Interview: Christian Drosten zieht Bilanz aus drei Jahren Coronapandemie
Der Virologe erwartet, dass die Kliniken angesichts der aktuellen Infektionswelle noch wochenlang überlastet sein werden.
Foto: dpaBerlin. Herr Drosten, Deutschland wird derzeit von einer Infektionswelle überrollt, das Gesundheitssystem ist überlastet. Haben wir Atemwegsinfektionen zu lange vermieden?
Ein Grund für die derzeitige Situation ist sicher, dass die Erkältungsimmunität vieler Menschen nicht mehr auf dem neuesten Stand ist. Normalerweise hat man mit jeder Erregergruppe alle zwei oder drei Jahre Kontakt, dann ist erst einmal wieder Ruhe. Es gibt also immer einen Teil der Bevölkerung, der ein bestimmtes Virus gerade nicht überträgt. Diese Menschen infizieren sich dann höchstens oberflächlich und scheiden wenig Virus aus.
Jetzt aber wird im Durchschnitt mehr Virus weitergegeben. Für den Einzelnen sind die meisten Erkrankungen immer noch nicht sehr belastend, aber die Übertragung ist effizienter. Und das läuft bei allen Erregern parallel. Das Timing, wann es eine solche Häufung wie derzeit geben würde, konnte niemand vorhersagen. Damit müssen wir uns jetzt arrangieren.
Ist das nicht eine Situation, wie wir sie in drei Jahren Pandemie unbedingt vermeiden wollten?
Die Situation ist ernst, die Charité zum Beispiel ist derzeit im Notfallbetrieb. Aber wir haben definitiv keine pandemische Gefahrenlage. Bei keinem der kursierenden Erreger wird es zu einer exponentiellen Vermehrung kommen. Bei einem neuartigen, pandemischen Virus ist klar: Wenn man nichts macht, dann wird das immer schlimmer, die Überlastung multipliziert sich immer weiter. Jetzt dagegen haben wir, verglichen mit einem normalen Jahr, eine doppelte oder dreifache Belastung, wenn man sich beispielsweise das RS-Virus in Kinderkliniken ansieht.