Niall Ferguson im Interview: Finanzhistoriker über Corona: „Die wirtschaftlichen Folgen gleichen denen eines Weltkrieges“
Der Historiker stürzt sich gern in politische Debatten.
Foto: dpaBerlin . Es ist das erste Mal seit Ausbruch der Pandemie, dass Niall Ferguson wieder nach Europa gereist ist. Den Großteil der vergangenen 18 Monate hat der 57-jährige Finanzhistoriker mit seiner Familie in seinem Haus in der Einsamkeit des US-Bundesstaats Montana verbracht. Mitgebracht hat er sein neues Buch „Doom“, in dem der Finanzhistoriker versucht, der aktuellen und den vorherigen Katastrophen der Menschheitsgeschichte auf den Grund zu gehen.
Ferguson hat in jungen Jahren einen Teil seines Studiums in Deutschland verbracht, spricht fließend Deutsch und kennt Land und Leute gut. Deutschland verharre aus seiner Sicht politisch seit 16 Jahren im Status quo. „Die Zeit scheint hier stillzustehen“, sagt Ferguson und verweist auf die langweiligen Wahlplakate. Dass sich am politischen Stillstand nach der Bundestagswahl etwas ändern wird, glaubt der Schotte nicht.
Kritisch sieht der Historiker auch die Rolle Europas in der Welt. „Für die Europäer geht es nicht um strategische Souveränität, sondern um strategische Irrelevanz.“ Sorge bereitet ihm, dass China den Schwächeanfall Amerikas in Afghanistan nutzen könnte, um sich Taiwan einzuverleiben. Aus dem neuen kalten Krieg, der nach Ferguson zwischen den beiden Großmächten seit Jahren tobt, könnte so schnell ein heißer Konflikt werden. Totalitäre Regime wie in China gehören nach Meinung des in Stanford lehrenden Wissenschaftlers ohnehin zu den größten globalen Risiken. Sie seien auch gefährlicher als der Klimawandel und die aktuelle Pandemie.