Kommentar: Die deutsche Autoindustrie braucht eine lokale Notreserve
Die Lieferketten in der Autoindustrie sind weiterhin fragil.
Foto: dpaAm Ende geht es in der Autoindustrie fast immer nur um den Preis. Qualitativ hochwertige Komponenten sollen so billig wie möglich sein. Bereits der Chipmangel hat gezeigt, wie falsch diese Strategie ist. Russlands Angriffskrieg in der Ukraine unterstreicht das nochmals deutlich.
Deutsche Autobauer von VW über BMW bis Mercedes müssen derzeit Teile ihrer Produktion unterbrechen, weil Kabelbäume aus der Ukraine fehlen. Die Konzerne beteuern zwar, dass sich das Problem innerhalb weniger Wochen lösen lässt, weil Kabelbäume auch in Rumänien, Tunesien oder Marokko gefertigt werden. Aber bis Kapazitäten umgelagert werden können, vergeht Zeit. Und das bedeutet: Es kostet viel Geld.
Die Autoindustrie stolpert von einem Versorgungsloch ins nächste. Immer wieder heißt es, es seien unvorhersehbare Ereignisse eingetreten. Das mag sein. Aber nach Pandemie, Chipmangel und nun dem Ukrainekrieg dürfte auch dem letzten Verantwortlichen klar sein, dass es regionale Produktionsnotreserven braucht.
Mit dem russischen Krieg müssen die Grundannahmen in den internationalen Beziehungen neu gedacht werden. Unternehmen können nicht mehr davon ausgehen, dass internationale Konflikte die Ausnahme sind und die Wirtschaft sich grundsätzlich in einer auf Gegenseitigkeit beruhenden, bestenfalls sogar freundlich gesinnten Sphäre bewegt. Die neue Normalität ist eine Welt im Krieg.
Chips, Kabelbäume oder sonstige Komponenten, ohne die kein Auto gebaut werden kann, müssen in bestimmtem Maße auch vor Ort produziert werden. Das schmälert die Gewinne. Aber angesichts der Dividenden, die Autobauer Jahr für Jahr an ihre Aktionäre ausschütten, sollten die Vorstände die soziale Verantwortung nicht vernachlässigen. Denn die Gesellschaft muss finanziell – in Form von Kurzarbeit – für die Versäumnisse der Autoindustrie beim Aufbau resilienter Lieferketten aufkommen.