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NichtraucherheldenStuttgarter Gründer bekämpfen den Glimmstängel per App

Wer das Rauchen aufgeben will, muss seine Gewohnheiten ändern. Vier Gründer wollen das möglich machen – mit einer App.Lukas Hoffmann 25.06.2021 - 18:27 Uhr Artikel anhören

Falk Müller, Janine Mast, Andy Bosch, Alexander Rupp (von links nach rechts)

Foto: Privat

Gruselige Bilder von Fußamputationen oder Raucherlungen auf Zigarettenpackungen erfüllen nicht ihren Zweck. Der Tabakkonsum in Deutschland hat sich in der Corona-Pandemie sogar gesteigert. Die Gründer des Stuttgarter Start-ups Nichtraucherhelden wollen das ändern. Sie haben eine App zur Rauchentwöhnung entwickelt. Nun wird die App als digitale Gesundheitsanwendung (DiGa) vorläufig gelistet.

Raucher, die zu Nichtrauchern werden wollen, können sich in der App Motivationsvideos anschauen oder in einer Statistik ansehen, wie viel Geld sie dank der rauchfreien Tage eingespart haben. Software-Entwickler und Mitgründer Andy Bosch sagt: „In der DiGa fragen wir das Befinden und persönliche Schwierigkeiten des Teilnehmers täglich ab, das Programm wird daraufhin automatisch angepasst.“ Ein Arzt kann die Nichtraucherhelden-App für 90 Tage zu einem Preis von 239 Euro verschreiben. Die Folgeverordnung kostet 99 Euro.

Zur Prävention wird die App bereits von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet. Ähnlich wie bei DiGa gibt es auch bei Präventions-Apps die Möglichkeit einer Kostenübernahme, wenn sie von der Zentralen Prüfstelle Prävention (ZPP) genehmigt wird. Damit die App auch als DiGa anerkannt wird, haben die Entwickler sie thematisch erweitert.

DiGa-Hersteller Nummer 13

Andy Bosch sieht Vorteile beim Weg über das BfArM: „Beim Präventionsprogramm muss der Teilnehmer erst selbst bezahlen und die Kosten dann einreichen.“ Je nach Krankenkasse würden in der Regel 80 bis 100 Prozent der Kosten erstattet. Bei der DiGa übernimmt die Kasse alle Kosten, und der Nutzer muss kein Geld vorstrecken.

Allerdings sei die Listung beim BfArM aufwendig gewesen. Nachdem die Bundesbehörde bei einem ersten Antrag viele Rückfragen gehabt hätte, zogen Bosch und sein Team den Antrag vorläufig zurück und stellten in diesem Jahr einen neuen. „Wir haben den Aufwand der Zertifizierung kolossal unterschätzt“, sagt Bosch. Mit den erforderlichen Änderungen rund um den Antragsprozess habe die Entwicklung eineinhalb Jahre gedauert.

Die Stuttgarter werden Hersteller Nummer 13 im BfArM-Register sein. Von zwölf Herstellern sind derzeit 17 DiGa gelistet. Schon vor der Entwicklung der Nichtraucherhelden-App hat Bosch mit der Ernährungsmedizinerin Janine Mast und dem Sportwissenschaftler Falk Müller verschiedene Geschäftsideen verwirklicht – erfolglos, wie er gesteht. Mit dem Lungenfacharzt Alexander Rupp haben sie sich dann medizinische Expertise dazu geholt und im Jahr 2017 zu viert die Nichtraucherhelden gegründet.

Rund 74 Milliarden verkaufte Zigaretten 2020 in Deutschland

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) befürwortet Rauchentwöhnungs-Apps. In der aktuellen S3-Leitlinie zum Thema Rauchen werde für „qualitätsorientierte mobile Selbsthilfeprogramme“ eine starke Empfehlung ausgesprochen, teilt die BZgA mit. Ob eine App in der für Raucher angebotenen Telefonberatung der BZgA empfohlen wird, hängt davon ab, ob es für ihre „Wirkung wissenschaftliche Nachweise gibt“.

Auch Felix Herth, medizinischer Geschäftsführer der Thoraxklinik Heidelberg, würde einem Lungenpatienten zur Nutzung raten. Voraussetzung sei ein ausführliches Beratungsgespräch im Vorfeld. „Der Patient und der Arzt müssen gemeinsam zum Entschluss kommen, dass die App das passende Hilfsmittel ist“, sagt Herth. Lungenkrebs ist eine häufige Folge des Rauchens. An der Heidelberger Thoraxklinik werden deutschlandweit die meisten Patienten mit Lungenkrebs behandelt.

Jan Mücke (FDP) ist Sprecher des Deutschen Zigarettenverbands und vertritt die Interessen großer Tabakkonzerne wie British American Tobacco und Reemtsma. Er wünscht den Gründern zwar viel Glück, glaubt aber nicht an die Geschäftsidee. „Es wäre nicht die erste App, die es in diesem Zusammenhang gibt“, sagt er. Den dahinterliegenden Gedanken – Menschen vom Rauchen wegzubringen – hält er für lebensfern. Besser wäre es, technische Systeme wie die E-Zigarette zu fördern, die Gesundheitsrisiken reduzieren.

Trotz der schlechter werdenden Reputation des Rauchens in der Gesellschaft haben Tabakhersteller stabile Umsätze. Der Absatz von Zigaretten ging im Jahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr zwar leicht zurück, dafür wurde mehr Feinschnitt-Tabak zum Selberdrehen oder Selberstopfen verkauft. Rund 14,6 Milliarden Euro Tabaksteuer wurden im Jahr 2020 erhoben, im Vorjahr waren es 14,2 Milliarden Euro. Die Kosten, die durch tabakbedingte Krankheiten und Todesfälle entstehen, werden von der Deutschen Krebshilfe auf rund 93 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

In Stuttgart kalkulieren die Nichtraucherhelden mit kleineren Zahlen. Bislang ist das Start-up mit zwölf Angestellten noch eigenfinanziert. „Eine Finanzierungsrunde ist nicht geplant“, sagt Bosch. „Wir sind jetzt erst einmal gespannt, wie sich der DiGa-Absatz entwickelt.“

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