Aktienmärkte: Warum der Meta-Absturz die Tech-Schwergewichte kalt lässt
Düsseldorf. Sinkende Gewinne und ein schwächerer Ausblick haben die Aktie von Meta (früher Facebook) am Donnerstag um 26 Prozent einbrechen lassen. Damit erwischte es in diesem Jahr das erste Technologie-Schwergewicht. Doch auffällig ist, dass Anleger trotz der Hiobsbotschaft nicht panisch alle Technologieaktien verkauften.
Nach wie vor honorieren Anleger die unverändert starken Geschäfte vieler Tech-Schwergewichte. Auf der anderen Seite ist die Schonfrist für Konzerne vorbei, deren Kurse jahrelang stark gestiegen sind, die aber den Erwartungen der Anleger nicht gerecht werden. Ein Gewinnrückgang von knapp vier Prozent, wie ihn Analysten jetzt für Metas Gesamtjahr prognostizieren, passen nicht zu einem Kurssprung von fast 700 Prozent seit dem Börsengang im Mai 2012.
Es geht nämlich auch anders: Nur einen Tag vor Meta hatte ein Umsatz- und Gewinnsprung der Google-Mutter Alphabet zu einem neuerlichen Kurssprung von acht Prozent verholfen. Hier lag das Quartalsergebnis deutlich über den Erwartungen der Analysten.
Ganz ähnlich war es bei Apple: Rekordumsätze und ein um 20 Prozent auf 34,6 Milliarden Dollar gestiegener Quartalsnettogewinn, dazu übertroffene Analysten- und Anlegererwartungen, verhalfen dem iPhone-Hersteller zu einem neuerlichen Kursplus von drei Prozent.
Am besten spiegeln wohl Amazon und Microsoft die nervöse Verfassung des Marktes wider. Im Vorfeld der Quartalszahlen fiel die Amazon-Aktie am Donnerstag um acht Prozent. Anleger fürchteten beim weltgrößten Online-Händler ähnliches wie bei Facebook. Zumal die Amazon-Aktie nach dem Kursanstieg von gut 1.300 Prozent in den vergangenen zehn Jahren sehr hoch bewertet ist. Doch angesichts einer Gewinnverdopplung im Schlussquartal und eines starken Ausblicks, der weiteres Wachstum verheißt, schoss der Aktienkurs nachbörslich in der Nacht zum Freitag um 15 Prozent nach oben.
Microsoft lieferte seine Zahlen bereits vor einer Woche. Hier lagen die Umsätze und Gewinne über den Erwartungen der Analysten, der Nettogewinn sprang im Schlussquartal um 21 Prozent auf 18,8 Milliarden Dollar nach oben. Die Aktie verlor nachbörslich erst fünf Prozent, ehe sie tags darauf zu Börsenbeginn sieben Prozent zulegte, als Microsoft einen starken Ausblick auf das laufende Quartal nachgeschoben hatte. Anleger bekamen die Gewissheit: von Marktsättigung keine Spur!
>>> Lesen Sie hier mehr dazu: Der Einbruch der Meta-Aktie ist gerechtfertigt und überfällig, kommentiert Valley-Korrespondent Stephan Scheuer.
Wer liefert, wird belohnt, doch wer enttäuscht, wird abgestraft – auf diesen Nenner lassen sich die Reaktionen der Anleger zusammenfassen. Von einer Kollektivhaftung, in der die Börse bei enttäuschenden Quartalszahlen eines Schwergewichts gleich die gesamte Branche abstraft, so wie beim Börsenabsturz nach der Jahrtausendwende, ist nichts zu sehen. Ursache dafür sind gute Fundamentalzahlen bei etlichen Unternehmen.
Risiko Zinswende
Die heute hoch bewerteten Technologiekonzerne bilanzieren weltweit die höchsten Gewinne. Apple, Microsoft und der Google-Mutterkonzern Alphabet haben im abgelaufenen Jahr einen Nettogewinn von umgerechnet 205 Milliarden Euro eingefahren. Das sind 50 Prozent mehr als im vorangegangenen Geschäftsjahr – und es ist fast doppelt so viel, wie die 40 Dax-Konzerne zusammen verdienen.
Ob Rohstoffe, Industrie, Handel oder Konsum: In keiner Branche verdienen die Unternehmen so viel wie in der Technologie. Das macht die Branche als Ganzes robust. Doch anfällig für Kursausschläge, wie jetzt bei Facebook, bleiben die Unternehmen trotzdem.
Dafür gibt es zwei Gründe: erstens das sich verschlechternde Marktumfeld, zweitens rasant gestiegenen Kurse. Als wesentliche Ursache für die steigende Nervosität bei Technologieaktien gilt die Ankündigung der US-Notenbank, ihre Liquiditätszufuhr zu stoppen, also keine Anleihen mehr aufzukaufen, und anschließend die Zinsen mehrfach in diesem Jahr zu erhöhen. Dies dürfte die Kreditkosten für Unternehmen verteuern.
Betroffen sind vor allem Firmen, die ihre Erträge in die Zukunft investieren und dafür Fremdkapital in Form von Krediten oder Anleihen benötigen, die aber durch die höheren Zinsen künftig teurer werden. Das sind vor allem Wachstumsfirmen. In einer im Januar veröffentlichten Umfrage der Bank of America unter internationalen Fondsmanagern sahen 44 Prozent der Befragten Zinserhöhungen, die deutlicher als erwartet ausfallen, als das größte Risiko für die Märkte.
Die Fondsmanager, die insgesamt gut eine Billion Dollar Kundengelder verwalten, sind nach eigener Aussage so gering in Technologieaktien übergewichtet wie zuletzt inmitten der Finanzkrise im Dezember 2008. Auch das führt zu stärkeren Kursschwankungen – und häufiger als früher zu Einbrüchen.
Risiko Bewertungen
Diese wachsenden Sorgen treffen auf einen überhitzten Markt. Neben Facebook haben Amazon, Alphabet, Apple und Microsoft im vergangenen Jahr dafür gesorgt, dass die US-Technologiebörse Nasdaq um 25 Prozent gestiegen ist. Ohne diese fünf Schwergewichte hätte das Jahr im Minus geendet.
Die Folge davon ist, dass sich die Aktienbewertungen rapide erhöht haben. Die Unternehmen steigern ihre Gewinne nicht in demselben Maße, wie ihre Kurse zugelegt haben. Nach Einschätzung des Chefstrategen der Deutschen Bank, Ulrich Stephan, war die Rally des weltweit wichtigsten Börsenindexes, des amerikanischen S&P 500, zwischen Oktober und Dezember des vergangenen Jahres zu gut 80 Prozent auf die Ausweitung der Bewertung zurückzuführen.
Wegen der hohen Bewertungen ist der Markt nach Meinung des Chefstrategen des US-Vermögensverwalters PGI, Todd Jablonski, „sehr anfällig für Themen wie Margendruck bei Unternehmen oder Enttäuschungen bei den Fundamentaldaten“. Meta lieferte am Donnerstag den Beweis. Angesichts immer höherer Bewertungen steigt die Nervosität und mit ihr das Risiko größerer Kursschwankungen, sobald die Unternehmen nicht liefern.
Handelsblatt-Berechnungen zeigen: Wer auf die 100 Unternehmen an der Nasdaq setzt und Anteilsscheine etwa in Form eines ETFs erwirbt, bezahlt heruntergerechnet für die Aktien das 35-Fache des Jahresnettogewinns der Konzerne. Das sind gut 40 Prozent mehr als im langfristigen Durchschnitt.
Wachstum rechtfertigt Bewertungen
Microsoft wird mit dem 33-fachen Jahresnettogewinn bewertet, Amazon kommt sogar auf ein KGV von 60. Daran gemessen erscheint Facebook mit einem KGV von 21 fast günstig. Doch das große Problem sind voraussichtlich sinkende Konzerngewinne in diesem Jahr - und Anleger erkennen nicht, wie diese noch steigen können. Das rechtfertigt selbst diese Bewertung nicht. Facebook ist aus Sicht der Anleger kein Wachstumsunternehmen mehr.
Eine der größten Spekulationen ist Tesla mit einem KGV von 88 und einem Börsenwert von 805 Milliarden Euro. Der von Elon Musk geführte Elektroautohersteller ist höher bewertet als die nach Börsenwert neun folgenden Autohersteller zusammen. Doch Unternehmen wie Facebook, die plötzlich nicht mehr wachsen, oder Tesla, die ihre Wettbewerber ausschalten müssten, um die Bewertung zu rechtfertigen, sind die Ausnahme.
Nach Ansicht Peter Spijkmans, Stratege der Anlagegesellschaft Aegon Asset Management, ist die hohe Bewertung des Technologiesektors in seiner Gesamtheit betrachtet nicht irrational. Nach seinen Berechnungen sind die Unternehmensgewinne im Technologiesektor fast doppelt so schnell gewachsen wie die des Gesamtmarkts.
Der Trend zur verstärkten Nutzung und Übernahme von Technologie wurde durch die Pandemie noch beschleunigt. „Dies trägt dazu bei, die höhere Bewertung des Sektors zu rechtfertigen“, argumentiert Spijkman.