Versicherungen: Vor dem Branchentreffen in Monte Carlo: Munich Re sieht trotz aktueller Weltlage gute Chancen
Auch in Europa nehmen die Naturkatastrophen durch den Klimawandel zu.
Foto: dpaFrankfurt. Thomas Blunck sieht seine Branche angesichts der extremen Inflation, der steigenden Zinsen und der Kursrutsche bei Kapitalanlagen vor großen Herausforderungen. „Selten war die Situation im Rückversicherungsmarkt so komplex wie derzeit“, sagte der Munich-Re-Vorstand, der unter anderem für das Lebengeschäft und das Ressort Europa und Lateinamerika zuständig ist, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Es kommen mehrere Aspekte zusammen, die dazu führen, dass die branchenweiten Rückversicherungskapazitäten sinken“, betonte er im Vorfeld des größten Branchentreffens der Rückversicherer, das von Samstag bis nächsten Mittwoch in Monte Carlo stattfindet.
Zugleich dürften die Rückversicherungspreise wegen der höheren Schadenkosten infolge der Inflation weiter steigen. Gleichwohl rechnet Munich Re mit einer steigenden Nachfrage nach Rückversicherungsschutz und hofft dadurch auf gute Chancen für das eigene Unternehmen: „Wir werden das Rückversicherungsgeschäft gezielt weiterentwickeln und profitabel ausbauen können.“
Dass die Rückversicherungskapazitäten branchenweit zurückgehen, hat mehrere Gründe: Vor allem der Zinsanstieg belastet derzeit die Kapitalanlagen der Versicherer. Denn die bereits im Bestand befindlichen Anleihen aus der langen Phase der Niedrigzinsen verlieren momentan an Wert. Im Einzelfall könne Rückversicherern dadurch weniger Kapital zur Verfügung stehen, um Risiken zu tragen, heißt es bei Munich Re.
Besonders stark seien die Effekte bei den europäischen Rückversicherern, da zu den gesamten wirtschaftlichen Herausforderungen auch noch der stark gestiegene Dollar-Kurs im Vergleich zum Euro hinzukommt. Für europäische Rückversicherer wird es dadurch in Euro umgerechnet teurer, Risiken in den USA und auch in Asien abzusichern. Das schränke die Geschäftsmöglichkeiten einzelner Marktteilnehmer ein, erklärt Blunck: „Wir beobachten bereits, dass sich manche Rückversicherer aus einzelnen Segmenten etwas zurückziehen.“
Laut Daten der Ratingagentur AM Best und des Rückversicherungsmaklers Guy Carpenter wird das Rückversicherungskapital, ein wichtiger Indikator für die bereitstehende Rückversicherungskapazität, in diesem Jahr daher erstmals seit 2018 wieder sinken - und zwar voraussichtlich um gut acht Prozent auf 435 Milliarden Dollar.
In einigen Segmenten treten Kapazitätsengpässe auf
In einigen Rückversicherungssegmenten zeichnen sich Munich Re zufolge kurzfristig Kapazitätsengpässe ab, zum Beispiel bei Naturkatastrophendeckungen in Florida. Auch der Markt für alternative Risikotransfers, bei dem Versicherer Risiken mit speziellen Finanzinstrumenten an den Kapitalmarkt transferieren, sei nicht gewachsen. Das investierte Kapital sei mit rund 100 Milliarden Dollar in etwa unverändert geblieben.
Zu den sinkenden Kapazitäten kommen steigende Preise hinzu. Das aktuell wichtigste Thema im Gespräch mit den Kunden sei, die hohe Inflation gemeinsam richtig abzubilden, sagt Blunck: „Der allgemeine Preisanstieg führt zu höheren versicherten Werten, die sich dann in höheren Versicherungsprämien abbilden müssen.“ Sonst würden die Prämien laut dem Munich-Re-Manager nicht mehr das tatsächliche Schadenrisiko widerspiegeln.
Auch die meisten Erstversicherer rechnen daher mit deutlich steigenden Rückversicherungspreisen für das Jahr 2023, wie aus einer Umfrage der Ratingagentur Moody's unter 39 Erstversicherern hervorgeht. Nur wenige Erstversicherer prognostizieren demnach gleichbleibende Preise, keiner erwartet sinkende Preise.
Moody’s sieht dennoch die Gefahr, dass durch den anhaltenden Preisauftrieb die Schadenkosten stärker steigen als die Rückversicherungspreise, was die Gewinne der Rückversicherer belasten würde.
Gute Geschäftsmöglichkeiten gibt es in Lateinamerika
Trotz höherer Prämien nehme die Nachfrage nach Rückversicherungsschutz weiter zu, heißt es bei Munich Re. Unter dem Strich werde der weltweite Schaden-Unfall- Rückversicherungsmarkt bis 2024 mindestens so stark wachsen wie der Erstversicherungsmarkt. Nach Einschätzung von Munich Res Economic Research wird der Rückversicherungssektor von 2022 bis 2024 weltweit inflationsbereinigt um zwei bis drei Prozent zulegen. Am stärksten werde das Wachstum vermutlich in Lateinamerika mit vier bis fünf Prozent sein.
„In Lateinamerika haben wir derzeit eine besonders gute Position“, meint Blunck. Teilweise zögen hier einzelne Anbieter Kapazität zurück. Zugleich wachse die Durchdringung mit Versicherungen stärker als in Europa, wodurch Erstversicherer zunehmend Rückversicherungsschutz nachfragten. „Deshalb sehen wir dort überdurchschnittliche Wachstumsmöglichkeiten“, erklärt Blunck. Generell wolle man im derzeitigen Umfeld aber „vorsichtig und selektiv“ wachsen.
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Angesichts der Wetterkatastrophen wie extremer Hitzewellen, Dürren, Waldbrände oder Überschwemmungen, die durch den Klimawandel zunehmen, müssen die Rückversicherer ihr Risikomanagement neu ausrichten. Munich Re arbeitet Blunck zufolge daran, die Risiken noch genauer, präziser und lokaler zu modellieren. Man investiere hier viel in Daten- und IT-Systeme.
„Katastrophen werden dadurch besser abschätzbar, was wiederum eine bessere Prävention und risikoadäquatere Preise möglich macht“, erklärt Blunck. Nur so blieben manche Regionen dann auch langfristig versicherbar.
Durch die Naturkatastrophen wird auch deutlich, wie wichtig die Transformation der Wirtschaft hin zur Klimaneutralität ist. Dabei sind hohe Investitionen in erneuerbare Energien notwendig. Munich Re rechnet mit „erheblichem Geschäftspotenzial“ bei der Versicherung entsprechender Projekte.
Blunck setzt vor allem bei Performance-Garantien, die beispielsweise die Leistungsfähigkeit von Photovoltaik- oder Windkraftanlagen absichern, auf weiteres Wachstum. Mit einem neuen Angebot für Anlagen zur Wasserstoff-Herstellung erhoffe sich Munich Re weiteren Rückenwind in dem Geschäftsfeld.