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WirtschaftsprüferNach dem Wirecard-Skandal: „Big Four“ investieren Milliarden in digitale Prüfungstechnik

PwC, KPMG, Deloitte und EY wollen mit Künstlicher Intelligenz und Datenanalyse die Abschlussprüfung sicherer gestalten – und Unregelmäßigkeiten schneller aufdecken.Bert Fröndhoff 26.01.2022 - 11:42 Uhr Artikel anhören

Price Waterhouse Coopers, Deloitte, KPMG and Ernst & Young müssen immer größere Datenmengen bewältigen.

Foto: Reuters

Düsseldorf. Sind Roboter die besseren Wirtschaftsprüfer? Diese provokante Frage beantworten die Chefs der großen Prüfungsgesellschaften zwar noch mit einem „Nein“. Doch längst arbeiten PwC, KPMG, EY und Deloitte intensiv an der nächsten Revolution in der Prüfung von Bilanzen.

Künstliche Intelligenz, Softwareroboter und großflächige Datenanalyse sollen die Prüfung schneller, besser und sicherer machen. Die vier weltweit führenden Dienstleister werden allein in diesem Jahr rund fünf Milliarden Dollar in neue Digitaltechnologien für die Abschlussprüfung investieren. Das ergab eine Umfrage des Handelsblatts unter den „Big Four“ der Wirtschaftsprüfung.

An dem Einsatz derartiger neue Technologien arbeiten Prüfungsgesellschaften schon seit mehreren Jahren. Doch jetzt bekommt die Digitalisierung noch mal Schwung. Die Dienstleister reagieren mit den Investitionen auf die wachsenden Datenmengen, die bei den Kundenunternehmen entstehen – aber auch auf Forderungen nach mehr Qualität und Sicherheit nach dem Fall Wirecard.

Seit dem Skandal blickt die Öffentlichkeit kritisch auf die die Arbeit von Wirtschaftsprüfern. EY werden als langjährigem Abschlussprüfer des insolventen Zahlungsdienstleisters schwere Fehler beim Testat der Bilanzen vorgeworfen. Das hat der Firma einen großen Imageverlust und eine Klagewelle von Wirecard-Geschädigten eingebracht.

Die Vorkommnisse bei Wirecard wollen die drei großen Konkurrenten von EY nicht kommentieren. Sie sehen die Investitionen in die Digitalprüfung auch nicht als direkte Reaktion auf den Skandal. Doch sie wissen: Der Betrugsskandal hat auf die ganze Branche abgefärbt. Die Prüfer müssen insgesamt Vertrauen zurückgewinnen.

Die Investitionsoffensive soll dabei helfen. „Technologie wird die Abschlussprüfung sicherer und qualitätsvoller machen“, sagt Klaus Becker, Vorstandssprecher von KPMG. Bisher verlassen sich Prüfer auf selbst gewählte Stichproben, etwa um Unstimmigkeiten in der Rechnungslegung einer Firma zu entdecken. Jetzt soll Technologie die Prüfung kompletter Finanzdaten ermöglichen.

„Wir werden dabei Künstliche Intelligenz einsetzen. Die Systeme lernen dazu und werden immer besser“, sagt Becker. Allein das globale Netzwerk von KPMG wird mehr als eine Milliarde Dollar in die datengestützte Prüfung stecken.

Die „Big Four“ investieren zum einen in das Anwerben von Datenspezialisten und IT-erfahrenen Prüfern. Zum anderen fließt das Geld in die Entwicklung eigener Analysesysteme. An KI und Software arbeiten große interne Teams bei den Gesellschaften. Sie kooperieren zugleich mit externen Partnern: PwC etwa entwickelt gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut eigene digitale Prüfungstools.

Die milliardenschweren Prüfungskonzerne besitzen dafür die finanzielle Kraft – anders als die kleineren Konkurrenten. Die sind auf die am Markt verfügbaren Systeme angewiesen. Das Angebot wächst auch da rasant und wird vor allem von jungen Softwarefirmen und Start-ups getrieben.

Die zu prüfenden Datenmengen steigen „exponentiell“

„Mit den neuen Möglichkeiten können Auffälligkeiten in der Rechnungslegung von Unternehmen schneller und effektiver entdeckt werden“, prophezeit Kai-Uwe Marten, Professor für Wirtschaftsprüfung an der Universität Ulm und ausgewiesener Experte für die digitale Wirtschaftsprüfung. Die Technologie könnte sogar die vollständige Prüfung aller Daten eines Unternehmens ermöglichen und nicht nur die Stichproben.

„Der Druck durch den Wirecard-Skandal und höhere Anforderungen der Prüferaufsicht werden dazu führen, dass Abschlussprüfer die wachsenden Datenmengen stichfest analysieren müssen“, sagt Marten. Das werde auch von den Kunden-Unternehmen eingefordert. Die haben intern aufwendige Compliance-Systeme eingeführt, um Fehlverhalten von Mitarbeitern zu entdecken. „Da müssen sich auch die Instrumente der Prüfungsgesellschaften weiterentwickeln“, sagt der Experte.

Die Nummer zwei im deutschen Markt, EY, spricht von „exponentiell steigenden Datenmengen“ bei den Mandanten, mit denen die Prüfer jederzeit Schritt halten müssen. Das werde zu einem enormen Investitionsbedarf führen, teilte die Gesellschaft auf Anfrage mit.

Auf die Frage, ob mit Technologie ein neuer Skandal à la Wirecard verhindert werden könnte, wollte die EY-Führung nicht direkt eingehen. Nur so viel zur Marschrichtung: „Die Prüfer werden zukünftig verstärkt mit innovativen und laufend weiterentwickelten Datenanalyseverfahren Unternehmensdaten und Transaktionen durchleuchten und auf Unrichtigkeiten analysieren.“

Bei den zu prüfenden Unternehmen entstehen immer höhere Datenmengen, weil sie ihr internes Rechnungswesen selbst zunehmend digital betreiben. Einer aktuellen Studie von PwC zufolge richten bereits 60 Prozent der deutschen Unternehmen ihr Reporting digital aus. Eine ähnliche Untersuchung von KPMG zeigt, dass die Datenqualität und die Erfassung durch papierlose Belege bei den Kunden fortschreiten.

Das gilt auch für die von IT-Firmen und den Prüfungsgiganten entwickelten Lösungen. Software-Roboter sollen zunächst die einfachen, repetitiven Tätigkeiten übernehmen, etwa die Erfassung und den Abgleich von Belegen, was Prüfer heute selbst per Hand erledigen.

Komplexer wird es beim sogenannten Process Mining: Mithilfe dieser Datenanalyse soll etwa erkannt werden, wenn Mitarbeiter von fest definierten Standardprozessen im Unternehmen abweichen. Dies soll per Software lückenlos aufgedeckt und anschließend untersucht werden. Das könnten Schwachstellen in der internen Kontrolle erkennbar machen, heißt es bei Deloitte.

Künstliche Intelligenz kommt in der Prüfung erst nach und nach zum Einsatz. So hat die kanadische IT-Firma Mindbridge mit dem „Ai Auditor“ die nach eigenen Angaben weltweit erste KI-gestützte Plattform für Risikoerkennung und -bewertung betriebswirtschaftlicher Daten geschaffen.

Sicherheit erhöhen, Unstimmigkeiten und Risiken besser erkennen

Laut dem deutschen Vertriebspartner 5FSoftware aus München kann dieses System schneller als jeder Mensch unabsichtliche Fehlbuchungen, Manipulationsversuche und sogar komplexe Veruntreuungsversuche aufdecken.

Ganz am Anfang steht noch das sogenannte Textmining. Dabei geht es um IT-Systeme, die nichtfinanzielle Informationen – also etwa Verträge und andere Dokumente – lesen, abgleichen und auf Auffälligkeiten prüfen können. Dies wird in der Abschlussprüfung eine wachsende Bedeutung bekommen, weil die Prüfer etwa auch die Nachhaltigkeitsberichte der Firmen testieren müssen.

Diese nicht finanzielle Prüfung werde die Abschlussprüfung so tiefgreifend verändern wie die 2005 begonnene Umstellung auf die internationale Rechnungslegung, erwartet Dietmar Prümm, Leiter Audit Transformation bei PwC Deutschland: „PwC rüstet hierfür massiv in Prüfung und Beratung auf.“

Sicherheit erhöhen, Unstimmigkeiten und Risiken besser erkennen – das wird die neue Technologie aus Sicht von Branchenexperte leisten können. Christoph Schenk, Managing Partner bei Deloitte, erwartet, dass sie durchaus Hinweise für betrügerische Handlungen liefern kann. „KI und Datenanalyse werden aber Betrugsfälle wie Wirecard nicht hundertprozentig verhindern können, vor allem, wenn der Betrug vom Topmanagement ausgeht“, gibt sich BWL-Professor Marten überzeugt.

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Da bleiben die „menschlichen“ Abschlussprüfer gefragt. Mit neuen Analyse- und Diagnosetools an seiner Seite könne sich der Mensch „mit mehr Fokus die kritischen Punkte vornehmen, bei denen es um Auslegungsfragen geht und das Urteilsvermögen gefragt ist“, sagt Volker Krug, Deutschlandchef von Deloitte.

Die „Big Four“ erwarten, dass sie im Zuge der Digitalisierung nicht weniger Experten brauchen – aber welche mit anderen Fähigkeiten. So erklärt EY, neben Absolventen klassischer Studienfächer einen starken Fokus auf die Einstellung von Technology und Data Scientists zu legen.

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