Kommentar: Deutschland braucht eine nachvollziehbare Impfstrategie
Wenn die ersten Impfstoffe im nächsten Jahr auf dem Markt zugelassen werden, müssen viele Fragen beantwortet werden.
Foto: ReutersDie Aufregung ist mancherorts groß, denn der aktuelle Grippeimpfstoff ist in einigen Arztpraxen nicht verfügbar. In diesem Corona-Herbst wollen sich viel mehr Menschen impfen lassen als in den Vorjahren. Neue Dosen wurden zwar vorbestellt, es ist jedoch unklar, ob diese ausreichen.
Wie soll die Versorgung denn funktionieren, wenn ab nächstem Jahr hoffentlich die lang erwarteten SARS-Cov-2-Impfstoffe auf den Markt kommen? Sie werden natürlich nicht sofort für die mehr als 80 Millionen Menschen in Deutschland zur Verfügung stehen, auch nicht für die rund 60 Millionen Menschen, die man impfen müsste, um eine Herdenimmunität zu erreichen.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage der Priorisierung. Erste Pläne gibt es bereits: So sollen das medizinische Personal und Risikopatienten zuerst berücksichtigt werden. Aber wenn dies geschehen ist, müssen weitere Entscheidungen getroffen werden: Es muss zum Beispiel geklärt werden, welche Bevölkerungs- und Erwerbsgruppen geimpft werden sollen, damit das ökonomische, politische und soziale System aufrechterhalten werden kann.
Mehrstufige Strategie notwendig
Noch ist kein Impfstoff zugelassen. Und es ist auch noch unklar, wie gut die dann zugelassenen Impfstoffe auch tatsächlich gegen das Coronavirus schützen. Aber schon jetzt ist abzusehen, dass die bevorstehende Verteilung gut vorbereitet und durchdekliniert werden muss, damit diese große Herausforderung gemeistert werden kann.
Eine mehrstufige Impfstrategie muss entwickelt und für die Bürger nachvollziehbar erklärt werden – damit sie nicht den Ärzten die Praxen einrennen oder protestierend durch die Städte ziehen, weil sie auf eine Impfung warten müssen.
Voraussetzungen können schon jetzt geschaffen werden, auch ganz praktisch, indem etwa die Möglichkeiten für die Einrichtung elektronischer Warteregister bei den Gesundheitsämtern getroffen werden. Und auch über den Aufbau öffentlicher Impfstationen sollte nachgedacht werden.
Jenseits aller Vorbereitungen für die Impfwilligen darf allerdings auch eine andere ganz zentrale Frage nicht unbeantwortet bleiben: Wie geht man mit Menschen um, die sich nicht impfen lassen wollen und bei denen es weniger darum geht, dass sie selbst durch die Impfung geschützt werden, sondern eher darum, durch die Impfung das Risiko für Dritte zu verringern? Als Beispiele seien Erzieher oder Menschen in pflegenden Berufen genannt. Die Diskussion um Rechte und Pflichten der Bürger in der Pandemie ist noch lange nicht beendet.