Digitalwirtschaft: Flip: Die Arbeiter-App sammelt 30 Millionen Dollar ein
Von links nach rechts: Giacomo Kenner (Mitgründer, CPO), Ann Kathrin Stärkel (CMO), Benedikt Ilg (Gründer, CEO), Georg Renz (CFO)
Foto: FlipStuttgart. Das Stuttgarter Start-up Flip hat in einer Finanzierungsrunde über 30 Millionen US-Dollar eingesammelt. Damit will das Unternehmen laut eigener Mitteilung sein Wachstum beschleunigen und zunächst innerhalb Europas expandieren. „Wir freuen uns sehr über das entgegengebrachte Vertrauen unserer Investoren und sind stolz auf so namhafte Unterstützung“, sagte Gründer und CEO Benedikt Ilg dem Handelsblatt. Bislang hatte das 2018 gegründete Unternehmen erst eine Seed-Finanzierung von vier Millionen Dollar erhalten.
Flip entwickelt eine Kommunikationsplattform für Angestellte – nicht nur im Büro. Anders als bei großen US-Konkurrenten wie Microsoft Teams und Slack will Flip auch die Arbeiter am Band, hinter der Fast-Food-Theke oder im Supermarkt durch intuitiv benutzbare Programme in die Kommunikation einbinden. „Operativ Beschäftigte können nicht im Homeoffice arbeiten und an virtuellen Meetings teilnehmen“, sagt Ilg. „Das für mobil im Einsatz befindliche Menschen zu ändern ist unsere Mission und gibt unserem Unternehmen zusätzlichen Sinn.“ Die App des 29-jährigen Ex-Porsche-Managers beherrscht dabei auch fremde Sprachen.
An die Geschäftsidee glauben auch etablierte Topmanager wie der ehemalige Volkswagen-Chef und heutige Angel-Investor Matthias Müller. „Die Wettbewerbsfähigkeit von Industrie- und Handelsunternehmen ist maßgeblich abhängig von der Leistungsbereitschaft und -fähigkeit der operativen Beschäftigten“, sagt er. „Sie bestimmen in der Produktion die Effizienz, und im Handel sind sie der erste Kontaktpunkt des Kunden. Unternehmen tun deshalb gut daran, in die Vernetzung der Mitarbeitenden und die Unternehmenskultur zu investieren.“
Die Liste der Investoren ist lang und enthält einige prominente Namen: Institutionell beteiligen sich Cavalry Ventures, LEA Partners, der Berliner Fonds HV Capital und Notion Capital aus London. Als Business-Angels sind neben Matthias Müller auch Roland Berger, Kurt Lauk und der frühere BASF-Chef Jürgen Hambrecht an der Finanzierungsrunde beteiligt – dazu Fritz Österle, Ex-Vorstandschef des Pharmahändlers Celesio, sowie die Flixbus-Gründer Daniel Krauss und Jochen Engert.
Aktuelle Kunden von Flip sind unter anderem Porsche, Edeka, Rossmann, Magna, Mahle und die Baumarktkette Toom. „Es laufen permanent Gespräche mit sehr großen Konzernen“, sagt Ilg. Der Umsatz habe sich im vergangenen Jahr versechsfacht. Konkrete Umsatzzahlen nennt er nicht. „Wir könnten leicht Gewinn schreiben, aber wir investieren lieber in Wachstum.“
Flip verkürzt die Kommunikationswege
Ilgs Mitarbeiterzahl hat sich binnen zwei Jahren auf 100 verdreifacht. Mit der Finanzierungsrunde soll die Belegschaft bis Jahresende verdoppelt werden und in neue Büros in der Stuttgarter Innenstadt umziehen.
Die Flip-App verfügt über einen personalisierten Newsfeed, Einzel- und Gruppenchats sowie Zusatzfunktionen wie ein Aufgabenmanagement oder die Urlaubsplanung. Sie soll vollständig in die bestehende IT-Infrastruktur der Unternehmen integrierbar sein.
Die Investoren sehen erhebliche Einsparpotenziale durch verkürzte Kommunikationswege und erweiterte Feedbackmöglichkeiten in Unternehmen. So sagt Christian Saller vom Investor HV Capital: „Eine starke Vision und eine klare Produktstrategie: Flip konnte uns mit der Vision, alle Mitarbeitenden gleichermaßen zu vernetzen und zu verbinden, gepaart mit einer einfachen und technisch herausragenden Produktstrategie, überzeugen.“ HV Capital verfügt über ein Fondsvolumen von 1,7 Milliarden Euro (etwa 1,9 Milliarden Dollar) und hat sich bereits an rund 200 Unternehmen beteiligt.
Jos White vom Investor Notion Capital aus London, der insgesamt 700 Millionen Dollar verwaltet, fügt hinzu: „Es besteht ein riesiges Potenzial darin, diese Mitarbeitenden aktiv einzubinden. Wir freuen uns darauf, Flip bei der Expansion auf dem englischsprachigen Markt zu unterstützen.“