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Interview mit Eckhard NagelCoronavirus-Ausbreitung: „Der psychologische Druck für die Patienten, Ärzte und Pfleger ist enorm“

Mehrere Tausend Chinesen sind mit dem Virus infiziert. Der Mediziner Eckhard Nagel sieht die Stadt Wuhan aber gut vorbereitet für eine potenzielle Pandemie.Sha Hua 29.01.2020 - 10:55 Uhr

„Es ist sehr beeindruckend, dass der Test für ein neu aufgetretenes Virus so schnell entwickelt wurde.“

Foto: imago images / epd

Peking. In China breitet sich das neuartige Coronavirus rasant aus: Bis Dienstagabend stieg die Zahl der Todesopfer auf 132, weitere 1.459 Neuinfektionen sind bestätigt worden, erklärte die chinesische Gesundheitskommission. Die Gesamtzahl der am Viruserkrankten beläuft sich damit in China nach offiziellen Angaben auf 5.974. Es gibt fast 10.000 Verdachtsfälle. Bei den Todesfällen handelt es sich meist um ältere Patienten mit Vorerkrankungen.

Der 59-jährige Eckhard Nagel ist Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth. Seit 2018 ist er auch der deutsche Präsident des chinesisch-deutschen Freundschaftskrankenhauses, das zum 6.000 Betten großen Tongji-Klinikums in Wuhan gehört. Dort werden jährlich 6,5 Millionen Patienten behandelt.

Wie hat sich das Tongji-Klinikum in Wuhan auf die derzeitige Krise eingestellt?
Der Fokus unserer Versorgung liegt derzeit ganz klar auf den Coronavirus-Patienten. Dafür wurden einige Einheiten umfunktioniert. Zum Beispiel werden auf der Intensivstation nur noch die allernotwendigsten Operationen nachversorgt. In den freigewordenen Räumen werden jetzt Coronavirus-Erkrankte oder -Verdachtsfälle behandelt.

Ist der Andrang auf die Klinik jetzt größer?
Zuletzt war er sehr groß, weil jeder so schnell wie möglich abklären will und auch sollte, ob er oder sie infiziert worden ist. Gleichzeitig ist die insgesamte Patientenzahl aber erst einmal gesunken. Denn die nicht akut erkrankten Patienten wurden erst einmal entlassen, auch um die Gefahr einer Ansteckung zu verringern.

Sind die Krankenhäuser jetzt schon mit der Situation überlastet?
Natürlich ist das jetzt der Fall. Es fehlt an medizinischen Kapazitäten. Der psychologische Druck für die Patienten, Ärzte und Pfleger ist enorm.

Sehen Sie da demnächst Abhilfe?
Die Situation ordnet sich. Gerade wird darüber diskutiert, ob sich nicht bestimmte Krankenhäuser auf die Versorgung der Coronavirus-Patienten konzentrieren und die anderen wieder den normalen Dienst aufnehmen sollen. Außerdem werden die Testzeiten zur Identifikation des Virus sicherlich noch kürzer, wenn sich eine Routine eingestellt hat. Zurzeit dauert es noch circa 24 Stunden, bis man sich sicher sein kann.

Hat denn China Ihrer Meinung nach schnell genug gehandelt?
Wenn man bedenkt, dass der erste Fall am 31. Dezember gemeldet wurde, dann ist in der Zwischenzeit schon enorm viel passiert, sowohl in der Wahrnehmung wie auch im Umgang mit der Krise. Es ist außerdem sehr beeindruckend, dass der Test für ein neu aufgetretenes Virus so schnell entwickelt wurde.

Ist so eine Quarantäne überhaupt sinnvoll?
Ihre Größenordnung ist schon einzigartig. Aber grundsätzlich ist die Quarantäne ein probates Mittel in einer potenziellen Pandemie-Situation.

Was ist Ihrer Meinung nach jetzt die größte Herausforderung?
Wuhan hat elf Millionen Einwohner, die Ansteckungszeit beträgt voraussichtlich bis zu 14 Tage. Die Zahl der potenziell Infizierten könnte daher ein Problem sein. Aber Wuhan ist auch berühmt für seine sehr guten Kliniken. Die Aussichten stehen also nicht schlecht dafür, dass es der Stadt gelingen wird, diese Herausforderung zu stemmen.

Sollte man Deutsche so schnell wie möglich aus Wuhan evakuieren?
Aus medizinischer Sicht gibt es keinen Grund. Aber es ist verständlich, dass vor allem Familien mit Kindern Wuhan verlassen wollen. Und die Bundesregierung sollte ihnen dabei helfen. Die meisten Deutschen, mit denen ich spreche, scheinen mir aber relativ ruhig zu sein. Sie haben Verständnis für die Maßnahmen und befolgen sie. 

Kann man schon absehen, wann Wuhan aus dem Gröbsten heraus sein wird?
In zehn bis 14 Tagen sollte man sehen können, ob die Quarantäne tatsächlich funktioniert hat. Aber mit Sicherheit wissen tut es natürlich keiner.

Herr Prof. Nagel, vielen Dank für das Interview.

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