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Morning BriefingHasso Plattner zu seinem Abschied: „Vielleicht gehe ich etwas häufiger in meine Museen“

Christian Rickens 23.02.2023 - 06:23 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser,

SAP ist einer der letzten deutschen Großkonzerne, in denen ein Vertreter der Gründergeneration das Sagen hat. Noch. Denn gestern Abend hat der SAP-Mitgründer und Aufsichtsratsvorsitzende Hasso Plattner seinen Abschied für das kommende Jahr angekündigt.

Punit Renjen, bis Ende 2022 Chef des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte, soll dann auf Plattner folgen. Dessen Amtszeit endet im Mai 2024. Der jüngste der fünf SAP-Mitgründer wird sich mit dann 80 Jahren nicht erneut zur Wahl stellen. Schon jetzt ist er der mit Abstand dienstälteste Aufsichtsratschef im Dax, wie unsere Grafik zeigt.

Der studierte Nachrichtentechniker Plattner gründete das Unternehmen vor 51 Jahren mit. Von 1997 bis 2003 war er Vorstandssprecher, anschließend übernahm er die Leitung des Kontrollgremiums.

SAP wiederum ist nicht nur die erfolgreichste Unternehmensneugründung der Bundesrepublik, sondern auch der einzige deutsche IT-Konzern von Weltrang. Unser IT-Redakteur Christof Kerkmann konnte kurzfristig ein Interview mit Hasso Plattner über seinen Abschied führen. Dabei wird deutlich: Die Unternehmerlegende kann alles – außer Konzerndeutsch.

Plattner sagt seine Meinung lieber direkt, zum Beispiel zum Ukrainekrieg: „Es ist fürchterlich, was Russland macht – das ist nicht nur Putin mit seiner Clique. Ich bin da radikal: Ich hatte viele russische Freunde, insbesondere im Segelsport, mit denen rede ich nicht mehr.“

Zum Umgang mit China: „Die Verteufelung von China halte ich für falsch. Dass die knallhart im Wettbewerb sind, sollten wir langsam wissen, und dass sie nicht nur Plastikspielzeug machen, auch – sonst hätte es keinen Chipmangel gegeben. Aber unsere Volkswirtschaften sind stark miteinander verwoben. Wir müssen zusammenarbeiten.“

Zu seinen Zukunftsplänen: „Das wird kein Aufbruch zu neuen Ufern. Vielleicht gehe ich etwas häufiger in meine Museen.“

Wenn sich die vielleicht größte lebende deutsche Gründerlegende aus seinem Unternehmen zurückzieht, ist man gedanklich schnell bei „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“, dem Spätwerk von Joseph Schumpeter.

Darin sagte der Ökonom 1942 voraus, dass inhabergeführte Unternehmen zunehmend durch „bürokratisierte industrielle Rieseneinheiten“ ersetzt werden. Diese Konzerne würden geführt von bezahlten „Vollzugsorganen“, die eine „Angestelltenhaltung“ einnehmen, und sie stünden im Besitz von Aktionären, für die die Anteilsscheine nur noch eine Einkommensquelle darstellen.

Die neuen Rekordzahlen bei den Aktienrückkäufen sind nicht geeignet, um die Sorge vor einem schleichenden Verlust des Unternehmergeists auf den Chefetagen zu zerstreuen – im Gegenteil. Die 500 größten US-Konzerne im Börsenindex S&P haben von Oktober 2021 bis Ende September 2022 eigene Aktien für 982 Milliarden Dollar zurückgekauft – so viel wie noch nie zuvor. Das zeigen Berechnungen des Bilanzexperten Howard Silverblatt vom Finanzdatenanbieter S&P Dow Jones, die dem Handelsblatt vorliegen.

Im Jahr zuvor hatte die Summe für solche Rückkäufe noch bei 881 Milliarden Dollar gelegen. Die Unternehmen selbst sind damit die mit Abstand größte Käufergruppe an der Börse. Am meisten Geld für eigene Aktien gab 2022 Apple mit 88 Milliarden Dollar aus, gefolgt von Alphabet mit 60 Milliarden Dollar.

Auch viele deutsche Konzerne zahlen derzeit hohe Summen für den Kauf eigener Aktien. Hier sind Linde mit knapp zehn Milliarden Dollar sowie Siemens und BASF mit jeweils drei Milliarden Euro die aktivsten Rückkäufer. Zuletzt kündigte Mercedes Rückkäufe für vier Milliarden Euro an. Die Konzerne verknappen mit den Rückkäufen das Angebot an Aktien und verteilen Gewinne und Dividenden auf weniger Anteilsscheine.

Das treibt den Kurs nach oben. In den vergangenen zehn Jahren waren Aktienrückkäufe in den USA und Europa für rund ein Viertel der Kursgewinne verantwortlich. So das Ergebnis einer umfangreichen Auswertung, die der Vermögensverwalter HQ Trust für das Handelsblatt erstellt hat.

Foto: Bloomberg, Imago, Linde

Man stelle sich nur einmal vor, ein Immobilienmagnat würde einen immer größeren Teil seiner Objekte an sich selbst verkaufen und sich über die immer höheren Quadratmeterpreise freuen, die er aufgrund der scheinbar hohen Nachfrage nach seinen Immobilien erzielt.

Mit Recht würden wir den kaufmännischen Verstand dieses Unternehmers anzweifeln. Doch seltsam, am Aktienmarkt haben wir uns an derlei Mumpitz nicht nur gewöhnt – wir sind sogar bereit, steigende Kurse nach Aktienrückkäufen als Erfolgsnachweis zu bewerten. Meine Meinung: Exzessive Aktienrückkäufe belegen einen geradezu tragischen Mangel an unternehmerischer Fantasie.

Smartphones, die nur einige Hundert Euro kosten, navigieren meist besser von A nach B als der eigene Pkw. Selbst in Luxusautos sind die vorinstallierten Kartendienste oft unpräzise und die Darstellungen ruckelig. Mercedes-Benz verspricht den Kunden nun Abhilfe und integriert künftig Google Maps unter eigenem Design in seine Fahrzeuge.

Es ist ein Deal, der in dieser Form einmalig in der Autobranche ist. Zwar nutzen eine Reihe von Automarken wie Volvo, Polestar oder Renault mittlerweile komplette Infotainmentsysteme von Google in ihren Fahrzeugen. Tesla wiederum nutzt Google für die Kartendarstellung auf dem Bildschirm, nicht aber für die Navigation.

Foto: Mercedes-Benz AG, mauritius images, Reuters

Mercedes betont nun, der erste Autobauer zu sein, der die Plattform von Google Maps verwendet, um die Karten in sein eigenes Betriebssystem MB.OS einzubetten und auch zur Navigation zu nutzen. Die Hoheit über die Kundendaten bleibt dabei bei Mercedes. Für die Lizenzierung der Dienste dürfte Mercedes Branchenkreisen zufolge mindestens einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr an Google überweisen.

Es gibt Regionen, in denen findet sich selbst ein Google-Navi nicht mehr zurecht. Astronomen haben jetzt offenbar mithilfe des James-Webb-Weltraumteleskops sechs Riesen-Galaxien aus der Frühzeit des Universums entdeckt.

Sie seien etwa 600 Millionen Jahre nach dem Urknall entstanden und viel größer als erwartet, schrieben Ivo Labbé von der Swinburne University in Melbourne und seine Kolleginnen und Kollegen in einem am Mittwoch von der Zeitschrift „Nature“ veröffentlichten Artikel.

Labbé und seine Mitstreiter hätten die Ergebnisse zunächst gar nicht glauben wollen. Die Entdeckung müsse auch noch geprüft und bestätigt werden. Einige der Objekte seien womöglich keine Galaxien, sondern supermassereiche Schwarze Löcher. Andere seien vielleicht kleiner als derzeit angenommen. Klar ist laut Labbé aber schon jetzt: Wer mit dem James-Webb-Teleskop arbeitet, müsse sich auf Überraschungen gefasst machen.

Lange zurückliegende Vorgänge, immer neue Überraschungen und vermeintlich riesige Objekte, bei denen es sich in Wahrheit um Schwarze Löcher handelt: Sind die Astronomen womöglich einer kosmischen Variante der Wirecard-Bilanz auf der Spur?

Ich wünsche Ihnen einen Tag, der mit einem Urknall beginnt und sich dann langsam steigert.

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Herzliche Grüße

Ihr Christian Rickens

Textchef Handelsblatt

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