Rüstungsindustrie: Norwegen kündigt nach Ärger mit unzuverlässigen Militärhubschraubern Vertrag mit Airbus-Tochter
Auch die Bundeswehr beklagt Probleme mit der Zuverlässigkeit.
Foto: obsBerlin.. Schlappe für die Rüstungssparte von Airbus: Norwegen zieht einen Auftrag für 14 Militärhubschrauber des Typs NH 90 zurück. Die acht bisher einsatzfertig gelieferten Maschinen würden zurückgegeben, teilte Verteidigungsminister Bjørn Arild Gram mit. Außerdem verlangt die norwegische Regierung vom französischen Hersteller NH Industries, an dem Airbus mit 62,5 Prozent beteiligt ist, umgerechnet rund eine halbe Milliarde Euro zurück.
„Bedauerlicherweise sind wir zu der Einschätzung gelangt, dass der NH 90, egal wie viele Stunden unsere Techniker arbeiten und wie viele Teile wir bestellen, niemals in der Lage sein wird, die Anforderungen der norwegischen Streitkräfte zu erfüllen“, sagte Gram.
Der NH 90 wird auch von der Bundeswehr geflogen, beim Heer ist er bereits eingeführt, bei der Marine läuft die Einführung einer speziellen maritimen Version namens „Sea Lion“. Allerdings gibt es viele Probleme mit den Maschinen.
Unzufrieden ist die Bundeswehr auch mit dem von Airbus gefertigten deutsch-französischen Kampfhubschrauber „Tiger“, dessen Einsatzbereitschaft stark zu wünschen übrig lässt, wie Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) gerade erst im Bundestag beklagt hatte.
Die sicherheitspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Sara Nanni, begrüßte den jetzt von der norwegischen Regierung erteilten Denkzettel auch: „Alle in Europa können sich das Gewurschtel von Teilen der Industrie schlicht aus Sicherheitsgründen nicht mehr leisten“, schrieb sie auf Twitter. „Ich hoffe, die klare Kante der Norweger macht Schule.“
NH Industries: Beendigung des Vertrags nicht haltbar
Der Hersteller zeigte sich dagegen „extrem enttäuscht“ von der Entscheidung der Regierung in Oslo: Man habe keine Gelegenheit erhalten, die jüngsten Vorschläge zur Verbesserung der Einsatzbereitschaft der NH 90 oder die spezifischen Anforderungen der norwegischen Streitkräfte zu diskutieren, teilte NH Industries mit. Rechtlich sei die Beendigung des Vertrags nicht haltbar. An dem Konsortium sind neben Airbus noch der niederländische Hersteller Fokker und das italienische Unternehmen Leonardo Helicopters beteiligt.
Die norwegischen Streitkräfte hatten nach eigenen Angaben bereits vor 21 Jahren 14 NH-90-Hubschrauber für die Küstenwache und Anti-U-Boot-Einsätze bestellt, die ursprünglich Ende 2008 geliefert werden sollten. Erhalten hat die Armee bisher aber nur acht einsatzfertige Exemplare. Die Flotte müsse derzeit 3900 Flugstunden jährlich absolvieren, in den letzten Jahren seien es jedoch durchschnittlich nur etwa 700 Stunden gewesen, teilten die Streitkräfte mit. Die Instandhaltung gilt als sehr aufwendig.
Die Probleme mit dem NH 90 wie dem „Tiger“ lassen sich auch im jüngsten Bericht zur materiellen Einsatzbereitschaft nachlesen, den das Verteidigungsministerium und die Inspekteure der Teilstreitkräfte zweimal jährlich veröffentlichen. Dem „Sea Lion“ wird dabei eine nur neunzehnprozentige Einsatzbereitschaft attestiert.
Ursächlich für die hohen Ausfallraten bei den Helikoptern der Typen NH 90 und „Tiger“ seien „die sehr zeitaufwendigen Wartungs- und Inspektionssysteme sowie die laufenden Umrüstungsmaßnahmen zur Vereinheitlichung der Konstruktionsrückstände“, heißt es im Bericht.
Kein Interesse an aufwendiger Modernisierung.
Foto: ImagoWährend Frankreich die gemeinsam entwickelten „Tiger“-Hubschrauber umfassend modernisieren will, hat sich Deutschland offenbar wegen der Unzuverlässigkeit des Modells davon verabschiedet. Im Wirtschaftsplan für das 100 Milliarden Euro schwere Sondervermögen für die Bundeswehr taucht die „Tiger“-Modernisierung jedenfalls nicht auf.
Beim NH 90 sind die Norweger nicht die Ersten, die ihrer Unzufriedenheit jetzt Luft machen. Die Niederlande und Frankreich hatten über Korrosionsprobleme bei den maritimen Varianten geklagt. Australien hat angekündigt, seine NH 90 nicht weiterzubetreiben und stattdessen „Blackhawk“-Hubschrauber des US-Herstellers Lockheed Martin anzuschaffen. Auch Norwegen könnte sich bei der Suche nach einem Alternativmodell in den USA umsehen.
Airbus kommt allerdings bei der Beschaffung des neuen schweren Transporthubschraubers CH-47 F „Chinook“ des US-Herstellers Boeing mit zum Zuge. Boeing hatte sich dazu verpflichtet, mit der deutschen Industrie an Modifikationen und Installationen nach der Auslieferung, bei der Wartung der Hubschrauber, bei Dienstleistungen in der Lieferkette, bei Training und logistischer Unterstützung sowie bei der Wartung und Instandhaltung von Teilsystemen zusammenzuarbeiten.
Mit Agenturmaterial.