans-Joachim Jakobs ist einer von zehn Fluglehrern, die hier den Nachwuchs ausbilden. Über dem Schreibtisch in der Ecke hängen Cockpit-Fotos. 60 Schüler haben sie hier momentan, für jeden liegt ein blaues Büchlein auf dem Regal, in dem die Trainingsflüge dokumentiert sind. Jakobs: „Die wenigsten der Schüler sind Millionäre.“
Natürlich sei Fliegen kein günstiges Hobby, sagt Jakobs. Aber auch keines, wofür man reich sein müsse. 10.000 Euro kostet der Flugschein. Um die Lizenz nicht zu verlieren, müssen die Piloten innerhalb von 24 Monaten auf mindestens zwölf Flugstunden kommen. Die meisten Freizeitflieger würden sich die Flugzeuge teilen, „es gibt in der Privatfliegerei sehr viele Haltergemeinschaften“. Ein eigenes Flugzeug so wie Friedrich Merz kaufen sich höchstens zehn Prozent seiner Absolventen.
Die meisten Absolventen gehen in Flugvereine oder chartern sich ab und an eine Maschine. Auch bei den „MG Flyers“ gibt es fünf Flieger zum Leihen. Für den kleinsten, einen Zweisitzer, werden 165 Euro „Nass-Charter“ pro Flugstunde fällig – Benzin, Öl und Mehrwertsteuer sind schon inklusive.
Klar, es gebe unter 100 Flugschülern auch mal einen, der Fliegen nur als Statussymbol sieht. „Aber für die meisten ist es eine Leidenschaft, die Erfüllung eines Kindheitstraums – und keine Protzerei.“
Wo fängt für ihn selbst der Reichtum an? „Bei der Gesundheit“, sagt Jakobs. „Das können Sie mit Geld gar nicht aufwiegen.“ Er selbst wird nächstes Jahr 71 und bisher, er klopft auf den Tisch, gehe es ihm blendend. Er ist bislang durch jeden ärztlichen Check gekommen – und darf weiter abheben.
Man könnte es bei diesem Schlusswort bewenden lassen und die Causa Merz als neidgetriebene, allenfalls für soziologische Feinschmecker interessante Debatte abtun. Doch dafür fallen Merz' Äußerungen auf allzu fruchtbaren Boden. Fragen der Verteilungsgerechtigkeit rücken gerade wieder von der Peripherie ins Zentrum der politischen Debatte. Da ist zum einen die SPD, die verzweifelt nach einem neuen Profil sucht, mit dem sie sich stärker von der unter Merkel nach links gerückten CDU abgrenzen kann.
Eigentlich stellte der sozialdemokratische Bundesfinanzminister Olaf Scholz im Sommer nur den neuen Haushalt vor, nichts Spannendes, der Etat war schon vorher bekannt geworden – mit einer Ausnahme: Scholz hatte plötzlich eine Demografie-Reserve in seinem Budget vorgesehen. Die Renten müssen stabil sein, „wenn wir keinen deutschen Trump haben wollen“, sagt Scholz und schlägt vor, die Rente bis zum Jahr 2040 auf dem heutigen Niveau von 48 Prozent zu stabilisieren.
Scholz selbst geht von 30 Milliarden Euro Kosten im Jahr aus, Experten stellenweise vom doppelten Betrag. Kurz darauf forderte er, den Mindestlohn von heute knapp über neun auf zwölf Euro anzuheben. Und erst kürzlich wiederholte Scholz bei einem Auftritt die Forderung aus dem Wahlkampf, den Spitzensteuersatz von 42 auf 45 Prozent anzuheben.
Grundsicherung statt Hartz IV?
Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles forderte bei einem Debattencamp der Partei insgesamt eine gerechtere Verteilung der Lasten. Nicht nur Schwachen müsse mehr geholfen werden, auch hohe Einkommen und Erben müssten einen größeren Beitrag zur Finanzierung des Sozialstaats leisten. Nahles will die SPD endlich vom Ballast der Schröder’schen Agenda-Reformen befreien. „Wir werden Hartz IV hinter uns lassen“, sagte sie und bekam dafür großen Beifall.
Bis spätestens Februar nächsten Jahres will die SPD nun einen Vorschlag für eine „große Sozialstaatsreform“ vorlegen. An die Stelle des alten Hartz-IV-Systems soll eine neue Grundsicherung treten, die auf Fördern statt auf Bestrafen setzt. Einen Bündnispartner hätte Nahles schon: Grünen-Chef Robert Habeck will an die Stelle von Hartz IV eine Grundsicherung ohne Arbeitszwang und Sanktionen setzen, wie er in einem Papier kürzlich skizzierte.
Doch egal, wie sehr sich SPD und Grüne rhetorisch abmühen, sie kommen links nicht vorbei an einer Sahra Wagenknecht. Radikaler und zugleich präsenter als die Co-Fraktionschefin der Linkspartei und Initiatorin der linken Bürgerplattform „Aufstehen“ ist derzeit niemand im verteilungspolitischen Diskurs.
„Die Kluft zwischen Arm und Reich ist extrem geworden, und das gefährdet die Demokratie und den sozialen Frieden“, kritisiert Wagenknecht. „Die reichsten 1000 Deutschen besitzen inzwischen mehr als eine Billion Euro – so viel wie nie zuvor.“ Auf der anderen Seite gebe es immer mehr Menschen, „die trotz Arbeit arm sind und Probleme haben, ihre Miete zu bezahlen“.
Wagenknechts Lösungsvorschläge: höhere Löhne, höhere Renten, Eindämmen der „Immobilienspekulation“ und natürlich höhere Steuern für „Millionäre und Milliardäre“. Ferner eine stärkere Gewinnbeteiligung für Beschäftigte in Großunternehmen.
Wagenknecht hat zumindest in einem Punkt recht: Die Vermögen in Deutschland sind selbst im internationalen Vergleich extrem ungleich verteilt, und diese Kluft wird derzeit zumindest nicht kleiner – genaue Messungen werden durch die ungenauen Vermögenstatistiken erschwert. Fest steht, dass die untere Hälfte der Deutschen über so gut wie gar kein Finanzvermögen verfügt.
Bei den laufenden Einkommen kommt es auf die Betrachtungsweise an: Gemessen an den Einkommen vor Steuern und Sozialabgaben ist Deutschland ein ungleiches Land. Doch ein Gutteil dieser Kluft zwischen oben und unten bei den Einkommen wird durch staatliche Umverteilung drastisch verringert. Die Verteilung des Einkommens wird mit dem Gini-Koeffizienten gemessen. Der rangiert in einer Skala von „0“ bis „1“: Dabei entspricht „0“ völliger Gleichheit, alle Bürger haben dasselbe Einkommen.
Je näher an „1“ der Koeffizient rückt, desto ungleicher wird es. Deutschland liegt bei 0,49. Der Koeffizient fällt aber auf 0,29, rechnet man die staatliche Umverteilung mit ein – es herrscht eine Gleichheit wie in skandinavischen Ländern. In den USA dagegen liegt der Wert bei rund 0,47.
Tatsächlich trägt in Deutschland eine kleine Spitzengruppe von Gutverdienern einen Großteil zur Einkommensteuer bei, der wichtigsten Finanzierungsquelle des Staates. Die oberen zehn Prozent der Steuerzahler sorgen für rund 50 Prozent der gesamten Einnahmen aus der Einkommensteuer, die oberen 20 Prozent bereits für zwei Drittel.
Es sind also schon jetzt vor allem die Einkommensstarken, die in Deutschland den Staat finanzieren. In der CDU, die derzeit ihren Kurs für die Nach-Merkel-Ära sucht, wird derzeit gern auf diesen statistischen Befund verwiesen – vor allem im wirtschaftsliberalen Flügel der Partei.
Austern statt Pommes.
Foto: Photolibrary/Getty ImagesFür ihn stehen Politiker wie der Vorsitzende des einflussreichen Parlamentskreises Mittelstand, der Abgeordnete und Unternehmer Christian von Stetten. Geht es nach ihm, sollte die CDU wieder den engeren Schulterschluss mit den Unternehmerverbänden suchen; sollte sich die Bundesregierung mehr darum kümmern, Leitungsträger zu entlasten und so den Kuchen für alle größer zu machen, als ihn nur gerechter zu verteilen.
Wie Millionäre ticken
Merz ist nach allen gängigen Maßstäben sicherlich wohlhabend. Aber ist er auch reich? Einkommen aus Arbeit ist ein flüchtiges Gut. Es kann leicht versiegen, wenn der Job verloren geht, die eigene Firma pleite ist oder die freiberufliche Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausgeübt werden kann. Bei Wissenschaftlern taugt Einkommen daher nur sehr bedingt als Vermögensindikator. Für sie lässt sich „Reichtum“ im Unterschied zum „Wohlstand“ am ehesten am Vermögen festmachen.
DIW-Forscher Grabka zieht die Reichtumsgrenze dort, wo die Erträge aus dem Vermögen potenziell ausreichen, um wiederum ein mittleres Nettoeinkommen zu erwirtschaften. Erwerbsarbeit ist ab diesem Vermögenslevel nicht mehr Pflicht, sondern Kür. Legt man die durchschnittliche Dax-Rendite der vergangenen Jahrzehnte zugrunde, ist die Reichtumsschwelle für einen Ein-Personen-Haushalt bereits bei knapp einer Million Euro erreicht.
Für größere Haushalte liegen die Grenzen entsprechend höher, aber trotzdem hat diese Reichtumsdefinition etwas Greifbares. Ihr zufolge ist man als Millionär tatsächlich reich. Strittig ist dann nur noch, ob auch selbst genutzte und schuldenfreie Immobilien in die Vermögensberechnung eingehen sollten – schließlich entspricht ja auch das mietfreie Wohnen im eigenen Haus einem Einkommen. Oder ob lediglich das Finanzvermögen inklusive nicht selbst bewohnter Immobilien bewertet werden sollte.
Symbol für Wohlstand – oder schon für Reichtum?
Foto: Klaus Leidorf/Westend61/F1onlineSo handhabt es die Unternehmensberatung Cap Gemini in ihrem jährlichen „World Wealth Report“. Ab einer Million Dollar Finanzvermögen zählt man für Cap Gemini zu den „High Net Worth Individiuals“, ab fünf Millionen zu den „Mid-Tier Millionaires“ und ab 30 Millionen gar zu den „Ultra High Net Worth Individuals“. Anhand dieser Definition schätzt Cap Gemini die Zahl der Dollar-Millionäre in Deutschland für 2017 auf 1,365 Millionen gegenüber 1,280 Millionen im Jahr 2016.
Diese Zahlen suggerieren eine Scheingenauigkeit, sie basieren ausschließlich auf Schätzungen und Modellrechnungen. Doch die Größenordnung der Cap-Gemini-Zahlen liegt zumindest in der Nähe jener „mehr als einer Million Menschen“, die laut DIW-Vermögensstatistiker Grabka in Deutschlands Millionärshaushalten leben – wobei Grabkas Definition selbst genutzte Immobilien einschließt.
Mehr als eine Million Reiche leben also in dieser Republik, und nach allem, was wir wissen, zählt Friedrich Merz zu ihnen. Es wäre seltsam, wenn von einer Million Euro Jahreseinkommen im Laufe der Jahre nicht auch über eine Million Euro Vermögen übrig geblieben wäre.
Befragungen von Millionären – kaum möglich
Aber bilden diese Millionäre auch eine mehr oder weniger geschlossene Oberschicht? Eine gesellschaftliche Gruppe, die sich nicht nur im Hinblick auf ihr Wertpapierdepot vom Rest der Gesellschaft unterscheidet, sondern auch in ihren Charakterzügen, ihren Werthaltungen und ihrem Lebensstil?
Wissenschaftlich lässt sich diese Frage noch schwieriger beantworten als die nach der bloßen Zahl der reichen Menschen. Millionäre sind so selten, dass repräsentative Befragungen kaum möglich sind. Zumal bei Millionären die Bereitschaft eher gering ausgeprägt ist, Sozialforschern ihr Villenportal zu öffnen.
Dem Markt- und Meinungsforschungsunternehmen TNS Infratest ist es dennoch gelungen, ein Millionärspanel aufzubauen, aus dem heraus eine Stichprobe von 130 Millionären untersucht wurde. Laut der Befragung unterscheiden sich reiche Menschen tatsächlich systematisch vom Rest der Bevölkerung: Sie sind im Schnitt emotional stabiler, offener und extrovertierter, aber auch narzisstischer und weniger konsensorientiert als Durchschnittsbürger.
Die Eigenschaften der Reichen erlebt Wolfgang Lauterbach vor seiner Haustür. Der Soziologieprofessor an der Universität Potsdam gehört neben dem Vermögensstatistiker Grabka vom DIW zu den wenigen Wissenschaftlern, die sich auf die Erkundung des oberen Rands unserer Gesellschaft spezialisiert haben.
Von einem verschlafenen Berliner Vorort hat sich Potsdam, malerisch an mehreren Seen gelegen, zum Reichen-Hotspot der Republik entwickelt. Hier leben die Medienunternehmerin Friede Springer, ihr Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner, der Moderator Günther Jauch und der Modeschöpfer Wolfgang Joop. Auch Hasso Plattner, Mitgründer des Softwarekonzerns SAP, besitzt dort eine Villa. Die reichen Wahl-Potsdamer unterstützen mit ihrem Geld kulturelle Projekte in der Stadt.
Ein Engagement, das Lauterbach begrüßt. Doch zugleich findet es der Wissenschaftler „befremdlich, wie Reiche bisweilen glauben, sich über demokratische Prozesse hinwegsetzen und eine ganze Stadt per Fingerschnippen regieren zu können“.
Bloß nicht den Reichtum zeigen
„Als ein typisches Henne-Ei-Problem“ beschreibt Lauterbach die Frage nach den Ursachen dieser Charakterprägungen: Wurden die Millionäre aufgrund ihrer Charaktereigenschaften reich – oder prägte vielmehr der Reichtum ihren Charakter?
Laut der Befragung stimmt ja das Klischee vom Selfmade-Millionär, der sich mit viel Optimismus seinen Weg nach oben bahnt, auf dem Weg dorthin Menschen für sich einnehmen kann und sich auch von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen lässt.
Doch auch bei reichen Erben zeigen sich ganz ähnliche Eigenschaften. Diese Oberschichtssprösslinge können nicht aufgrund ihrer Charaktereigenschaften reich geworden sein – sie wurden ja bereits reich geboren. Hier funktioniert der Mechanismus offenbar in umgekehrter Richtung: In einem Oberschichten-Elternhaus aufzuwachsen fördert bestimmte Charaktermerkmale.
Urlaub im Inselresort ist alles andere als pauschal.
Foto: Corbis Documentary/Getty ImagesBeim typischen deutschen Millionär vermengen sich ohnehin meist eigene Leistung und ererbter Wohlstand. Zwei Drittel der von Lauterbach untersuchten Reichen im Infratest-Panel führten ihren Wohlstand ganz oder teilweise auf geerbtes Vermögen zurück. Typisch für die deutsche Oberschicht: der heimatverbundene Familienunternehmer in zweiter oder dritter Generation, der es als seine Mission ansieht, das Unternehmen intakt an die kommende Generation zu übergeben.
Laut Lauterbach ebenfalls ein typischer Vertreter: der „Millionaire Next Door“, der ein ganz normales Angestelltendasein lebt, aber „nebenbei ein paar Mietshäuser geerbt hat“. Ebenso wie der Adelige, dessen Wohlstand auf teilweise jahrhundertealtem Landbesitz beruht. Im internationalem Maßstab vergleichsweise klein fallen in Deutschland jene Millionärsgruppen aus, die sich ihren Wohlstand selbst erarbeitet haben.
Beispielsweise die angestellten Topmanager: „Nur acht Prozent der Millionäre im Panel von TNS Infratest führen ihren Wohlstand in erster Linie auf nichtselbstständige Arbeit zurück“, sagt Lauterbach. Selten sind auch Selfmade-Millionäre, die mit ihrer eigenen Unternehmensgründung reich geworden sind. „Insgesamt“, so Lauterbachs Fazit, „wird die deutsche Oberschicht stark von altem Geld geprägt.“
Tatsächlich ist das Gesicht des Reichtums in der Bundesrepublik nur selten schrill und grell und dafür umso häufiger gediegen und bodenständig. Unter den Eignern der 50 längsten Motorjachten der Welt findet sich nur ein einziger deutschsprachiger Eigner, die Kaufhauserbin Heidi Horten mit ihrer „Carinthia VII“ (97 Meter).
Als Statussymbol ist solch eine Motorjacht in einer Oberschicht, die von altem Geld dominiert wird, schlicht zu auffällig. Die reichen Deutschen tragen eher Lodenmantel als Pelz und immer häufiger weiße Sneaker statt schwarzer Budapester. Ein Porsche 911 ist okay, ein Rolls-Royce eher nicht.
Wobei niemand diese relative Unauffälligkeit mit Volkstümlichkeit verwechseln sollte. Auch ohne offensichtliche materielle Statussymbole bildet die deutsche Oberschicht eine abgegrenzte Welt, in die Außenstehende nur schwer vordringen können. Zu den typischen Charaktereigenschaften von reichen Menschen addiert sich ein Set von subtilen Verhaltenskodizes, von „Dos and „Don’ts“, die der französische Soziologe Pierre Bourdieu als „symbolisches Kapital“ zusammenfasst.
Nach Gesprächen in der Führungselite der deutschen Wirtschaft fasst der Oberschichtssoziologe Michael Hartmann die typischen Erscheinungsformen des symbolischen Kapitals wie folgt zusammen: „Die interviewten Topmanager sprachen diesbezüglich immer wieder vom offenen Blick, dem starken, männlichen Händedruck und dem ruhigen festen Schritt beim Betreten eines Raumes sowie von der klaren Artikulation und der gelassenen Aufmerksamkeit während des Gesprächs.“
Spezifischer Oberschichtenhabitus
Der Oberschichtenhabitus beweist sich für Hartmann immer auch in der Fähigkeit, gelassen gegen die ungeschriebenen Regeln verstoßen zu können, gerade weil man sie so gut kennt. Dazu kann es zum Beispiel gehören, sich bewusst für Fußball zu interessieren statt für klassische Musik. Hartmann: „Ohne Zögern eingeräumtes Nichtwissen oder Nichtmögen gereicht in der Regel zum Vorteil, wenn es nur selbstverständlich und unverkrampft genug daherkommt.“
All diese Erkenntnisse machen deutlich: Ja, es gibt in Deutschland eine Oberschicht, die sich nicht nur durch ein besonders hohes Einkommen oder Vermögen auszeichnet, sondern auch durch besonders ausgeprägte Charaktereigenschaften und einen spezifischen Oberschichtenhabitus.
Wie von Merz vermutet, spielen Erbschaften in der deutschen Oberschicht eine große Rolle, auch wenn sie nicht mit Müßiggang gleichzusetzen sind. Die deutsche Oberschicht ist gekennzeichnet durch den Willen, nicht einfach nur Geld anzusammeln, sondern Einfluss auszuüben. Und durch den selbstverständlichen Glauben, dass man dazu eher befähigt sei als andere Menschen.
Merz selbst stammt tatsächlich aus jener gehobenen Mittelschicht, der er sich noch heute verbunden fühlt. Sein Vater war Richter am Amtsgericht, sein Großvater Bürgermeister von Merz’ kleiner Heimatstadt Brilon im Sauerland. Mit seinem Jurastudium und seiner frühen politischen Karriere in der CDU entsprach Merz durchaus noch den Erwartungen seines Herkunftsmilieus.
Doch mit dem Vorstoß in die CDU-Fraktionsspitze und erst recht mit seiner anschließenden Tätigkeit als Wirtschaftsanwalt und Multiaufsichtsrat hat Merz die Mittelschicht hinter sich gelassen und ist in die Oberschicht vorgestoßen.
Ein Aufstieg, der in Deutschland vergleichsweise wenigen Menschen gelingt. Das Upgrade in die Oberklasse, es findet in der Bundesrepublik bevorzugt am Mietwagenschalter statt.