Lebensmittelbranche: Fleisch aus dem Reagenzglas – Gourmey erfindet die Gänsestopfleber neu
Das Team um Nicolas Morin-Forest (2.v.r.) erfindet eine französische Spezialität komplett neu.
Foto: Cyril MarcilhacyBerlin. Essen aus dem Labor ist für die Pariser Firma Gourmey keine Zukunftsvision, sondern Geschäftsmodell. Und womöglich sorgt ihre Laborkopie für weniger Entrüstung als das Original: das Start-up stellt In-vitro-Gänsestopfleber her. Gourmey will der aus Tierschutzgründen in Verruf geratenen französischen Delikatesse eine neue Chance geben und Foie gras zum Wiedereinzug in die Sterneküche verhelfen.
Der Berliner Risikokapitalgeber Earlybird unterstützt das Vorhaben und führt eine A-Finanzierungsrunde über 48 Millionen Euro an. Earlybird-Partner Christian Nagel sagt mit Blick auf die bisherigen Trends in der Lebensmittelbranche mit pflanzenbasierten Start-ups wie Oatly und dem Mini-Gewächshäuser-Anbieter Infarm: „Wir sehen eine weitere Welle anrollen, die noch eine größere Wirkung haben könnte, weil sie geschmacklich keinen Kompromiss darstellt. Es handelt sich um einen wirklichen Ersatz zu herkömmlichem Fleisch mit hoher Qualität.“ Für Earlybird ist es das erste Investment in Frankreich seit der Eröffnung des dortigen Büros.
Gourmey wurde 2019 vom früheren L’Oreal-Manager Nicolas Morin-Forest gegründet. „Unsere Mission ist es, Fleisch für die nächste kompromisslose und bewusste Generation neu zu erfinden“, sagt er. Die Gänseleber zieht Gourmey aus einem befruchteten Entenei und dessen Stammzellen, die sich mit Nährstoffen gefüttert entsprechend vermehren.
„Man weiß nicht, ob es sich um ein Original handelt oder nicht“, sagt Nagel über den Geschmack. Geschmacksverstärker wie bei pflanzenbasiertem Fleischersatz gebe es dabei keine.
Anders als Gourmeys Gänseleber oder ähnliche Laborprodukte haben die fleischfreien Alternativen längst Einzug in die Supermarktregale gehalten. Anbieter wie Beyond Meat oder Impossible Foods sind zu Großunternehmen aufgestiegen.
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Gourmey hingegen wartet noch auf die Zulassung und darf sein künstliches Fleisch bisher nicht vertreiben. Man arbeite Hand in Hand mit den Behörden, um möglichst schnell grünes Licht zu erhalten, sagt Morin-Forest. Letztlich sei geplant, die In-vitro-Gänseleber in Singapur, den USA, Großbritannien sowie der Europäischen Union in den Handel zu bringen.
60 Prozent der Deutschen würden künstliches Fleisch probieren
Singapur war Ende 2020 das erste Land der Welt, das kultiviertes Fleisch zugelassen hat. Auch auf Deutschland hat Morin-Forest bereits ein Auge geworfen. Der Gourmey-Gründer zitiert eine Studie, der zufolge rund 60 Prozent der Bevölkerung bereit sind, künstliches Fleisch zu probieren. Die Marktforscher von Maximize Market Research schätzen, dass der Markt für Kulturfleisch von knapp sieben Milliarden Dollar im vergangenen Jahr auf fast 23 Milliarden Dollar im Jahr 2029 wächst.
Während sich Gourmey bisher auf die Gänseleber konzentriert, setzen beispielsweise Upside Foods aus Berkeley auf Geflügelfleisch aus dem Labor und das niederländische Foodtech-Unternehmen Mosa Meat auf künstliches Rindfleisch. Alle Anbieter verweisen darauf, bei der Herstellung deutlich weniger Ressourcen zu verbrauchen als bei der herkömmlichen Fleischproduktion.
Morin-Forest hat nach eigenen Angaben bereits verschiedene französische wie auch internationale Michelin-Köche, Restaurants wie auch Händler von seiner Foie gras überzeugt. Bisher könnte Gourmey allerdings keine großen Mengen produzieren. Das frisch eingesammelte Geld, das neben Earlybird von Keen Venture Partners, Instacart-Chef Fidji Simo sowie Bestandsinvestoren wie Heartcore Capital und Point Nine Capital kommt, soll nun für Abhilfe sorgen. Damit will Morin-Forest eine Fabrik sowie ein Forschungslabor in Paris eröffnen und weitere Experten einstellen.
Die Fabrik soll spätestens in zwei Jahren an den Start gehen. „Ich kann mir vorstellen, dass Laborfleisch in 20 bis 25 Jahren mit einem Marktanteil von global mehr als zehn Prozent den Massenmarkt erreicht“, prophezeite Rainer Münch von der Strategieberatung Oliver Wyman vor knapp einem Jahr. Schon mit dem Verkauf von In-vitro-Gänseleber könnte sich laut Nagel ein gutes Geschäft machen lassen: „Der Markt hierfür ist zwei bis drei Milliarden Euro groß.“
Allerdings will es Gourmey dabei nicht belassen. Es werde daran gearbeitet, das Angebot in Richtung Geflügel und weiterer Produkte auszuweiten. Nagel ist sich sicher, dass Gourmey letztlich Fleischersatzprodukte für den Massenmarkt offerieren kann. „Wir wollen in Themen investieren, die das erreichen können, und nicht in Luxusangebote.“