Preisentwicklung: Inflation in Großbritannien sinkt stärker als erwartet
Die Statistiker erklärten den schwächeren Preisauftrieb vor allem mit niedrigeren Kraftstoffpreisen.
Foto: ReutersLondon. Die Inflationsrate in Großbritannien ist im Juni stärker zurückgegangen als von Ökonomen erwartet. Die Verbraucherpreise stiegen um durchschnittlich 7,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie das Statistikamt ONS am Mittwoch in London mitteilte. Damit liegt die Preissteigerungsrate zum ersten Mal seit einem Jahr unter der Marke von acht Prozent.
Volkswirte hatten mit einem Plus von 8,2 nach 8,7 Prozent im Mai gerechnet. Trotz des Rückgangs bleibt Großbritannien innerhalb der sieben führenden Industrienationen (G7) das Land mit der höchsten Inflationsrate. In den USA waren die Verbraucherpreise zuletzt nur noch um drei Prozent gestiegen.
„Das sind gute Nachrichten, aber noch keine großartigen“, kommentierte Mohamed El-Erian, Ökonom der Universität Cambridge, den Rückgang der Inflation in Großbritannien. Die Kerninflation bleibe hartnäckig. Die Rate, bei der die schwankenden Energie-, Lebensmittel- und Tabakpreise ausgeklammert werden, stieg im Juni um 6,9 Prozent nach 7,1 Prozent im Vormonat.
El-Erian führte das nur langsame Nachlassen des Preisdrucks unter anderem auf eine schwache Produktivität im Königreich und den Lohndruck auf dem Arbeitsmarkt zurück. Ausschlaggebend für den Rückgang im Juni war, dass die Benzin- und Lebensmittelpreise nicht mehr so stark gestiegen sind wie in den Monaten zuvor.
El-Erian erwartet jedoch, wie die meisten anderen Ökonomen, dass die Bank of England jetzt das Tempo ihrer Zinserhöhungen verringern wird. „Es ist nunmehr wahrscheinlicher, dass die Notenbank die Leitzinsen beim nächsten Mal um 25 anstatt um 50 Basispunkte erhöhen wird“, sagte El-Erian.
Anleger schrauben Zinserwartungen zurück
Die Anleger schraubten ihre Zinserwartungen zurück und rechnen nun damit, dass der Zinsgipfel bei etwa sechs Prozent erreicht wird. Derzeit liegt der Leitzins bei fünf Prozent. Der Pfund-Kurs reagierte prompt auf die veränderten Zinserwartungen und notierte schwächer.
Nach dem Schock im Mai gehen Ökonomen jetzt davon aus, dass die Inflation in Großbritannien ihren Höhepunkt überschritten hat. Die Zahlen deuteten darauf hin, „dass wir das Schlimmste hinter uns haben“, sagte Kitty Ussher, Ökonomin beim Institute of Directors in London. Notenbankchef Andrew Bailey hatte vergangene Woche ebenfalls einen deutlichen Rückgang der Inflationsrate bis zum Jahresende vorausgesagt.
Dennoch bleibt das Preisniveau weit über dem Inflationsziel der Bank of England von zwei Prozent. El-Erian führte das auch darauf zurück, dass die britischen Notenbanker den Preisschub zu lange als „vorübergehend“ betrachtet und dann zu spät mit Zinserhöhungen reagiert hätten.
Erleichtert über den Rückgang der Inflation zeigte sich auch die Regierung in London. „Die Inflation ist rückläufig und befindet sich auf dem niedrigsten Stand seit März letzten Jahres“, sagte Finanzminister Jeremy Hunt in einer Erklärung.
Ob Premierminister Rishi Sunak allerdings sein Versprechen vom Jahresanfang erfüllen kann, die damalige Inflationsrate bis Dezember zu halbieren, ist weiter offen. Dazu müssten die Preissteigerungen auf 5,35 Prozent sinken. „Wir gehen davon aus, dass die Inflation in diesem Jahr durchschnittlich 7,5 Prozent betragen wird, bevor sie bis 2024 auf drei Prozent sinkt“, sagte Yael Selfin, Chefökonomin der Wirtschaftsberatung KPMG in London.