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Globale TrendsOlaf Scholz und die falschen Ängste vor einer Deglobalisierung

Die Gefahren für die internationale Arbeitsteilung lauern nicht an den Schlagbäumen nationaler Grenzen, sondern an ihren digitalen Knotenpunkten.Torsten Riecke 19.09.2022 - 10:11 Uhr Artikel anhören

Handelsblatt-International-Correspondent Torsten Riecke analysiert jede Woche in seiner Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt. Sie erreichen ihn unter riecke@handelsblatt.com

Foto: Klawe Rzeczy

London. Es gibt nicht sehr viele Themen, bei denen Olaf Scholz eindeutig Position bezieht. Wenn es jedoch um das vermeintliche Ende der Globalisierung geht, stemmt sich der Bundeskanzler mit Verve gegen die Zweifler: „Ich wende mich gegen all diejenigen, die jetzt die Idee der Deglobalisierung nach vorn stellen“, sagte Scholz vergangene Woche auf dem Deutschen Arbeitgebertag.

Gemeint war damit auch Gastgeber und Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger, der die Deglobalisierung für die hohen Inflationsraten mitverantwortlich gemacht hatte. Dulger, aber auch Scholz haben scheinbar noch nicht erkannt, dass die Globalisierung nicht den Rückwärtsgang eingelegt hat, sondern dank neuer Technologien nur ihr Gesicht verändert. Die Gefahren lauern daher nicht an den Schlagbäumen nationaler Grenzen, sondern an ihren digitalen Knotenpunkten.

Der Finanzinformationsdienst Bloomberg hat herausgefunden, dass die Chefs internationaler Unternehmen seit der Pandemie vermehrt Begriffe wie „Onshoring“, „Reshoring“ oder „Nearshoring“ benutzen, um ihre Produktionsstätten zu verlagern. All diesen Buzzwörtern gemeinsam ist, dass sie eine Umkehr der Multis in sichere, heimatliche Regionen beschreiben.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman sieht darin „erste Anzeichen für einen teilweisen Rückzug aus der Globalisierung“. Zugleich weist der Starökonom darauf hin, dass ein solcher Rückzug historisch keineswegs so ungewöhnlich ist, wie er uns erscheinen mag.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs konnte ein betuchter Bürger in London „während er seinen Morgentee im Bett schlürft, per Telefon die verschiedenen Produkte der ganzen Erde in der Menge bestellen, die er für angemessen hält, und ihre baldige Lieferung an seine Haustür erwarten“. So hat John Maynard Keyes das Leben in der ersten Globalisierungswelle beschrieben, die mit dem Kriegsausbruch abrupt endete.

Heute ist es neben den Nachwirkungen der Pandemie Putins Krieg in der Ukraine, der internationale Lieferketten kappt, den Welthandel bremst und global operierende Konzerne dazu veranlasst, ihre Produktion lieber auf „just in case“ als auf „just in time“ auszurichten. Mit anderen Worten: Nummer sicher geht vor Effizienz.

Am stärksten zeigt sich das derzeit im internationalen Ringen um die Standorte der Computerchipfertigung, sind die intelligenten Halbleiter doch die wichtigsten Bausteine für den Wohlstand der Nationen geworden.

Die neuen Schlüsseltechnologien schüren jedoch in Politik und Wirtschaft nicht nur eine Wagenburgmentalität, aus Angst beim technischen Fortschritt abgehängt zu werden. Sie verändern zugleich das Gesicht der Globalisierung.

Der Genfer Globalisierungsforscher Richard Baldwin hat den Werdegang der internationalen Vernetzung so beschrieben: Die Industrielle Revolution bahnte den Weg für den Güteraustausch über Grenzen und Ozeane hinweg. „Die zweite Entfesselung – die manchmal auch als Revolution der globalen Wertschöpfungsketten bezeichnet wird – hat die internationalen Grenzen des Wissens neu gezogen“, schreibt Baldwin.

Dadurch wurde es möglich, zwei komparative Produktionsvorteile aus geografisch weit voneinander entfernt liegenden Gebieten miteinander zu kombinieren: technisches Wissen und billige Arbeitskräfte. Das führte zu massiven Verlagerungen von Produktionsstätten aus den reichen Industrieländern des Nordens in die aufstrebenden Schwellenländer des Südens wie China und Indien.

Heute, so argumentierte der Ökonom zuerst in seinem 2019 erschienenen Buch „The Globotics Upheaval“, gehe es nicht mehr so sehr darum, Güter oder ganze Produktionsstätten über den Globus zu verteilen, sondern intelligente Dienstleistungen weltweit anzubieten. Wer diese Art der Globalisierung erfassen will, dürfe deshalb nicht auf den Güterverkehr oder ausländische Direktinvestitionen schauen, sondern müsse auf die internationalen Datenströme achten.

Datenströme werden wichtiger als Güterverkehr oder Direktinvestitionen

Bereits 2014 wurden nach Berechnungen des McKinsey Global Institute (MGI) 45-mal mehr Daten zwischen den großen Wirtschaftsregionen der Welt ausgetauscht als 2005. Die MGI-Forscher schätzten, dass Globalisierung und Freihandel den globalen Wohlstand im genannten Zeitraum um etwa zehn Prozent oder 7,8 Billionen Dollar gesteigert haben.

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Mehr als ein Drittel davon ging bereits auf das Konto der weltweiten Datenströme, das ist mehr als der klassische Warenhandel zum Wohlstand der Nationen beitrug. Seitdem hat sich der Trend noch beschleunigt.

Sind also alle Unkenrufe einer Deglobalisierung übertrieben? Nein, auch Datenströme kann man kappen und die Weltwirtschaft durch digitale „Firewalls“ in geoökonomische Technosphären aufspalten. Wenn wir über die Risiken für die Globalisierung sprechen, sollten wir deshalb den Blick auf ihre digitalen Knotenpunkte richten.

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