Kommentar: Nach der Pandemie wird nichts mehr so sein wie es war? Das Gegenteil ist richtig
Erhalten bleibt uns nach der Krise auch das geopolitische Duell zwischen China und den USA.
Foto: APErinnern Sie sich noch an den 12. September 2001 und den 16. September 2008? Das waren die Tage nach den Terroranschlägen auf New York sowie nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers, die zugleich den Beginn der Finanzkrise markierte. Unisono hieß es damals: Nichts wird wieder so sein, wie es einmal war.
Die Corona-Pandemie übertrifft die beiden vorangegangenen Katastrophen noch: Ihre globale Reichweite macht sie zu einer wirklichen Weltkrise. Und sie verursacht mehr menschliches Leid und größere wirtschaftliche Schäden.
Und so überschlagen sich auch jetzt wieder viele Vor- und Nachdenker mit dystopischen Prophezeiungen: „Wir werden in einer anderen Welt leben, wenn die Krise vorbei ist“, sagte der israelische Historiker Yuval Noah Harari gerade dem Handelsblatt.
So wie 9/11 nicht das Ende des amerikanischen Zeitalters markierte und die Finanzkrise nicht den Kapitalismus beerdigte, so wird auch die Coronakrise unsere bisherige Welt nicht völlig aus den Angeln heben. Wenn alles vorbei ist, werden wir viele alte Bekannte wiedertreffen, die uns bereits vor der Krise Kopfzerbrechen bereitet haben und uns am Tag danach noch mehr zu schaffen machen werden.
Noch ungenierter als zuvor zeigt zum Beispiel jetzt der Protektionismus sein Gesicht. Der Global Trade Alert, eine Researchplattform der Universität St. Gallen, hat seit Beginn des Jahres 46 neue Exportbeschränkungen für medizinische Produkte gezählt.
Deutschland und Frankreich haben zwar inzwischen innerhalb der EU ihre Handelsbarrieren wieder abgebaut, dafür hat nun aber Brüssel die Ausfuhr von Schutzausrüstung beschränkt. Auch wenn es Ausnahmen für humanitäre Hilfen gibt, viele der ärmsten Länder stehen dem Coronavirus jetzt nahezu schutzlos gegenüber. Aber auch EU-Beitrittskandidaten wie Serbien bleiben draußen vor Europas Tür und wenden sich nun an China.
Nicht nur für medizinische Produkte werden internationale Lieferketten gekappt. Der schon vor der Krise spürbare Trend zu einem „Decoupling“ von zuvor eng vernetzten Volkswirtschaften verstärkt sich jetzt. Hieß es früher „just in time“, gilt jetzt die Parole „just in case“.
Aus Lagerbeständen, die Apple-Chef Tim Cook einmal als „grundsätzlich schlecht“ bezeichnet hatte, werden in Zeiten der Pandemie wertvolle Vorräte. Die nationale Sicherheit wird zur neuen Maxime nicht nur für Regierungen, sondern auch für multinationale Unternehmen, die durch das Virus erkennen müssen, wie verletzlich ihre globalen Wertschöpfungsketten sind. Die wirtschaftliche Optimierung der Globalisierung hat ihren Preis, und der erscheint vielen als zu hoch.
Alte Konflikte werden neu aufflammen
Erneut offenbart hat die aktuelle Krise auch die alten Schwächen Europas. Die EU hat große Mühe, ihre Relevanz als Gemeinschaft gegen die nationalen Egoismen unter Beweis zu stellen. Einseitige Grenzkontrollen im gemeinsamen Schengenraum und große Unterschiede im Gesundheitsschutz der Bevölkerung zeigen, dass Eigensinn in der Not oft mehr zählt als Gemeinsinn. Entscheidend wird sein, wie der Streit der Staats- und Regierungschefs über die finanzielle Lastenteilung der Krise in der Euro-Zone ausgeht.
Will man eine neue Euro-Krise vermeiden, gibt es nur drei Möglichkeiten: den Einsatz des Rettungsschirms ESM, die gemeinsame Ausgabe von Corona-Bonds oder den fortgesetzten Kauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank, um die Risikoaufschläge für besonders stark betroffene Länder wie Italien zu begrenzen.
In allen drei Fällen wird man nicht darum herumkommen, die Lasten gemeinsam zu schultern. Das wird auch in Berlin noch einsinken. „Europa wird durch Krisen geschmiedet“, prophezeite einst Jean Monnet, einer der Gründungsväter der EU. Wenn es jemals eine Zeit gab, das zu beweisen, dann jetzt.
Erhalten bleibt uns nach der Krise auch das geopolitische Duell zwischen den USA und China. Die Freundlichkeiten, die Donald Trump und Xi Jinping gerade am Telefon ausgetauscht haben, sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Klima zwischen den beiden Großmächten durch die Pandemie weiter verschlechtert hat. Und das nicht nur, weil Trump vom „China-Virus“ spricht und Peking Verschwörungstheorien schürt, das US-Militär habe das Virus nach Wuhan gebracht.
Der US-Präsident hat zwar die Zahlung der Strafzölle für amerikanische Unternehmen gestundet, aber die Sanktionen selbst nicht zurückgenommen. Das könnte sich noch rächen, sollte Chinas Wirtschaft zuerst aus dem Corona-Koma erwachen und sollten die USA dann auf Pekings Hilfe angewiesen sein.
Xi versucht umgekehrt, die Krise strategisch zu nutzen, indem er mit einer globalen PR-Kampagne China vom Saulus zum Paulus der Pandemie deklariert. Damit will er das globale Führungsvakuum füllen, das die USA durch ihre „America first“-Politik erzeugt haben und das bislang weder die G7 noch die G20 ausgleichen konnten. Vieles wird also so sein wie vor der Pandemie. Das ist aber nicht unbedingt eine gute Nachricht.