Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar – „Global Challenges“ Europa kann sich an die Spitze der Lebensmittelrevolution setzen

Innovationen sind der Schlüssel, um die wachsende Weltbevölkerung nachhaltig zu ernähren, analysiert Ann-Kristin Achleitner.
15.09.2021 - 19:13 Uhr Kommentieren
Die Autorin ist Distinguished Affiliated Professor an der Technischen Universität München, an der sie von 2001 bis 2020 Inhaberin des Lehrstuhls für Entrepreneurial Finance war.
Ann-Kristin Achleitner

Die Autorin ist Distinguished Affiliated Professor an der Technischen Universität München, an der sie von 2001 bis 2020 Inhaberin des Lehrstuhls für Entrepreneurial Finance war.

Als der Kaffee im 16. Jahrhundert nach Europa kam, gab es Widerstand. Die Bischöfe in Italien verteufelten ihn. Und auch französische Winzer versuchten, die neue Konkurrenz zu diskreditieren – mit ärztlicher Schützenhilfe säten sie gesundheitliche Zweifel am Kaffeegenuss.

Innovationen lösen immer wieder gesellschaftliche Kontroversen aus. Der Harvard-Professor Calestous Juma hat dieses Phänomen unter dem Titel „Innovation and Its Enemies: Why People Resist New Technologies“ anhand historischer Beispiele untersucht – auch am Kaffee.

Die meisten Widerstände gehen auf wirtschaftliche Motive zurück. Aber auch Identitäten und Lebensstile, Kultur und Traditionen wie das Kaffeehaus können eine Rolle spielen. Bei Lebensmitteln kommen all diese Aspekte zusammen. Innovationen haben es dann oft schwer. Der Streit um die grüne Gentechnik oder gentechnisch veränderte Fische aus Aquakulturen sprechen Bände.

Dabei ist das Thema aktueller denn je. Eine der größten globalen Herausforderungen besteht darin, die wachsende Weltbevölkerung mit Lebensmitteln, insbesondere Eiweiß, zu versorgen. Ohne Innovationen wird dies kaum gelingen – vor allem weil die Produktion deutlich nachhaltiger werden muss.

Die Lebensmittelproduktion ist schon heute für gut ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Einer der Hauptgründe: der Heißhunger auf Fleisch, vor allem in den USA, Europa und China. Nicht nur die Erzeugung verursacht hohe Emissionen. Der steigende Flächenbedarf für Weiden und den Futtermittelanbau beschleunigt auch die Abholzung von Regenwäldern, die wichtige CO2-Speicher sind.

Die Lebensmittelnachfrage steigt enorm

Während die Weltbevölkerung bis 2050 um rund 25 Prozent wachsen wird, dürfte die Lebensmittelnachfrage im selben Zeitraum um etwa 50 Prozent steigen. Da mit größerem Wohlstand in der Regel auch die Kalorienaufnahme steigt, erwarten Experten, dass die Nachfrage nach eiweißhaltigen Produkten wie Fleisch und Milch sogar um 70 Prozent zunimmt. Vor diesem Hintergrund sind zwei Foodtech-Innovationen von besonderem Interesse: Fleischersatz auf Pflanzenbasis und Kulturfleisch.

Während Kulturfleisch aus tierischen Stammzellen gewonnen wird und in Bioreaktoren heranwächst – also eine Errungenschaft der modernen Biotechnologie ist –, reicht der Ursprung pflanzenbasierten Fleischersatzes bis ins Mittelalter zurück: Die vegetarisch lebenden buddhistischen Mönche in China erfanden „Fake Meat“, um den fleischliebenden Gästen ihrer Klöster dennoch etwas bieten zu können.

Bei pflanzenbasiertem Fleischersatz fällt nicht nur der Flächen- und Wasserbedarf deutlich geringer aus als bei herkömmlichem Fleisch. Seine Produktion verursacht auch weniger Treibhausgase – im Fall eines Pflanzenburgers etwa 90 Prozent weniger als bei einem Rinderburger. Auch Kulturfleisch lässt sich gemessen an Ressourcenbedarf und Emissionen um mehr als 75 Prozent nachhaltiger herstellen als Rindfleisch. Rund um diese Innovationen entsteht gerade ein neuer Markt.

Etwa die Hälfte der Verbraucher in den USA, Großbritannien und Deutschland nimmt bereits regelmäßig pflanzenbasierte Eiweiße zu sich. Der Markt für pflanzlichen Fleischersatz ist dagegen noch jung. Würde er einen ebenso hohen Anteil wie pflanzenbasierte Milch erreichen, erwüchse daraus allein in den USA ein Marktpotenzial von 14 Milliarden Dollar. Fachleuten zufolge wird sich die Größe des Markts für pflanzenbasierte Eiweiße und Kulturfleisch in den USA bis zum Jahr 2050 verdoppeln.

Zulassung von Kulturfleisch steht noch aus

Treiber der Innovationen sind vor allem Start-ups. Die Szene hat weltweit im vergangenen Jahr rund 350 Millionen Dollar Kapital eingesammelt – Tendenz steigend. Zu den Investoren gehören nicht nur große Fleischproduzenten und Lebensmittelkonzerne, sondern auch Tech-Investoren wie Bill Gates und Richard Branson. Während pflanzenbasierter Fleischersatz in Form von Erbsen-Burgern bereits Einzug in Supermärkten und Grillrestaurants hält, steht die Zulassung von Kulturfleisch in der EU noch aus.

Pioniere des Kulturfleischs sind das niederländische Unternehmen Mosa Meat, dessen Gründer 2013 den ersten zellbasierten Burger präsentierte, und das israelische Start-up Aleph Farms mit dem ersten Rib-Eye-Steak aus dem 3D-Biodrucker. Demnächst will auch das Rostocker Start-up Innocent Meat im Markt mitmischen. Nachdem die Produktionskosten von Kulturfleisch seit den ersten Versuchen bereits um 99 Prozent gesunken sind, könnte es laut McKinsey im Jahr 2030 bereits genauso preiswert sein wie herkömmliches Fleisch – mit einem weltweiten Marktpotenzial von bis zu 25 Milliarden Dollar.

Ein Knackpunkt bei Kulturfleisch wird die gesellschaftliche Akzeptanz sein. Das Technikradar der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften zeigt, dass erst rund ein Viertel der Deutschen von dieser Alternative überzeugt ist. Ich sehe sieben Ansatzpunkte, wie wir die neue Lebensmittelrevolution aus Europa heraus forcieren und mitgestalten können – und zwar nicht nur bei Fleisch und Fleischersatz, sondern auch darüber hinaus.

Erstens: Wir müssen die Wachstumsfinanzierung in Europa weiter stärken. Spezialisierte Fonds, die in Foodtech-Unternehmen investieren, sind bislang rar. Zweitens: Wir sollten innovative Ökosysteme rund um nachhaltig produzierte Lebensmittel und Foodtech fördern. Europa hat hier weltweit führende Forschungseinrichtungen. Deren Kompetenz zu verknüpfen mit der wachsenden Start-up-Szene, der Industrie und mit Wagniskapitalgebern, birgt große Innovationspotenziale.

Die neue Industrie passt zu Europa

Drittens: Europa sollte sich frühzeitig als führender Standort für Foodtech positionieren. Die neue Industrie passt zu unserem Kontinent, der einen exzellenten Ruf für gute Küche und hochwertige Lebensmittel genießt und schon heute der größte Exporteur von Lebensmitteln ist. Europa sollte die Ambition haben, Leitmarkt und Leitanbieter nachhaltiger und innovativer Lebensmittel zu werden.

Viertens: Die EU sollte rasch mit einem transparenten, wissenschaftsbasierten Zulassungsverfahren für Kulturfleisch zeigen, dass ambitionierte Innovationsförderung und ein hohes Niveau an Verbraucherschutz keine Widersprüche sind. Singapur hat als erstes Land bereits Kulturfleisch zugelassen. Fünftens: Europa sollte Standards setzen bei Kennzeichnungen, mit denen sich die Nachhaltigkeit von Lebensmitteln einfach nachvollziehen und vergleichen lässt.

Sechstens: Wir sollten die Förderung verschiedener Zukunftstechnologien gezielt miteinander verknüpfen. Damit zum Beispiel aus Kulturfleisch wirklich „Clean Meat“ wird, muss die Produktion weitgehend auf erneuerbaren Energien basieren. Weitere Innovationsbeschleuniger für die neue Lebensmittelrevolution sind Biotechnologie, Künstliche Intelligenz und der 3D-Druck.

Siebtens: Wir brauchen einen offenen gesellschaftlichen Dialog und eine faktenbasierte Debatte über Foodtech. Wichtig für die Akzeptanz wird sein, die etablierte Agrar- und Lebensmittelindustrie in den Innovationsprozess einzubeziehen. Es muss aber auch Innovationspartnerschaften mit Schwellen- und Entwicklungsländern geben – damit diese die neuen Technologien selbst mitgestalten und von ihnen profitieren können.
Die Autorin: Ann-Kristin Achleitner ist Distinguished Affiliated Professor an der Technischen Universität München, an der sie von 2001 bis 2020 Inhaberin des Lehrstuhls für Entrepreneurial Finance war. In der Wirtschaft gehört sie unter anderem den Aufsichtsräten von Linde und Munich Re an. Außerdem engagiert sie sich als Investorin in junge Wachstumsunternehmen.

Mehr: Künftig gibt es Steak und Burger aus dem Labor

Startseite
Mehr zu: Gastkommentar – „Global Challenges“ - Europa kann sich an die Spitze der Lebensmittelrevolution setzen
0 Kommentare zu "Gastkommentar – „Global Challenges“: Europa kann sich an die Spitze der Lebensmittelrevolution setzen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%