Shortlist des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises: Unkontrollierte Macht: Wie eine „digitale Republik“ aussehen könnte
„Digital Republic“ ist ein Manifest, das für eine neue wertebasierte und menschenorientierte digitale Ordnung plädiert.
Foto: dpaBerlin. Dass es der englische Autor Jamie Susskind auf die Shortlist der besten Wirtschaftsbücher dieses Jahres geschafft hat, ist schon fast als logische Folge der Ereignisse zu betrachten. Schließlich dürfte 2023 als das Jahr in die Geschichtsbücher eingehen, in dem Künstliche Intelligenz massentauglich wurde und sich aufmachte, unsere gesellschaftliche Ordnung mitzuprägen. Das Sprachmodell ChatGPT hat es in nur wenigen Monaten geschafft, die Arbeit, das Leben und auch das Denken der Menschen rund um den Globus zu beeinflussen.
Die Frage, welche Regeln und Gesetze sich die Menschen wünschen, wenn Maschinen immer mehr Einfluss gewinnen, muss also dringend gestellt werden – Susskind versucht, sie zu beantworten. Dabei macht es sich der Autor nicht leicht. Er wägt anhand von aktuellen Beispielen und eigenen Ideen ab, macht Vorschläge und nähert sich so seiner Vision einer digitalen Republik immer weiter an.
Sein Werk ist daher also keineswegs eine technokratische Abhandlung, sondern schafft eine tiefsinnige und leicht zu lesende Auseinandersetzung mit einer der tiefgreifendsten Veränderungen unserer Zeit.
„Digital Republic“ ist ein Manifest, das für eine neue wertebasierte und menschenorientierte digitale Ordnung plädiert. „Die zentrale Herausforderung lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: unkontrollierte Macht“, schreibt Susskind. Diese unkontrollierte Macht der Technologien und ihrer Schöpfer könne „den moralischen Charakter einer Gesellschaft formen, zum Guten wie zum Schlechten“. Susskind entwirft deshalb die Utopie einer „digitalen Republik“, die diese Macht versteht, eingrenzt und in die richtigen Bahnen leitet.
Dabei wird offensichtlich, dass ein paar neue Regeln nicht reichen werden. „Digital Republic“ macht klar, dass die Menschen Demokratie und Gesellschaft komplett neu verhandeln müssen, wenn sie dieser Macht Herr werden wollen.
Trotz theoretischer Abhandlungen und des Fokus auf Technologie und Algorithmen ist „Digital Republic“ leicht verständlich – auch für Leserinnen und Leser, die sich zum ersten Mal mit dem Thema beschäftigen. Gleichzeitig erzeugt Susskind ein echtes Unbehagen, indem er eine Diskrepanz zeichnet zwischen unserem alltäglichen Verhalten im digitalen Raum und unserem geringen Wissen darüber, wie dieser Raum funktioniert.
„Computercode verfügt über die beeindruckende Fähigkeit, menschliche Aktivitäten zu kontrollieren – geräuschlos, automatisch, präzise – , und duldet dabei keinerlei Einspruch“, schreibt Susskind. Ein Phänomen, das den Menschen kaum bewusst wird, solange es fehlerfrei funktioniert. Erst wenn es scheinbar paradoxe oder offensichtlich diskriminierende Ergebnisse liefert, werden wir aufmerksam.
Ein Beispiel: Kunden, die ihre Namen in Formularen kleinschreiben, neigen dazu, Kredite nicht zurückzuzahlen. Das wirft die Frage auf: Sollten wir es dem Algorithmus überlassen zu entscheiden, dass Leute mit einer Präferenz für Kleinbuchstaben offensichtlich nicht kreditwürdig sind? Und das, obwohl wir selbst den Zusammenhang nicht verstehen können?
Susskind meint „nein“, denn seiner Meinung nach berufen sich die Entwickler im Silicon Valley auf eine falsche Prämisse, die er als „Neutralitätsirrtum“ bezeichnet. Laut vielen „Techies“ sei Computercode wertfrei und habe schon deshalb recht, weil er per se alle gleichbehandle. Ein Irrtum, wie Susskind schreibt – Code sei moralisch, das Digitale deshalb politisch.
Anhand von konkreten Vorschlägen entwirft der gelernte Jurist ein detailliertes Bild von einer modernen Republik, die menschengemachte Grundsätze auf den digitalen Raum anwendet. Dazu zählen etwa „Tech-Tribunale“, die mit unabhängigen Experten besetzt werden sollen und dazu dienen, kleinere Streitigkeiten zwischen Privatpersonen und Technologiefirmen beizulegen.
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Der Autor ist sich sicher, dass ein Regelwerk technologische Innovationen nicht hemme, sondern sogar beflügeln könne. Zu Bausteinen dieses Regelwerks für eine „digitale Republik“ zählten auch Transparenz und eine bessere kartellrechtliche Kontrolle.
Interessant ist, dass Susskind sich nicht für eine allumfassende internationale Ordnung einsetzt, obwohl das Internet nicht an Ländergrenzen haltmacht. Stattdessen plädiert er für Regulierungen auf nationaler Ebene, um die historisch gewachsenen Besonderheiten der analogen Welt nicht zu übergehen. Eine Forderung, die wohl nur schwierig umzusetzen und einfach zu umgehen wäre.
So bleibt am Ende vor allem die Frage, wie realistisch die Umsetzung von Susskinds Vorschlägen wirklich ist. Bis zur „digitalen Republik“ scheint der Weg noch sehr weit. Vielleicht sollten mehr Entscheidungsträger weltweit dieses Buch lesen.