Untersuchungsausschuss: Fall Wirecard: Neue Dokumente bringen Prüferaufsicht Apas in Erklärungsnot
In dem Bilanzskandal um den ehemaligen Dax-Konzern gerät nun auch die Wirtschaftsprüfer-Aufsicht Apas unter Druck – durch ein Telefonat.
Foto: dpaDüsseldorf, Berlin. Ins Paul-Löbe-Haus des Bundetags, direkt gegenüber vom Kanzleramt, ist am morgigen Donnerstag die Führungsspitze einer bis vor Kurzem noch weitgehend unbekannten deutschen Behörde geladen: Vertreter der Wirtschaftsprüfer-Aufsicht Apas werden im Wirecard-Untersuchungsausschuss aussagen.
Eigentlich sind sie als Zeugen geladen. Tatsächlich stehen sie aber zunehmend selbst in der Kritik – und geraten nach Informationen des Handelsblatts durch neue Dokumente in die Defensive.
Es geht um die Verantwortung einer staatlichen Stelle, die den Wirtschaftsprüfern in Deutschland auf die Finger schauen und Verstöße gegen ihre Pflichten beim Bilanztestat aufdecken soll. „Wir werden die Apas eingehend befragen“, unterstreicht Florian Toncar, Obmann der FDP im Ausschusses. Andere Abgeordnete gehen weiter: Sie wollen der Behörde nachweisen, dass sie ähnlich wie die Finanzaufsicht Bafin viel zu zögerlich und lasch reagiert hat – und ihr damit eine Mitverantwortung für den Bilanzskandal um Wirecard geben.
Dabei geht es um ein Ereignis, dass schon länger Fragen zur Rolle der Aufsicht und zu den Prüfungshandlungen von EY bei Wirecard aufwirft. Es ist ein Telefongespräch zwischen EY und der Apas-Führung im Februar 2019. Die Abschlussprüfer hatten sich bei der Aufsicht gemeldet, um über einen Betrugsverdacht bei der Wirecard-Tochter in Singapur zu berichten – und über die Prüfungsschritte, die sie einleiten wollen.
Dabei stehen für die Apas kritische Fragen im Raum: Hätte die Apas nach dem Gespräch nicht Alarm schlagen müssen? Hätte die Behörde nicht selbst in eine vertiefte Prüfung des Falls Wirecard einsteigen und andere Behörden wie die Bafin alarmieren müssen?
Tatsächlich passierte danach aber fast nichts. „Die Apas hat danach festgehalten, dass EY alles unter Kontrolle hat. Damit wird dokumentiert, dass sich EY von Wirecard mit hinhaltenden Infos hat abspeisen lassen und die Apas das offenbar als ein angemessenes Vorhaben bewertet“, heißt es in Kreisen des Untersuchungssauschusses. Konsequenzen seien damals keine erfolgt.
Die Prüferaufsicht hat im Anschluss an das Gespräch jedenfalls keine Untersuchung vorgenommen und auch keine Meldung an andere Behörden wie etwa die Bafin oder die Bilanzpolizei DPR abgegeben. Die Apas sah dazu keinen Anlass und verweist auf ihre Aufgabe: Sie habe zu diesem Zeitpunkt keine Verletzung der Berufspflichten der EY-Abschlussprüfer erkennen können, heißt es in einer Stellungnahme.
Dem Handelsblatt liegen handschriftliche Notizen eines Teilnehmers des Telefongesprächs vor. Vonseiten EYs nahmen Deutschlandchef Hubert Barth und der Qualitätsverantwortliche Christian Orth daran teil, von der Apas der Leiter Ralf Bose sowie drei weitere Vertreter.
EY legte demzufolge dar, dass Wirecard „Zugriff auf alle relevanten Unterlagen“ zugesichert habe und die Gesellschaft eine eigene forensische Prüfung der Betrugsvorwürfe in Singapur anstrebe, die kurz zuvor in einem Bericht der „Financial Times“ erhoben wurden.
Noch am Tag zuvor, am 12. Februar, habe es ein Treffen mit Wirecard-Chef Markus Braun gegeben. „Bislang hat EY keine Anhaltspunkte, dass Wirecard die Vorwürfe nicht ernst genug nimmt und nicht mit ausreichender Intensität untersucht“, heißt es in der Mitschrift weiter.
Die Abschlussprüfer von EY wiesen Ende April 2019 in ihrem Prüfungsbericht dann auf die in Medien erhobenen Betrugsvorwürfe gegen Wirecard-Singapur hin, gaben aber ein uneingeschränktes Testat für die Bilanz 2018. Laut Branchenkreisen sei dies geschehen, weil man zum Zeitpunkt des Testats keine rechtskräftig belastbaren Beweise gegen Wirecard vorzuweisen hatte.
Die Führungsspitze der Prüferaufsicht Apas wird am morgigen Donnerstag im Bundestags-Untersuchungsausschuss zu Wirecard befragt.
Foto: dpaMit Blick auf die Apas stellt sich nun die spannende Frage, ob sich die Behörde im Anschluss an den Austausch mit EY rechtskonform verhalten hat. Die Antwort darauf ist komplex – vor allem, weil sie einen Blick in die unklaren Zuständigkeiten im gesamten Aufsichtssystem über die Rechnungslegung und Abschlussprüfung in Deutschland offenlegt.
Die Apas ist als Abteilung dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle in Eschborn zugeordnet, das wiederum dem Bundewirtschaftsministerium unterstellt ist. Allerdings hat das Ministerium keinen fachlichen Zugriff auf die Abschlussprüfer-Aufsicht: Die Apas ist in der Sache nicht weisungsgebunden. Für viele in der Branche gilt sie als „Blackbox“, von deren Tätigkeit wenig nach außen dringt.
Jedes Jahr überprüft die Apas ohne Anlass die Qualität vieler Abschlussprüfungen bei börsennotierten Unternehmen. Anlassbezogene Untersuchungen wie jetzt im Fall Wirecard sind sehr selten. Dort hat die Apas gegen EY im Herbst 2019 Vorermittlungen aufgenommen, nachdem die „Financial Times“ erneut über Unregelmäßigkeiten bei Wirecard berichtete.
Ex-EY-Partner und heutiger Deutsche-Bank-Mitarbeiter lässt Aufgabe ruhen
Laut Informationen von Insidern soll es damals aber bei telefonischen Nachfragen geblieben sein. Erst im Mai 2020 startete die Apas ein ordentliches Aufsichtsverfahren gegen die beiden zuständigen EY-Mitarbeiter und zwar auf Basis des Sonderprüfungsberichts von KPMG über Wirecards katastrophale Rechnungslegung.
Erste Ergebnisse hat die Apas Ende September an die Staatsanwaltschaft übergeben – mit dem Verdacht auf strafrechtlich relevantes Fehlverhalten von EY beim Wirecard-Testat. Vorige Woche nahm die Staatsanwaltschaft „ergebnisoffene Ermittlungen“ auf.
EY wehrt sich gegen die Vorwürfe und kritisiert die Apas. Die Firma sieht ihre Stellungnahmen zu den Fragen der Behörde unzureichend berücksichtigt. In Branchenkreisen heißt es, in dem Schreiben der Apas würden „Sachverhalte aus dem Kontext gerissen und mit dem Kenntnisstand von heute bis zurück ins Jahr 2015 bewertet“.
In Teilen der Prüferbranche wird der Vorstoß der Apas mit Vorsicht bewertet. Dort wird ihr vorgeworfen, nicht neutral zu agieren und Teil einer Verteidigungsstrategie zu sein.
Das zielt in Richtung der Bundesregierung, der wiederum vorgeworfen wird, im Fall Wirecard zu sehr auf die Rolle der Prüfer abzuzielen und vom Versagen staatlicher Stellen ablenken zu wollen – beispielsweise dem der Finanzaufsicht Bafin oder auch der Apas.
Keine dieser Behörden ist bisher von der Bunderegierung offiziell zu jener Stelle gemacht worden, an die sich Wirtschaftsprüfer bei Verdacht gegen Mandanten wenden können. Dabei hätte die Regierung nach Ansicht der Wirtschaftsprüferkammer entsprechend einer EU-Verordnung schon 2016 eine konkret zuständige Behörde benennen müssen.
In diesem diffusen Rechtsraum sind Verantwortungen schwer greifbar. Die Apas verweist auf ihren Auftrag, der nicht das Aufdecken von Fehlern in der Rechnungslegung abdeckt, sondern nur die Überwachung der Prüferarbeit. Auch aus Sicht der Bundesregierung ist die Aufsichtsbehörde nicht die richtige Adresse für das Melden von Bilanzierungsfehlern.
Wirtschaftsministerium versucht, die Apas aus der Schusslinie zu bringen
Das unterstreicht die Regierung in einem Antwortschreiben an FDP-Bundestagsabgeordnete vom 13. November, das dem Handelsblatt vorliegt. Sie nennt als alternative Meldestelle beispielsweise die Staatsanwaltschaft. Wirtschaftsprüfer sind aber selbst den Ermittlern gegenüber zur Verschwiegenheit verpflichtet.
Allerdings: Wenn die Apas vertrauliche Informationen bekommt, die für andere Stellen wie die Bafin oder die Bilanzpolizei DPR wichtig sind, muss sie diese laut der Prüferverordnung weiterleiten. „Solche Informationen wurden nach der Beurteilung der Apas aus dem Gespräch mit dem Abschlussprüfer am 13. Februar 2019 nicht gewonnen“, argumentiert die Bundesregierung in dem Schreiben an die FDP-Fraktion.
Das Bundeswirtschaftsministerium versucht, die Apas aus der Schusslinie zu bringen. Mehrfach unterstreicht sie auch in internen Schriftverkehren, dass es sich bei dem Telefonat nicht um eine Warnmeldung von EY entsprechend EU-Recht handelt. Darauf hätte auch EY in dem Gespräch selbst hingewiesen.
Im Untersuchungsausschuss soll am Donnerstag nicht nur diese Bewertung noch einmal neu aufgerollt werden. Den Abgeordneten geht es auch um die Frage, warum die Apas nicht schon in früheren Routine-Inspektionen die EY-Abschlussprüferarbeit bei Wirecard genauer unter die Lupe genommen hat. Es wird auch um die Rolle des Bundeswirtschaftsministeriums gehen. Die beiden zuständigen Referatsleiterinnen aus dem Wirtschaftsministerium werden am Donnerstag ebenfalls gehört.