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KommentarDeutschland ergraut – genau wie seine Wachstumsraten

Künftige Historiker werden die vergangenen 15 Jahre als zweites deutsches Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnen. Nun enden diese goldenen Jahre.Bert Rürup 12.01.2020 - 08:51 Uhr

Der Autor ist Präsident des Handelsblatt Research Institute.

Foto: Handelsblatt

Die deutsche Volkswirtschaft ist vergangenes Jahr knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt. Sicher wird die deutsche Industrie ihre derzeitige Schwächephase überwinden. Doch die strukturellen Probleme der bisherigen Vorzeigebranchen bleiben.

Weder ist ausgemacht, dass Deutschland der Industrieausrüster der Welt bleibt, noch dass PS-starke Autos mit Verbrennungsmotoren die Mobilitätsbedürfnisse der Zukunft befriedigen werden.

Nach dem Zerfall des Ostblocks zu Beginn der 1990er-Jahre postulierte der US-Politologe Francis Fukuyama die „Alternativlosigkeit des wirtschaftlichen und politischen Liberalismus“ – und irrte gewaltig: Das damalige Entwicklungsland, die Volksrepublik China, ist heute auf bestem Wege zur globalen Wirtschaftsmacht Nummer eins zu werden, und die USA, die einstigen Verfechter des Freihandels, überziehen die Welt mit Protektionismus.

Weltweit breiten sich Populismus und Nationalismus aus, und die EU verliert ihr zweitgrößtes Mitglied und damit ein Sechstel ihrer Wirtschaftskraft sowie ein Achtel der Bevölkerung. Vermutlich werden künftige Wirtschaftshistoriker die zurückliegenden 15 Jahre als „zweites deutsches Wirtschaftswunder“ bezeichnen und in den letzten Jahren der zu Ende gegangenen Dekade den Beginn der De-Globalisierung sehen – mit gravierenden Folgen für die erfolgsverwöhnte exportorientierte deutsche Industrie.

Das bisherige exportorientierte Geschäftsmodell der deutschen Wirtschaft wurde nicht von Politikern, Wissenschaftlern oder Kommissionen an einem Reißbrett konzipiert. Es hat sich in der Folge komparativer Kostenvorteile der Volkswirtschaft urwüchsig in den vergangenen 150 Jahren entwickelt und wurde stets von den politischen und wirtschaftlichen Eliten unterstützt.

Auch die „Agenda 2010“ von Ex-Kanzler Gerhard Schröder zielte letztlich darauf ab, mit einer Dämpfung der Arbeitskosten langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft zu verbessern – wie man heute weiß, nicht ohne Erfolg.

Rot-Grüne Unternehmenssteuerreform war beispielhaft

Seit 2005 stieg die Erwerbstätigkeit von gut 39 auf mehr als 45 Millionen Personen, und die Arbeitslosenzahl ging von über fünf auf aktuell 2,2 Millionen zurück. Deutschland wurde in kurzer Zeit vom „kranken Mann“ zum „Wachstumsmotor“ Europas.

Sicher, die Agenda-Reformen waren nicht allein für das „German Jobwunder“ verantwortlich. Die Unternehmen verschlankten ihre Strukturen und wurden dabei durch die Gewerkschaften unterstützt, die das Beschäftigungsziel durchweg höher als das Einkommensziel gewichteten.

Die rot-grüne Unternehmensteuerreform half, verkrustete Strukturen aufzulösen, und die Steuerzahler wurden spürbar entlastet. Dank ihrer hohen technologischen Kompetenz entwickelten sich zahlreiche Mittelständler des industriellen Sektors zu global erfolgreichen „Hidden Champions“.

Kein anderes Land habe einen höheren Wertschöpfungsanteil der hochtechnologischen und wissensbasierten Produkte, stellte das DIW 2009 fest.

Diese hohe technologische Wettbewerbsfähigkeit der Industrie in Kombination mit dem Ersatz der D-Mark durch den weniger volatilen Euro brachte es mit sich, dass kein anderes etabliertes Industrieland so stark von dem Anfang der 1990er-Jahre einsetzenden Globalisierungsschub profitierte wie Deutschland. Heute ist Deutschland so intensiv wie kein anderes großes Industrieland in die internationale Arbeitsteilung integriert.

USA und China gehen eigene Wege

Diese goldenen Jahre neigen sich nun dem Ende zu. Die USA zwingen international agierende Unternehmen zunehmend dazu, wichtige Teile ihrer Wertschöpfung in dieses Land zu verlagern, sei es durch Importzölle oder durch oft wenig sanften anderen Druck. Trumps America-first-Politik zielt vor allem darauf ab, den Aufstieg Chinas zu bremsen und wurde bereits vom ehemaligen Präsidenten Barack Obama mit seinem „Pivot of Asia“ eingeläutet.

Auch deutsche Unternehmen werden sich diesem Sog nicht entziehen können und Produktion nach Nordamerika verlagern müssen, wenn sie diesen Absatzmarkt nicht verlieren wollen. Prototypisch dafür steht die deutsche Autoindustrie.

Derweil hat Chinas Industrie die Qualität ihrer Produkte merklich verbessert. Dies gilt nicht zuletzt für Autos und Maschinen. Mit technisch weniger anspruchsvollen Produkten zu günstigeren Preisen als deutsche Premiumware haben sie Marktanteile nicht nur in Schwellenländern gewinnen können. Und mit der neomerkantilistischen „Neuen Seidenstraße“ sichert sich China zudem Produktionsstandorte und Absatzmärkte für seine Produkte.

Der einstige Ausrüster der Welt, der deutsche Maschinen- und Anlagenbau, hat immer öfter das Nachsehen.

Erschwerend kommt für Deutschland hinzu, dass sich die demografische Pause, die vor gut zehn Jahren einsetzte, dem Ende zuneigt. Bald gehen die Babyboomer-Jahrgänge in Rente, und ein massiver Alterungsschub setzt ein. Dieser wird nicht nur für die Sozialsysteme, sondern für die gesamte Wirtschaft zur Belastungsprobe. Deutschland ergraut, und Wachstumsraten wie in der vergangenen Dekade wird es bald nicht mehr geben.

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