Stefan Freytag im Interview: Oppenheim-Vermögensverwalter: „Nachhaltigkeit gilt zunehmend als Qualitätsmerkmal“
Der 59-Jährige sitzt im Vorstand des Deutsche Oppenheim Family Office.
Foto: Vorstand Deutsche Oppenheim Family OfficeMünchen. Der Vermögensverwalter Stefan Freytag hat in seinem Job viel mit Kunden zu tun, die nachhaltig investieren wollen. „Inzwischen gehört es zum Mainstream, sich Fragen nachhaltiger Geldanlage zu stellen“, sagt Freytag, der im Vorstand des Deutsche Oppenheim Family Office sitzt. Die Gründe dafür seien vielfältig, sagt er im Interview mit dem Handelsblatt. Beispielsweise nennt er die Diskussion in der Gesellschaft über den Anspruch an Umweltschutz oder auch eine gute Unternehmensführung.
Vom Firmensitz Keferloh am Münchener Autobahnring aus besucht der Vermögensverwalter die Multimillionäre und Milliardäre der Republik – aktuell gern begleitet von Nachhaltigkeitsspezialisten, die den Kunden in Workshops das komplexe Thema näherbringen.
„Nachhaltigkeit gilt zunehmend als Qualitätsmerkmal in der Unternehmensbewertung. Deshalb schauen Finanzanalysten darauf“, so Freytag. Aber generell und vor allem für private Vermögensverwaltungskunden gelte: Nur, wer sich engagiere, könne dazu beitragen, die Finanzmärkte, die Unternehmenslandschaft und die Welt ein kleines Stück besser zu machen.
Lesen Sie hier das gesamte Interview:
Herr Freytag, wo stehen große Investoren in Sachen nachhaltige Geldanlage?
Inzwischen gehört es zum Mainstream, sich Fragen nachhaltiger Geldanlage zu stellen. Die meisten Investoren beschäftigen sich heute mit dem Thema. Viele sind dabei, ihren Weg, ihren Standard, ihre Philosophie zu finden. Dies dürfte in den nächsten zwei bis drei Jahren zu einem klassischen Mainstream führen – was bedeutet, dass die Mehrheit der Finanzhäuser nachhaltige Produkte und Lösungen anbieten wird.
Welche Gründe erkennen Sie für diesen Trend?
Die Gründe sind vielfältig: die Diskussion in der Gesellschaft über den Anspruch an Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und gute Unternehmensführung. Politischer Druck, der sich in Vorschriften wie den geplanten EU-Standards niederschlägt. Die Nachfrage von Anlegern – und Finanzanbieter, die nach neuem Geschäft suchen.
Wie wichtig ist der politische Druck?
Die Finanzbranche wird von zwei Seiten gefordert: Große, institutionelle Anleger spüren regulatorische Auflagen, die sie erfüllen müssen. Auch bei den eher weniger informierten und aktiven Privatanlegern bewirken politische Vorgaben für die Anlageberatung, etwa nach dem EU-Aktionsplan „Finanzierung nachhaltigen Wachstums“, dass diese Kriterien berücksichtigt werden.
Die Fondsindustrie muss allerdings noch verständliche, transparente Standards definieren, an denen sich private Anleger orientieren können – ansonsten verkommt das Thema schnell zum Greenwashing.
Auf der anderen Seite aber wollen Investoren auch die Effekte nachhaltigen Anlegens aus eigenem Antrieb ergründen: Studien zufolge führt ja nachhaltiges Anlegen nicht per se zu einem Renditenachteil und kann Risiken von Portfolios fernhalten und somit Vermögen schützen.
Und nachhaltiges Nutzen von Ressourcen spart Kosten, eine nachhaltig ausgerichtete Unternehmensführung verbessert die Reputation und stärkt die Marke. Nachhaltigkeit gilt zunehmend als Qualitätsmerkmal in der Unternehmensbewertung. Deshalb schauen Finanzanalysten darauf.
Was wollen private Vermögensverwaltungs- und Family-Office-Kunden? Diese Klientel ist ja ganz frei in ihrer Kapitalanlage.
Viele von ihnen wollen jetzt Teile ihres Vermögens oder sogar perspektivisch alles nachhaltig ausrichten. Und besonders spannend wird es, wenn eine Familie nicht nur an ihre Aktien und Anleihen denkt – wo es zumindest schon etablierte Standards gibt –, sondern auch Beteiligungen, Immobilien oder Rohstoffe ökologisch, ethisch und sozial verwalten will. So stellen sich dann Fragen wie: „Wie nachhaltig ist etwa eine Beteiligung oder ein Goldinvestment?“
Für ein komplexes Vermögen lässt sich nicht so leicht ein passender, praktikabler Ansatz finden. Es ist aber wichtig anzufangen: sich darüber zu unterhalten, wie ein Portfolio nachhaltig gestaltet werden kann, wo etwa Kompromisse eingegangen werden müssen, um die Verlustrisiken noch ausreichend über eine breite Diversifikation zu streuen – und an welcher Stelle es vielleicht sinnvoll ist, zunächst einen weißen Fleck zu lassen.
Entscheidend ist aber, jetzt zu beginnen, auch wenn es noch Ungereimtheiten gibt. Denn nur, wer sich engagiert, kann dazu beitragen, die Finanzmärkte, die Unternehmenslandschaft und die Welt ein kleines Stück besser zu machen.
Wo ist es derzeit noch besonders schwierig, nachhaltig zu investieren?
Auch wenn im Bereich der alternativen Anlagen zunehmend das Thema Nachhaltigkeit auf die Agenda kommt, ist es bei vielen dieser Investitionsarten doch noch sehr schwer, etablierte Standards zu identifizieren. Nur eine kleine Minderheit von Hedgefonds-Managern berücksichtigt bereits jetzt Nachhaltigkeitskriterien.
In der Sparte der außerbörslichen Beteiligungen (Private Equity) hört man schon zunehmend, dass bei der konkreten Prüfung von Zielunternehmen hier Ansprüche angemeldet werden. Aber in der Fläche kann man das noch nicht beobachten. Konventionelle Rohstoffe sind mit das schwierigste Thema mit Blick auf Nachhaltigkeit.
Wie gehen typische Family-Office-Kunden vor bei dem Thema?
Nur wenige Familien wollen bereits heute ihr gesamtes Vermögen danach ausrichten. Aber viele Kunden fragen nach, in welchen Anlageklassen es möglich ist, nachhaltig zu investieren. Im ersten Schritt betrachten sie meist ihr liquides Vermögen, wollen etwa auf „saubere“ Aktien und Unternehmensanleihen oder sogar Greenbonds setzen. Dann geht es in der Regel darum, bei Immobilien Energieeffizienz zu erreichen.
Bei Beteiligungen gibt es die Möglichkeit, sogenanntes Impact Investing durchzuführen, also nicht nur auf Rendite zu setzen, sondern auch etwa Mikrokredite oder Bildung zu finanzieren. Im Private-Equity-Bereich fragen sie, inwieweit Manager dieser Fonds Nachhaltigkeitskriterien erfüllen.
Es gibt ein Herantasten an das Thema bei komplexeren Anlageklassen. Aber es wird noch nicht so schnell möglich sein, für alle Anlageklassen ein transparentes, hartes Nachhaltigkeitskonzept zu etablieren – wenn nicht auf eine breite Diversifikation des Vermögens verzichtet werden soll. Aber dazu raten wir nicht.
Wie finden Sie die richtige Definition von Nachhaltigkeit für Ihre Kunden?
Das ist ein höchst individuelles Thema und wird es auch immer bleiben. Eine Kirche hat mehr soziale, ethische Kriterien im Blick als vielleicht eine Familie, die stärker nach ökologischem Ansatz investieren will. Eine Stiftung dagegen möchte vielleicht vorrangig Reputationsrisiken vermeiden. Wir zeigen die möglichen Ansatzpunkte auf – wie Ausschlusskriterien, den Best-in-Class-Ansatz oder die Orientierung an konkreten ESG-Zielen. Dann erstellen wir ein Koordinatensystem.
Anschließend diskutieren wir, welche Kriterien zu einem Kunden passen könnten, ob einer oder mehrere Standards genutzt werden sollen – zum Beispiel die etablierter Anbieter wie MSCI, Oekom oder Sustainalytics.
Wichtig ist zudem zu besprechen, welche Folgen und Veränderungsprozesse bestimmte Kriterien für das Vermögen bedeuten. Wenn eine Familie etwa die Todesstrafe ausschließt, kann sie nicht mehr in US-Staatsanleihen investieren. Ein solches Konzept mit einer größeren, heterogenen Familie zu diskutieren ist nicht trivial.
Wie lange dauert ein solcher Prozess vom ersten Gespräch bis zur Umsetzung?
Wenn alle Familienmitglieder gut erreichbar sind und Zeit und Lust haben mitzuwirken, dauert es in etwa ein halbes Jahr.
Herr Freytag, vielen Dank für das Interview.
Mehr: Der Hype rund um nachhaltige Investments wird zu Enttäuschungen führen. Dies ändert aber nichts daran, dass die grundsätzliche Richtung stimmt.