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Gesundheits-IndustrieSpitzenverband fordert zentrale Rolle bei „App auf Rezept“

Der frisch gegründete „Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung“ (SVDGV) sieht sich als Interessenvertreter von Anbietern digitaler Gesundheitsanwendungen. Die etablierten Verbände fühlen sich überrumpelt.Julian Olk, Britta Rybicki 20.01.2020 - 06:00 Uhr

Das Symbolbild zeigt eine App zur Messung des Stresspegels: Der SVDGV beansprucht eine zentrale Rolle bei der weiteren Ausgestaltung und Umsetzung des DVG.

Foto: dpa

Berlin, Düsseldorf. Nach seiner Gründung im Herbst des vergangenen Jahres hat der „Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung“ (SVDGV) mittlerweile 60 Mitglieder. Darunter sind bekannte Hersteller von Gesundheits-Apps wie der Symptom-Checker Ada Health, die Gesundheitsakte Vivy und die psychotherapeutische Videoberatung Selfapy. Der Interessenverband hatte sich gegründet, um das kürzlich in Kraft getretene Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) aus Sicht der Start-up-Szene zu begleiten.

Der Verband macht seinen Anspruch nun in einer Mitteilung, die Handelsblatt Inside exklusiv vorliegt, deutlich: „Damit digitale Lösungen wirklich bei Patienten ankommen, beansprucht der SVDGV eine zentrale Rolle bei der weiteren Ausgestaltung und Umsetzung des DVG.“ „Wir sind mit knapp 60 Mitgliedern der maßgebliche Branchenvertreter der Hersteller digitaler Gesundheitsanwendungen“, lässt sich der SVDGV-Vorsitzende und Ada-Health-CEO Daniel Nathrath in dem Papier zitieren.

Die wichtigste Neuheit im DVG: Ärzte können ausgewählte digitale Gesundheitsanwendungen wie Apps verschreiben, Krankenkassen müssen die Kosten erstatten. Diana Heinrichs, SVDGV-Vorständin und Gründerin der Sturz-App Lindera, sagte Handelsblatt Inside: „Was uns Hersteller als Verband eint, ist, dass wir als einziger Branchenvertreter im Gesundheitswesen keine nachhaltigen Geschäftsmodelle haben.“ Aktuell seien Hersteller von digitalen Gesundheitsanwendungen auf Selektivverträge mit den Krankenkassen angewiesen und kämen somit über Pilotprojekte kaum hinaus. „Daran krankt unser Gesundheitssystem und Mitglieder anderer Verbände müssen sich um die Nachhaltigkeit ihrer Geschäftsmodelle keine Sorgen machen“, ergänzt Heinrichs.

Etablierte Verbände seien zwar wichtig für die Branche, bildeten dieses Grundproblem für Gesundheits-Start-ups aber nicht ab. Das DVG biete nun die Chance für Start-ups, funktionierende Geschäftsmodelle aufzubauen. Deshalb sieht sich der SVDGV nun in zentraler Rolle für die Verhandlungen zum DVG.

Bevor die ersten digitalen Gesundheitsanwendungen von Kassen bezahlt werden müssen, wird der GKV-Spitzenverband mit den Interessenverbänden die Maßstäbe, nach denen später GKV-Spitzenverband und Hersteller die erstattungsfähigen Preise verhandeln werden, vereinbaren. Höchstbeträge oder Schwellenwerte können festgelegt werden. Im Papier des SVDGV heißt es dazu: „Konkret sieht der Verband seine Rolle unter anderem in der Verhandlung der Rahmenvereinbarung mit dem GKV-Spitzenverband.“

Forderungen sorgen für Unruhe

Die Forderungen des Start-up-Verbands sorgen bei den etablierten Interessenvertretern für Unruhe. Schon der Verbandsname „Spitzenverband“ hatte in der Vergangenheit für Kritik gesorgt. Nun steht die Befürchtung im Raum, der SVDGV könne die Vertretung der Hersteller-Interessen maßgeblich für sich beanspruchen wollen.

Das verhindere eine innovative Ausgestaltung des DVG, kritisiert der „Verband der Diagnostica-Industrie“ (VDGH). Martin Walger, Geschäftsführer des VDGH, sagte Handelsblatt Inside: „Kompetenz im Medizinproduktesektor und Erfahrungen in Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband sind unverzichtbar und wichtiger als Effekthascherei.“

Für die Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband sei ein „umfassendes Verständnis über das Gesundheitssystem“ erforderlich, sagte Sebastian Zilch, Geschäftsführer des Bundesverbands Gesundheits-IT (Bvitg), Handelsblatt Inside: „Der Bvitg deckt durch seine Mitgliedschaft jede Facette der digital unterstützten Gesundheitsversorgung ab.“ Der Verband befasse sich bereits „intensiv mit dem Thema“ und stünde schon mit anderen Verbänden im Gespräch darüber, wie die Industrie geeint auftreten könne.

Hans-Peter Bursig, Geschäftsführer des Fachverbands Elektromedizinische Technik vom Zentralverband Elektroindustrie (ZVEI), sagte Handelsblatt Inside: „Dass die Interessen der Hersteller von einer einzigen Spitzenorganisation vertreten werden, ist aus unserer Sicht nicht möglich. Der ZVEI ist für seine Mitgliedsunternehmen, die digitale Gesundheitsanwendungen herstellen, die maßgebliche Spitzenorganisation.“

Auf Nachfrage von Handelsblatt Inside weist der SVDGV die Bedenken zurück. „Gegen einen so starken Verhandlungspartner wie den GKV-Spitzenverband können wir als Verbände nur zusammen antreten“, sagt Diana Heinrichs. Ein Kompetenzgerangel sei nicht zu erwarten, aber: „Es gibt keinen anderen Verband, der unsere Interessen in der Tiefe bei der Ausgestaltung des DVG vertreten kann.“

Aktuell plane man, Verhandlungstermine gemeinsam wahrzunehmen, und stünde bereits mit dem Bvitg in „einem sehr guten Dialog“. Heinrichs stellt aber auch klar: „Wir werden keine Nebenrolle einnehmen und wollen, dass man uns als Verhandlungspartner auf Augenhöhe in der Branche wahrnimmt.“

Mehr: Bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens hat Deutschland Nachholbedarf. Doch das Interesse der Patienten an den digitalen Anwendungen wächst.

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Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem exklusiven Fachbriefing Handelsblatt Inside Digital Health. Zweimal in der Woche analysieren wir dort die neuesten Entwicklungen im Bereich digitale Gesundheit.

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