Fußball-WM 2022: „Zeitgenössische Form der Sklaverei“: Katar, das Kafala-System – und das Leben der Arbeitsmigranten
Allein für den Bau der WM-Stadien wurden 30.000 Arbeiter eingestellt, die meisten aus Bangladesch, Nepal, Indien und den Philippinen. (Foto: Getty Images/Sam Tarling)
Foto: HandelsblattBerlin, Doha. Wichtiger Schritt vorwärts. Bedeutende Reform. Ermutigendes Zeichen: Als Katar vor zwei Jahren neue Arbeitsgesetze einführte, erhielt das Emirat am Persischen Golf viel Beifall von internationalen Institutionen und Menschenrechtlern. Katar schaffte damals das so genannte Kafala-System ab, das ausländische Arbeiter zu Leibeigenen ihrer Arbeitgeber machte.
Die Reform verbesserte das Image von Katar vor der Fußball-Weltmeisterschaft, die an diesem Wochenende beginnt. Doch kurz vor Eröffnung des Turniers schlagen Kritiker Alarm: Die Reform greift nicht, Arbeiter werden nach wie vor ausgebeutet.
Das Kafala-System verbreitete sich in den 1950er Jahren in den Golf-Staaten, als die arabischen Monarchien nach dem Fund riesiger Ölvorräte dringend billige Arbeitskräfte aus dem Ausland brauchten; in Katar wurde es im Jahr 2009 per Gesetz eingeführt.
Zweck des Systems ist es nach Einschätzung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der Vereinten Nationen, Arbeiter während wirtschaftlicher Boom-Phasen für eine begrenzte Zeit ins Land holen und in Krisenzeiten rasch wieder nach Hause schicken zu können.
Das System bietet ausländischen Arbeitern Verdienstmöglichkeiten, ohne ihnen viele Rechte oder die Einbürgerung zu gewähren. Heute sind 90 Prozent der rund drei Millionen Einwohner von Katar Ausländer. Allein für den Bau der WM-Stadien wurden 30.000 Arbeiter eingestellt, die meisten aus Bangladesch, Nepal, Indien und den Philippinen.