Energieexpertin: Karin Kneissl: „Wir haben ein riesiges Nachfrageproblem am Ölmarkt“
„Wie lange die Interessenkongruenz des neuen Öl-Trios anhalten wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt unwägbar.
Foto: HandelsblattWien. Karin Kneissl beobachtet die Ölmärkte seit Jahrzehnten. Von Dezember 2017 bis Juni 2019 war die 55-Jährige parteilose Außenministerin Österreichs.
Was bedeutet die Kürzung von 9,7 Millionen Barrel pro Tag durch die Opec plus für den Ölmarkt in der Coronakrise?
Die Entscheidung von so vielen unterschiedlichen Akteuren auf dem Ölmarkt verdient höchsten Respekt – insbesondere nach dem Zerwürfnis von Saudi-Arabien und Russland Anfang März. Die Entscheidung ist auch eine Folge der Nöte von staatlichen und nicht staatlichen Ölkonzernen, die durch den extremen Nachfragerückgang gezwungen waren, ihre Produktion einzustellen oder stark zurückzufahren. Sie schafft auch eine Sicherheit für künftige Investitionen. Eines ist klar, es muss permanent investiert werden – von der Exploration bis zur Ölverarbeitung in Raffinerien.
Reicht die Produktionskürzung aus, um den Ölmarkt wieder ins Gleichgewicht zu bringen?
Die Kürzung von 9,7 Millionen Barrel pro Tag ist ein drastischer Schritt für die nächsten Monate. Doch die Kürzung wird bei Weitem nicht ausreichen, um die Ölschwemme zu beenden. Das Überangebot von Öl durch die nachlassende Konjunktur hat sich bereits vor der Coronakrise abgezeichnet. Die gewaltige Unsicherheit, wie es mit dem Verbrennungsmotor weitergeht, hat ihr Übriges getan. Schon im November hatte die Opec in ihrer Prognose vor dem Überangebot gewarnt. Noch immer fließen bis zu 40 Prozent der weltweiten Ölproduktion in die Mobilität. Durch die Immobilität von derzeit drei Milliarden Menschen in der Coronakrise haben wir eine Ausnahmesituation, die das Überangebot extrem verschärft hat.
Zum ersten Mal haben Saudi-Arabien und Russland mithilfe der USA eine Förderkürzung vereinbart. Ist damit ein neues Trio entstanden, das künftig den globalen Ölmarkt bestimmen wird?
Allianzen funktionieren so lange, wie sich die Interessen der Beteiligten decken. In der Coronakrise sehen wir derzeit eine Interessendeckung von Saudi-Arabien, Russland und den USA – trotz der unterschiedlichen Kosten für die Ölförderung.
Selbst Trump sprach von einem „großartigen Deal für alle“…
…die mit Krediten finanzierte Fracking-Industrie hatte bereits vor der Coronakrise ihre Probleme mit den sinkenden Preisen und geringeren Margen. Deshalb ist es logisch, dass die USA an einer Produktionskürzung ein starkes Interesse haben.
Wie stabil ist das neue Öl-Trio?
Wie lange die Interessenkongruenz des neuen Öl-Trios anhalten wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt unwägbar.
Wird nun die lange ersehnte Preisstabilisierung eintreten?
Ich würde nicht ausschließen, dass es bis zu einer Stabilisierung der Ölpreise noch zu gewissen Verwerfungen kommt. Auch 2014 gingen die Preise trotz großer geopolitischer Konflikte, wie den Kriegen in der Ukraine und in Syrien, und Förderkürzungen der Opec, in den Keller, bevor sie sich auf stabilem Niveau einpendelten. Eine mittel- oder langfristige Erholung schließe ich daher grundsätzlich nicht aus. Derzeit befinden wir uns aber mit der weltweiten Pandemie in einer Sondersituation, deren Dimension noch offen ist.
Was muss passieren, damit sich die Situation beruhigt?
Eines ist klar: Wir haben auf dem Ölmarkt ein riesiges Nachfrageproblem. Nicht die Verknappung des Angebots ist das Problem für die Ölförderländer und Ölproduzenten, sondern das wachsende Überangebot. Es gilt gerade jetzt die Erkenntnis des früheren saudischen Ölministers Zaki Yamani, der sagte: Die Steinzeit endete nicht damit, dass es nicht mehr genügend Steine gab. Und das Ölzeitalter wird auch nicht enden, weil es nicht mehr genügend Erdölreserven auf der Welt gibt.
Ist vor allem Russland zu verdanken, dass die Opec plus nach dem Zerwürfnis gerettet wurde?
Das Abkommen ist ein Ergebnis von multilateralen Verhandlungen, wie man es sich gerade in der Coronakrise wünscht. Die Entscheidung kann daher nicht auf einen Akteur begrenzt werden. Russland hat aber eine maßgebliche Rolle gespielt, dass dieses Abkommen nicht nur innerhalb des Formats der Opec plus, sondern auch der G20 beschlossen wurde.