Interview: Konfliktforscher: „Russland ist an vielen Orten in der Welt verletzlich“
Russland drohte schon mehrfach mit seinen Atomwaffen.
Foto: APBerlin . Die westlichen Staaten können nach Einschätzung des Tübinger Konfliktforschers Andreas Hasenclever dem Dialog mit Russland nicht ewig aus dem Weg gehen. „In vielen Politikfeldern geht nichts ohne russische Kooperationsbereitschaft und Unterstützung“, sagt Hasenclever im Gespräch mit dem Handelsblatt. Als Beispiel nennt er die Klimawende. „Wir müssen also langsam darüber nachdenken, wie wir nach dem Krieg mit Russland reden wollen und können.“
Eine dauerhafte Isolation Russlands sei nicht wünschenswert, unterstreicht Hasenclever. Selbst wenn sich die russischen Streitkräfte wieder hinter ihre Grenzen zurückziehen, blieben sie genau dort stationiert. „Niemand kann wollen, dass im Osten Europas ein russisches Nordkorea entsteht“, sagt er.
Der Westen müsse sich trotz aller berechtigten Empörung damit abfinden, dass „Atommächte einen Krieg verlieren, aber nicht besiegt werden können“. So seien die USA nicht für Vietnam, Irak oder Afghanistan zur Verantwortung gezogen worden. „Dieses traurige Privileg der Groß- und Atommächte wird auch für Russland nach dem Ukrainekrieg gelten.“
Für das lange Zögern des deutschen Kanzlers bei der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine zeigt Hasenclever Verständnis. „Olaf Scholz hat bis zuletzt versucht, eine Vermittlerrolle einzunehmen.“ Irgendwann braucht es eine politische Lösung mit der Nuklearmacht Russland, egal ob sie Teile der Ukraine besetzt hält oder ganz zurückgeschlagen werden könne. Dann seien Vermittler nötig.