Vordenker 2021: Gesundheitsökonom Simon Reif: „Geld ist nie das Ziel, sondern Mittel zum Zweck“
„Die Verhaltensökonomie liefert wichtige Erkenntnisse – etwa darüber, wie Anreize für eine höhere Impfquote gesetzt werden können.“
Foto: HandelsblattEigentlich hätte Simon Reif im vergangenen Jahr an der kalifornischen Eliteuni Standford geforscht. Die Corona-Pandemie durchkreuzte den Plan. Also legte der promovierte Gesundheitsökonom eine akademische Pause ein und heuerte bei der Digital-Health-Beratung dmac in Bamberg an. Als „etwas wild“ bezeichnet er den Einstieg in Pandemiezeiten: „Das gesamte Onboarding fand online statt – das Offboarding ebenfalls.“ Nach neun Monaten wechselte er zurück in die Wissenschaft zu seinem neuen Job am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). In Mannheim leitet Reif seit Anfang des Jahres die neue Projektgruppe „Gesundheitsmärkte und Gesundheitspolitik“. „Unfassbar spannend“ nennt er sein Forschungsfeld: „Wir können das Gesundheitssystem wirklich besser machen.“
Zwei Schwerpunkte hat seine Projektgruppe: Design von Vergütungssystemen und die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Der Start lief auch in Mannheim im virtuellen Raum. „Es hat mir noch einmal verdeutlicht, wie wichtig Kommunikation ist“, sagt Reif. „Slack und Mail alleine reichen nicht.“ Die Woche startet mit einem fünfzehnminütigen Team-Call am Montagmorgen. „Wir reden über das Wochenende, damit man weiß, wie es den anderen geht.“ Fünf bis sechs Fachleute soll die Projektgruppe bis Ende des Jahres umfassen – Reif will sie auch international als Impulsgeber für den Gesundheitssektor etablieren.
Gefragt ist Gesundheitsexpertise in Corona-Zeiten besonders stark – bei der Beratung der Politik oder der Erforschung von Impfstrategien. „Die Verhaltensökonomie liefert wichtige Erkenntnisse – etwa darüber, wie Anreize für eine höhere Impfquote gesetzt werden können“, sagt Reif. Oder welche Anreize verpuffen. Impflotterien beispielsweise hätten in den USA keine Wirkung gezeigt. „Nicht-Impfen ist irrational, Lotteriespielen ist es auch“, erläutert Reif. „Dennoch hat es nicht zusammengepasst.“ Dabei betrachtet Reif den Forschungssektor durchaus kritisch: „Nicht alle Vorschläge, die wir beispielsweise in der Pandemie gehört haben, sind auch gut.“ Das sei aber völlig normal – „nur, jetzt bekommen alle mit, wie der Diskurs funktioniert“. Reif wünscht sich mehr Bewusstsein dafür, „dass sich Wissenschaft weiterentwickelt und dass sich Erkenntnisse ändern“: „Wir müssen mehr Aufklärung betreiben.“
Jüngst hat Reif eine ZEW-Kurzexpertise zur „Vorsorgelücke während der Coronavirus-Pandemie“ veröffentlicht. Mithilfe der Auswertung von Daten aus Google Trends konnte er zeigen, dass viele Menschen Vorsorgeuntersuchungen aus Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus ausgesetzt haben. Er empfiehlt Maßnahmen, um die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, wieder zu den Untersuchungen zu gehen.
Lesen Sie hier das komplette Interview:
Herr Reif, wissen Sie noch, was Sie werden wollten, als Sie klein waren?
Pilot. Heute bin der Lufthansa allerdings sehr dankbar, dass sie mich in der letzten Runde doch nicht in ihr Trainee-Programm aufgenommen hat. Ich könnte mir heute nicht mehr vorstellen, als Pilot zu arbeiten.
Woran messen Sie Ihren Erfolg? Spielt Geld eine Rolle oder gibt es andere Faktoren?
Für ein Forschungsinstitut ist Geld nie das Ziel, sondern immer Mittel zum Zweck. Das gilt natürlich auch für die Projektgruppe „Gesundheitsmärkte und Gesundheitspolitik“, die ich seit Anfang 2021 leite. Unsere Arbeit muss mindestens eines von drei Zielen erfüllen: Erstens den wissenschaftlichen Diskurs voranbringen, zweitens eine wissenschaftliche Basis für politische Entscheidungen liefern oder drittens die Menschen für wissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse sensibilisieren. Idealerweise schaffen wir alle drei Anforderungen in einem Projekt. Ich bin optimistisch, dass wir 2022 mit dem neuen Team von fünf bis sechs Leuten in diesem Sinn etwas bewegen können.
Gibt es Charakterzüge, die für eine Führungsperson unabdingbar sind?
Wahrscheinlich ja. Ich habe viele verschiedene Führungspersonen kennen gelernt, die alle auf ihre eigene Art agiert haben. Mein eigener Führungsstil ist derzeit noch intuitiv.
Bitte ergänzen Sie den Satz: In Konfliktsituationen bin ich …?
… sehr selten. Ich arbeite in einem Umfeld, in dem man jobbedingt rational mit unterschiedlichen Meinungen umgeht.
Was waren Ihre wichtigsten drei (Arbeits-)Ergebnisse der letzten drei Jahre?
Ein spannendes Forschungsergebnis war, dass das Krankenhausabrechnungssystem in Deutschland zwar starke Anreize zur Manipulation von Patientencharakteristika setzt. In diesem Fall ging es um die Angabe zum Geburtsgewicht von Neugeborenen. Dieses entscheidet über das bereitgestellte Budget. Doch in der Praxis wird erstaunlich wenig geschummelt, zeigt die Untersuchung. Persönlich war für mich der erfolgreiche Start meiner Projektgruppe am ZEW Mannheim sehr spannend. Einige der Vorschläge, die wir im Rahmen der derzeit stockenden Corona-Impfkampagne in verschiedenen Medien gemacht haben, sind inzwischen umgesetzt, zum Beispiel das Einführen kostenpflichtiger Tests für Restaurantbesuche. Auch wenn die Kausalität hier natürlich nicht 1:1 nachweisebar ist, so ist das doch schön zu sehen, dass vernünftige Vorschläge in der Politik ankommen.
In den nächsten drei Jahren: Was wollen Sie lernen, das Sie heute noch nicht können?
Cello spielen. Ich spiele bislang nur etwas Bass. Und idealerweise werden auch meine Projektmanagement-Skills noch einen Tick besser.
Was ist Ihr langfristiges Ziel beziehungsweise Ihre Vision?
Ich hoffe, dass die Forschungsdateninfrastruktur in einigen Jahren so weit ist, dass wissenschaftliche Arbeiten auch über die Gesundheitssektorengrenzen hinweg für alle Forscherinnen und Forscher replizierbar möglich sind. Die Erkenntnisse hieraus können entscheidende Bausteine für eine bessere Gesundheitsversorgung in Deutschland liefern. So können wir lernen, welche Behandlungsformen und -methoden langfristig den meisten Nutzen bringen. Dass derzeit die Routinedaten aus der Krankenversorgung, aber auch Ergebnisse von zum Beispiel Evaluationsstudien von neuen Digital-Health-Innovationen kaum zugänglich sind, ist eigentlich ein untragbarer Zustand. Persönlich ist mein Ziel natürlich auch, unsere Forschungsgruppe aus der Projektphase hinaus zu entwickeln und als festen Bestandteil in der deutschen und auch der internationalen Community zu etablieren. Die Themen, an denen wir arbeiten – etwa digitale Gesundheit – sind wahnsinnig wichtig.
Wenn ich mich bei Ihren Freunden erkundigen würde: Welche alternativen Karriereoptionen würden die für Sie vorschlagen?
Geschäftsführer einer wenig erfolgreichen Galerie für moderne Kunst. Mit Freunden veranstalte ich gelegentlich selber kleine Ausstellungen.
Herr Reif, vielen Dank für das Interview.