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Felix Hufeld im InterviewBafin-Präsident: „Nicht alle haben den Schuss gehört“

Der oberste deutsche Finanzaufseher spricht über die Coronakrise, die ungünstige Ausgangslage vieler deutscher Banken und die zähe Konsolidierung der Bankenbranche.Yasmin Osman, Andreas Kröner 16.03.2020 - 12:41 Uhr

Der oberste deutsche Bankenaufseher sieht die Coronakrise nicht als Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems.

Foto: Bloomberg

Frankfurt. Felix Hufeld ist im Krisenmodus. Am vergangenen Donnerstag war der Chef der deutschen Finanzaufsicht Bafin in Frankfurt, als die bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelte Bankenaufsicht SSM Maßnahmen gegen die Coronakrise beschloss. Einen Tag später weilte Hufeld dann zu Gesprächen mit dem Bundesfinanzminister und Bankenvertretern in Berlin.

Hufelds Zwischenfazit ist vorsichtig optimistisch. „Aktuell stellt Corona eine erhebliche Belastung, für die Finanzbranche aber kein systemisches Risiko dar“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Zwar müssten Banken und Aufsichtsbehörden wachsam bleiben. Doch die Maßnahmen der EZB und die von der Bundesregierung angekündigten unbegrenzten Liquiditätshilfen hätten dazu beigetragen, dass die Runde am Freitag in Berlin „deutlich zuversichtlicher wieder auseinandergegangen“ sei, betont Hufeld.

Die Coronakrise trifft die Banken allerdings in einer Phase, in der diese bereits mit zahlreichen anderen Problemen kämpfen. „Die Ertragslage ist nach wie vor nicht zufriedenstellend“, moniert Hufeld. „Und die Kosten sind branchenweit zu hoch.“ Die Institute müssten daher „harte Einschnitte vornehmen, weniger komplex werden und Kosten senken“.

Vor einem halben Jahr hatte Hufeld die Branche dazu aufgerufen, nicht zu jammern, sondern zu handeln. Seither hätten einige Banken Fortschritte gemacht, beobachtet er. „Aber nicht alle haben den Schuss gehört“, klagt der Bafin-Präsident.

Angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen erwartet Hufeld in den kommenden Jahren weitere Fusionen und „mehr Marktaustritte“. Grenzüberschreitende Zusammenschlüsse hält er in den nächsten ein bis zwei Jahren allerdings für eher unwahrscheinlich, da viele Institute noch zahlreiche Hausaufgaben erledigen müssten. „Es bringt nichts, grenzüberschreitende Fusionen immer wieder herbeizureden“, sagt Hufeld. „Zusammenschlüsse müssen sich auch ökonomisch rechnen.“

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Herr Hufeld, die Ausbreitung des Coronavirus beherrscht die Schlagzeilen. Wie gefährlich ist das Virus für Finanzmärkte und Banken?
Aktuell stellt Corona eine erhebliche Belastung, für die Finanzbranche aber kein systemisches Risiko dar. Die Banken und wir Aufseher müssen wachsam bleiben. Wir sind natürlich an der Sache dran. Am Freitag haben wir uns im Bundesministerium der Finanzen mit Olaf Scholz und den Bankenvertretern zusammengesetzt, die Lage analysiert und erforderliche nächste Schritte festgelegt. Die Maßnahmen der EZB und die von der Bundesregierung angekündigten unbegrenzten Liquiditätshilfen haben dazu beigetragen, dass wir deutlich zuversichtlicher wieder auseinandergegangen sind.

Wie weit kann und sollte die Finanzaufsicht ihre Regeln lockern?
Wir haben bereits am vergangenen Donnerstag im SSM festgestellt, dass wir keine Notwendigkeit für ein Aufweichen regulatorischer Anforderungen sehen. Zugleich haben wir aber deutlich zum Ausdruck gebracht, dass wir aufsichtlich in hohem Maße flexibel reagieren können und werden. Das gilt insbesondere für Kapitalpuffer. Für die kleineren, national beaufsichtigten Institute wenden wir die gleichen Leitlinien an.

Droht infolge von Corona eine Rezession und eine steigende Zahl an Kreditausfällen und Firmenpleiten?
Wir sind dabei, die Auswirkungen auf die Volkswirtschaft zu analysieren. Welche Branchen und Bankkunden leiden besonders stark? In welchem Sektor droht ein Anstieg der Kreditausfälle? Grundsätzlich gilt: Wenn einzelne Firmen ihre Darlehen nicht bedienen können, können Banken das gut verkraften. Flächendeckende Kreditausfälle und Firmenpleiten wegen Corona sollten aufgrund der Liquiditätshilfen deutlich weniger wahrscheinlich geworden sein. Die von den Ministern Scholz und Altmaier verkündeten Maßnahmen werden hier auch aus Sicht der Finanzbranche eine erhebliche Erleichterung bedeuten.

Wie sieht es bei den Versicherern aus?
Bei den deutschen Versicherern sehen wir derzeit relativ wenig Drohpotenzial. Selbst wenn beispielsweise ein Großereignis wie die Olympischen Spiele in Tokio abgesagt werden müsste, wäre das zwar ein großer Schaden, aber noch kein ernsthaftes Solvenzrisiko. Auch für die Versicherungsbranche als Ganzes sehe ich derzeit kein systemisches Risiko.

Der Zustand der deutschen Banken war auch schon vor dem Ausbruch des Coronavirus schlecht. Wie beurteilen Sie die Lage?
Die Ausgangslage der deutschen Banken ist nicht komfortabel. Die Ertragslage ist nach wie vor nicht zufriedenstellend. Und die Kosten sind branchenweit zu hoch. Kurzfristige Abhilfe auf der Ertragsseite ist nicht erkennbar. Banken müssen deshalb harte Einschnitte vornehmen, weniger komplex werden und Kosten senken.

Sie haben den Banken im Herbst 2019 vorgeworfen, zu viel zu jammern und beim Umbau ihrer Geschäftsmodelle nicht radikal genug vorzugehen. Hat Ihr Appell Wirkung gezeigt?
Ich will niemandem den Mund verbieten. Jede Bank darf Kritik an den Rahmenbedingungen üben und jammern. Aber ich erwarte von Bankmanagern, dass sie da nicht Schluss machen. Sie müssen nachhaltige Strategien in einem Marktumfeld entwickeln, das sich auf absehbare Zeit nicht ändern wird. In den zurückliegenden sechs Monaten haben einige Banken Fortschritte gemacht. Aber nicht alle haben den Schuss gehört.

Warum?
Das hat unterschiedliche Gründe, die manchmal auch im persönlichen Bereich liegen können. Es gibt Vorstände, die mit Anfang 60 sagen: ‚Ich habe genügend Reserven. Den Stress eines großangelegten Umbaus tue ich mir nicht mehr an, das soll mein Nachfolger machen.‘ Andere Banken bauen zwar um, lassen dabei aber die nötige Härte vermissen.

Damit spielen Sie vermutlich auf die Commerzbank an, bei der die Finanzaufsicht im Aufsichtsrat härtere Sparanstrengungen gefordert hat. Das Institut will seine Strategie nun noch mal nachschärfen. Sind Sie zufrieden?
Wir äußern uns nicht zu einzelnen Instituten, auch nicht im Wege der Anspielung. Aber ich begrüße es bei jeder Bank, wenn sie sich Gedanken macht, wie sie stabiler und rentabler werden kann. Das kann ich nur gutheißen.

Ist es eher die Ausnahme oder eher die Regel, dass die Finanzaufsicht Geschäftsmodelle von Instituten so hart kritisiert wie bei der Commerzbank?
Aufsichtliche Dialoge können bei Bedarf auch deutlich ausfallen. Dafür sind wir schließlich da.

Der Deutschen Bank hat die Finanzaufsicht erlaubt, ihre Eigenkapitalquote im Zuge des Umbaus auf bis zu 12,5 Prozent abzuschmelzen. Viele Investoren haben dies als Beleg gewertet, dass Sie den Kurs von Vorstandschef Christian Sewing goutieren. Zu Recht?
Zu einzelnen Banken sage ich nichts. Aber wir begrüßen es ausdrücklich, wenn Manager mit der nötigen Ernsthaftigkeit Geschäftsmodelle verändern. Ziel muss es sein, Banken stabiler, weniger komplex und weniger risikoanfällig zu machen. Wenn es in diese Richtung Fortschritte gibt, dann honoriert das auch die Finanzaufsicht.

Zum 150. Geburtstag der Deutschen Bank sind mehrere Rückblicke und Bücher erschienen. Als ein Grund für die schlechte Lage des Instituts wird dabei das Versagen der Aufsicht angeführt. Trifft diese Analyse zu?
Ich würde nicht von Versagen sprechen. Aber auch wir müssen unsere Rolle kritisch hinterfragen. Neben den vielfältigen regulatorischen Verschärfungen versuchen wir ja deshalb, Aufsicht vorausschauender auszuüben. Das ist gelegentlich ein schmaler Grat.

Wollen Sie mit Ihren Kollegen von der EZB künftig noch stärker in die Strategieprozesse der Banken eingreifen?
Wir Finanzaufseher halten uns nicht für bessere Banker oder bessere Strategen. Das sind wir nicht, und das wollen wir auch nicht sein. Aber uns werden gelegentlich Strategien vorgelegt, bei denen unterstellt wird, dass knapp nach übermorgen das operative Paradies ausbricht. Einen Geschäftsplan, der auf solchen Annahmen basiert, können wir nicht durchwinken.

Was sind denn die größten Probleme der deutschen Banken?
Wir hören von Banken häufig, das Kostenniveau in Deutschland sei nicht höher als in vielen anderen europäischen Ländern. Das Problem seien die Erträge, die wegen des harten Wettbewerbs deutlich niedriger seien als in anderen Märkten. Beides stimmt, aber jeder weiß, dass man Kostenstrukturen an Ertragsstrukturen ausrichten muss. Es geht hier nicht um Schuldfragen, sondern um ökonomische Nachhaltigkeit.

Was machen Banken in anderen Ländern besser?
In Ländern wie Dänemark, Schweden und den Niederlanden ist die Ertragssituation ähnlich angespannt wie in Deutschland. Aber in diesen Ländern haben die Banken ihre Kosten in den letzten zehn Jahren signifikant reduziert und sind deshalb profitabler.

Die deutschen Banken müssen also einfach ihre Kosten senken, und alles wird gut?
Es gibt keine einfachen Antworten. Ich habe großen Respekt vor den Herausforderungen, vor denen viele Banken stehen. Klar ist aus meiner Sicht jedoch, dass das übliche Kostenmanagement im aktuellen Umfeld nicht ausreichen wird. Banken müssen an die Strukturen ran. Sie müssen sich fokussieren. Die alten Gemischtwarenladen-Strukturen lassen sich häufig nicht mehr aufrechterhalten.

Sparkassenpräsident Helmut Schleweis, der sich für einen grundlegenden Umbau des öffentlich-rechtlichen Finanzsektors einsetzt, kann also auf Ihre Unterstützung zählen?
Niemand weiß besser als Herr Schleweis, dass er sich auf einen Marathon begibt. Aber auch ein Marathon beginnt mit den ersten Schritten. Ich finde es ehrenhaft und richtig, mit welcher Klarheit und Konsequenz Schleweis diesen Weg vorgibt.

Sollten Banken mehr Geschäftsbereiche aufgeben und auslagern?
Das ist ebenfalls ein Aspekt von Fokussierung. Manche Banken können sich auf die Abwicklung von Geschäften konzentrieren, andere auf den Vertrieb. Institute und Verbünde dürfen vor transformatorischen Schritten nicht zurückschrecken. Oft gibt es signifikante ökonomische Vorteile, nicht nur wenn Banken Teile ihrer IT auslagern, sondern auch wenn sie Plattformen von spezialisierten Anbietern für weitere Bausteine des Bankgeschäfts nutzen.

Dies hat jedoch auch zur Folge, dass ein Ausfall bei einem Dienstleister wie der DWP Bank das Wertpapiergeschäft der gesamten Branche lahmlegt.
Natürlich kreieren wir so neue systemische Risiken. Aber irgendeinen Tod werden wir immer sterben. Wir müssen einfach alles dafür tun, dass solche IT-Anbieter und Plattformen dann gut beaufsichtigt werden.

Initiativen der deutschen Banken, bei der Abwicklung von Geschäften oder der Überprüfung von Kunden (KYC) zusammenarbeiten, scheitern regelmäßig. Warum?
Es ist nicht trivial, bankenübergreifende Lösungen für KYC aufzubauen. Grundsätzlich wäre eine solche Zusammenarbeit aus meiner Sicht aber sinnvoll – möglicherweise in Kooperation mit der Finanzaufsicht und der Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen (FIU). Wir sind an einer solchen Zusammenarbeit von öffentlicher und privater Hand, der Anti Financial Crime Alliance, seit sechs Monaten beteiligt.

Wird die Zahl der Banken in Deutschland angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen weiter sinken?
Ja. Ich erwarte, dass es in den kommenden Jahren mehr Konsolidierung und mehr Marktaustritte geben wird.

Gilt das auch für grenzüberscheitende Fusionen?
Meine persönliche Einschätzung ist, dass wir in den nächsten ein, zwei Jahren eher wenig davon sehen werden. Zumindest dann, wenn es keine ganz akuten Notfälle gibt. In Krisenfällen wie vor drei Jahren bei Banco Popular...

...einer spanischen Bank, die in Probleme geriet und von der Großbank Santander geschluckt wurde …
...muss es auf die Schnelle eine Lösung geben – und die kann dann auch grenzüberschreitend sein. Aber jenseits solcher Sondersituationen wird es vermutlich noch einige Zeit ruhig bleiben.

Warum?
Viele Banken können und müssen intern noch zahlreiche Hausaufgaben erledigen. Zudem müssen Käufer von Banken ihren Aktionären erklären können, warum eine Übernahme für sie attraktiv ist – und das dürfte auf kurze Sicht schwerfallen. Aus meiner Sicht ist es gut, wenn Banken die nächsten ein, zwei Jahre nutzen, um sich entweder als Braut herauszuputzen oder sich als Konsolidierer zu stärken. Es bringt nichts, grenzüberschreitende Fusionen immer wieder herbeizureden. Zusammenschlüsse müssen sich auch ökonomisch rechnen.

Auf Ebene der EZB-Bankenaufsicht scheint man ungeduldiger zu sein. Der Chef der EZB-Bankenaufsicht, Andrea Enria, will Fusionen unter anderem fördern, indem er den Transfer von Liquidität über Grenzen hinweg erleichtert. Bei der letzten Sitzung des EZB-Supervisory-Boards gab es dagegen jedoch Widerstand. Wo stehen Sie?
Schon heute können Banken Liquidität von Land A nach Land B bewegen. Innerhalb der EU können sie 100 bis 140 Milliarden Euro der Überschussliquidität, die nicht von ihrer Einheit vor Ort zwingend benötigt wird, verschieben. Diese Spielräume nutzen die Banken aber gar nicht. Ich verstehe deshalb nicht, warum wir uns jetzt über dieses Thema den Kopf zerbrechen sollten. Mein Motto ist: Erst mal die Gummibärchen essen, die vor dir liegen, bevor du die nächste Tüte öffnest.

Hat sich Enria einen Floh ins Ohr setzen lassen?
Das hat mit Andrea Enria nichts zu tun. Es gibt einige wenige, die diese Debatte befeuern. Sie wollen beim Verschieben von Liquidität sämtliche Schranken aufheben. Ich bin da skeptisch.

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Warum?
Die Abwicklung international tätiger Bankengruppen in Notsituationen würde dadurch deutlich erschwert. Wir debattieren völlig zu Recht darüber, wie wir bei einer solchen Abwicklung einen sinnvollen Ausgleich zwischen den Interessen des Heimat- und des Gastlandes hinbekommen. Wenn eine Bank innerhalb kurzer Zeit sämtliche Liquidität aus einem Land abziehen kann, wären diese Debatten überflüssig. Was aus der Sicht eines Heimatlandes erstrebenswert effizient erscheint, kann aus der Sicht eines Gastlandes zu dramatischen Verwerfungen führen. Wir brauchen eine gute Balance und pragmatische Regeln. Beides kann nicht allein durch ein flammendes Bekenntnis zu Europa ersetzt werden.

Sind Sie offener, wenn es darum geht, bei Fusionen den Badwill anzuerkennen, einen bilanztechnischen Effekt, der wegen der geringen Bewertung europäischer Banken zu einem virtuellen Eigenkapitalzuwachs führt?
Da gibt es in der Bankenaufsicht keinen Dissens. Wir haben klipp und klar gesagt, dass wir die Existenz eines Badwill nicht grundsätzlich problematisieren und den positiven Effekt auf das Eigenkapital aufsichtlich akzeptieren. Es gibt nur eines, was wir nicht goutieren würden: Wenn man die durch einen Bilanzeffekt erzeugten größeren Spielräume beim Eigenkapital dazu missbrauchen würde, reales Geld alsbald an Eigentümer oder Mitarbeiter auszuschütten. Für mich gilt: grundsätzliche Anerkennung des Badwill: ja, schmutzige Deals: nein.
Herr Hufeld, vielen Dank für das Interview.

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