Kommentar: Die Bürgerinnen und Bürger haben gelernt, mit Corona zu leben – nur Lauterbach nicht
Der Gesundheitsminister zeigt mit jeder Alarmmeldung, wie sehr er sich von der Bevölkerung beim Thema Corona entfremdet hat.
Foto: dpaBerlin. Karl Lauterbach war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, als ihn der Kanzler vor etwas mehr als einem Jahr zu seinem Gesundheitsminister machte. Lauterbach hatte sich mit düsteren Warnungen gleich zu Beginn der Corona-Pandemie einen Namen gemacht.
Oft lag er damit richtig. Er wolle die Pandemie beenden, sagte er damals zu seiner neuen Aufgabe, daran könnten ihn alle messen.
Gemessen daran ist Lauterbachs Amtszeit ein Erfolg. Er ist fast im Ziel: Die Sieben-Tage-Inzidenz geht seit Wochen zurück. Die Kurve, auf die die Republik vor einigen Monaten noch schaute, ist keine Kurve mehr, sondern eine gerade Linie. Hier gibt es nichts zu sehen, bitte wenden Sie sich wichtigeren Dingen zu, könnte man darüber schreiben.
„Die Lage für das Virus ist prekär“, sagte selbst der Berliner Virologe Christian Drosten. Wohlgemerkt: Nicht für das Gesundheitswesen oder die Bevölkerung ist es gerade wirklich gefährlich, sondern für das Virus selbst.
Lauterbach aber macht nicht den Eindruck, als sehe er sich schon im Ziel. Er bleibt sich treu, warnt vor neuen Wellen und gefährlichen Mutanten. In der Nacht zu Montag teilte er auf dem Kurznachrichtendienst Twitter eine Studie zur Zukunft der Pandemie. Ein Szenario sei eine Omikron-Sackgasse, „das wäre gut“, schreibt er. Aber auch ein „Variantenmix“ oder eine „Delta-Weiterentwicklung“ seien möglich.
Er spielt mit Ängsten. Der Tenor: Freut euch nicht zu früh, die Winterwelle kommt noch – und möglicherweise mit einer schlimmeren Varianten.
Es stimmt ja, die Inzidenzen können wieder steigen und Beschäftigte wieder stärker ausfallen, was auch für die kritische Infrastruktur und insbesondere Kliniken ein Problem werden kann, die auch mit einer Grippe-Welle zu kämpfen haben.
Die Pandemie ist eben tatsächlich noch nicht vorbei. Aber der Dauer-Alarm nervt, ist teuer – die jüngst verlängerten Bürgertests kosten beispielsweise wieder mehr als eine Milliarde Euro in Zeiten, in denen das Geld auch woanders gebraucht wird – und er findet auch keine Mehrheit in der Bevölkerung mehr. Die hat sich längst an das Virus gewöhnt und gelernt, damit zu leben.
Das zeigte kürzlich auch eine bemerkenswerte Umfrage der DAK-Krankenkasse. Demnach hat sich die Zahl der Menschen, die eine Erkrankung fürchten, in diesem Jahr auf 18 Prozent mehr als halbiert.
Dennoch aber wollen sich immer noch 80 Prozent an Corona-Maßnahmen halten. Die Leute sind also vernünftig genug, sich nicht verrückt machen zu lassen und trotzdem an das zu halten, was der Staat von ihnen verlangt. Dafür braucht es keinen Dauer-Alarm.
Falls Lauterbach den für nötig hält, liegt er gehörig daneben. Er muss die Bevölkerung nicht ständig mit dem Schlimmsten konfrontieren, um sie hinter seinen Kurs zu versammeln.
Lauterbach wird seiner Rolle als Minister nicht gerecht
Lauterbach hat ja nicht einmal mehr Skrupel davor, mit völlig überzogenen Szenarien an die Öffentlichkeit zu gehen, die auf den ersten Blick wissenschaftlich klingen, sich dann aber als völlig falsch herausstellen. Ende September warnte er vor einer 1000er-Inzidenz in der aktuellen Welle, jetzt liegt sie bei knapp 180.
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Klar, man kann mal falsch liegen, aber wer in Amt und Würden ist, sollte mit solchen Zahlen sehr, sehr vorsichtig sein vor allem dann, wenn die Bürger sich ohnehin schon über so viele andere Dinge Gedanken machen müssen wie ihre Stromrechnung, gestiegene Preise oder ihren Arbeitsplatz.
Jede Sorge weniger ist ein Segen in diesen Tagen. Lauterbach hat das noch nicht verinnerlicht. Er zeigt mit jeder Alarmmeldung, wie sehr er sich von der Bevölkerung beim Thema Corona entfremdet hat.
Er ist immer noch im Panik-Modus, für den ihn der Kanzler zum Minister machte. Er muss beweisen, dass er auch anders kann. Denn er setzt das Vertrauen der Bürger in die Politik aufs Spiel.