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KommentarWelche Jobs Künstliche Intelligenz wirklich bedroht

ChatGPT zeigt, dass sich Künstliche Intelligenz in exponentieller Geschwindigkeit weiterentwickelt. Einige, die sich sicher fühlten, trifft es nun besonders.Sebastian Matthes 07.02.2023 - 14:56 Uhr
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Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Foto: Max Brunnert für Handelsblatt

Wer dieser Tage Texte liest, muss vorsichtig sein. Man kann kaum noch mit Sicherheit sagen, ob ein Artikel, ein Kommentar oder ein LinkedIn-Post wirklich von einem Menschen oder nicht doch von einer Künstlichen Intelligenz (KI) formuliert wurde.

Die synthetischen Texte sind in vielen Fällen kaum noch von Biotexten zu unterscheiden. Manchmal sind sie sogar besser. Der Chatbot ChatGPT des US-Unternehmens OpenAI, an dem sich Microsoft vor wenigen Tagen laut Branchenkreisen mit zehn Milliarden Dollar beteiligt hat, versetzt nicht nur Unternehmen und Investoren in Aufruhr. Die rechnen angesichts der schnellen Entwicklung von KI gerade durch, welche Geschäftsmodelle künftig noch eine Chance haben.

ChatGPT bewegt auch all jene, die sich gern als „Wissensarbeiter“ bezeichnen, was eigentlich auch nur ein anderes Wort für Schreibtischarbeiter ist. Und das, was da gerade passiert, muss für viele, die an ihren Schreibtischen sitzen, ein Schock sein. Denn es stellt ihr Jahrzehnte altes Verständnis von Fortschritt auf den Kopf.

Die Fortschrittsgeschichte über KI war ein Irrtum

Seit Jahren geht die Erzählung über Künstliche Intelligenz so: Erst würden immer intelligentere Roboter Tätigkeiten in Fabriken übernehmen, dann Kassiererinnen überflüssig machen und anschließend Lastwagenfahrer, weil die 40-Tonner autonom zwischen den Metropolen dieser Welt unterwegs sein werden. Und danach, irgendwann und auch nur vielleicht, sind die Wissensarbeiter an der Reihe. Weil eine KI ja eigentlich nicht kreativ sein kann.

Doch diese oft wiederholte Fortschrittsgeschichte war ein Irrtum, wie wir heute wissen. ChatGPT und ähnliche Bots schreiben Aufsätze, formulieren juristische Gutachten, legen Beschwerde bei Behörden ein und liefern auf Knopfdruck Werbesprüche und sogar Gedichte – in perfektem Englisch natürlich, aber längst auch auf Deutsch, wie unser großer Wochenendreport zeigt. Amazon auf der anderen Seite beschäftigt immer noch Hunderttausende Arbeiterinnen und Arbeiter in Logistikzentren, weil Roboter sie noch nicht lückenlos und billiger ersetzen können.

Chinesische Firmen bauen die KI-Branche aus – teilweise mit Investitionen aus den USA.

(Foto: dpa)

Foto: Handelsblatt

Wie konnte es zu dieser Fehlprognose kommen? Vielleicht liegt es daran, dass die meisten Prognosen von den Wissensarbeitern selbst formuliert wurden. Von Journalisten, Wissenschaftlerinnen und anderen Experten. Hätte man vor zehn Jahren dagegen Lastwagenfahrer gefragt, welche Berufszweige bald überflüssig würden – die Prognosen hätten womöglich ganz anders ausgesehen. Denn ein Lastwagenfahrer weiß genau, wie komplex es ist, einen Sattelschlepper durch die Innenstadt zu zirkeln.

Nun also läuft die Debatte erneut, welche Jobs als Nächstes automatisiert werden. Und dafür ist es interessant zu sehen, was KI heute schon kann. So ist ChatGPT in der Lage, Standardaufgaben in Rechtsanwaltskanzleien zu übernehmen. Die KI kann zum Beispiel GmbH-Satzungen entwerfen, was heute in der Regel noch Anwälte tun.

Wie unkreativ die vermeintlich so kreativen Schreibtischarbeiter mitunter sind, zeigt sich auf LinkedIn.

Sie kann Medizinern helfen, wissenschaftliche Studien auszuwerten und zusammenzufassen. Und ChatGPT hat sogar gute Chancen auf einen MBA-Titel: An der Wharton School der US-Uni Pennsylvania hat der Bot bereits den Abschluss im Kernfach Betriebsführung bestanden.

Eine Gefahr für den Arbeitsplatz?

Kein Wunder, dass 24 Prozent der Deutschen laut einer aktuellen Civey-Umfrage davon ausgehen, dass KI eine Gefahr für ihre Arbeitsstelle wird. Tatsächlich wird sie wohl erst einmal all die Jobs übernehmen, für die sich immer schwerer Menschen finden lassen.

Aber ist eine KI wirklich in der Lage, kreativ zu sein? Fest steht jedenfalls, dass sie längst Bilder malen und Liebesromane schreiben kann. An der Semperoper in Dresden wurde kürzlich sogar eine von KI mitgeschriebene Oper uraufgeführt.

Was eine KI gewiss noch einige Jahre nicht können wird, ist, wirklich Neues in die Welt zu bringen, Informationen zu recherchieren, die noch nicht öffentlich sind, Fragen zu stellen, die noch nie gestellt wurden, und, ja, auch Kunstwerke zu schaffen, die in dieser Form noch nie geschaffen wurden.

Das leisten allerdings auch längst nicht alle Wissensarbeiter. Wie unkreativ die vermeintlich so kreativen Schreibtischarbeiter mitunter sind, zeigt sich auf LinkedIn. Wo eigentlich kluge Köpfe mit generischem Befindlichkeitsquatsch und flachen Managementweisheiten Abertausende Likes abräumen. Dabei wird immer klarer: Solche Beiträge kann eine KI heute schon besser. Und das Liken sowieso.

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Erstpublikation: 03.02.2023, 12:04 Uhr.

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