Interview mit Jayati Ghosh: Frust in Indien: „Der Westen hat zu viele seiner Versprechen gebrochen“
Bei der Professorin aus Indien hat sich großer Frust über die Politik des Westens angestaut.
Foto: HandelsblattEuropa und Indien wollen ihre Partnerschaft ausbauen. Im Ukrainekrieg rückt die Regierung in Neu-Delhi aber nicht von ihren Geschäften mit Russland ab. Die indische Entwicklungsökonomin Jayati Ghosh, Professorin an der University of Massachusetts Amherst, erklärt, wie ihr Land auf den Konflikt blickt – und warum sich Indien vom Westen alleingelassen fühlt.
Professor Ghosh, in den vergangenen zwölf Monaten ist Indien zu einem der größten Abnehmer von russischem Öl geworden – und finanziert so Wladimir Putins Kriegsmaschine. Warum macht es Indien seinen Partnern im Westen so schwer?
Die Invasion der Ukraine durch Russland ist durch nichts zu rechtfertigen – ich verurteile das voll und ganz. Der Westen hat aber immer noch nicht verstanden, dass er nicht bei jedem seiner Konflikte erwarten kann, dass sich der Rest der Welt blindlings hinter ihn stellt. Zu oft haben wir gesehen, wie der Westen mit zweierlei Maß misst. Ich erinnere nur an den Irak-Krieg, wo es der Westen war, der auf der Basis von Lügen in ein souveränes Land einmarschiert ist.